Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 21 (1.11.1869)
- Date
- 1869-11-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der zweite Redner ist Herr KanowSki au- Königsberg. Er legte die Schattenseiten unserer unglücklichen russischen Glaubensgenossen in einer Weise dar, die ihnen alle Schuld an ihreui Elende allein aufbürdet. Herr KauowSki erzählt, daß er selbst Russe sc«, sein halle- L»ben eise ans Reisen in den in Rede Flehenden Provinzen zngebracht habe. Die orthodoxen Rabbiner perhonc-cirrn Alles, was irgend eine Neuerung sei, was Eultur und Civiliiation betreffe; daher feien die Juden selbst hinter der Bildung der russischen Ehristen zuriickgeblieben. Iiicht Mißwachs, nicht polnische Revolution, sondern die Verdummung und Verkommenheit der jüdischen Bevölkerung habe deren Verarmung verursacht. Sogar die wohlhabenden Kaufleute seien nicht geschult; die Handwerker seien Pfuscher; die Arbeiter seien die Parias unter ihren Glaubensgenossen, seien verachtet. Die sogenannten „gu en Kinder," d. h. Knaben, die Anlagen zum Lernen haben, seien so gesucht, daß die Leute ihre Verarmung hcrbciführcn, um solche Schwiegersöhne „einziisetzeii," diese erhalten dann von den Schwiegereltern die Kost, gehen ins Bcth-Hamidrasch, lernen aber selten, sondern lungern dort herum, wenn sic ihre» Zweck erreicht haben; er selbst habe cS auch so gemacht. Der Einwanderung der Juden nach dem Innern sei sehr zu widcrratheu, der Pöbel sei dort fanatisch; bei jedem Brande wurden die Juden der Brandstifiung beschuldigt, die sie dann auch, von den Qualen der Tortur dazu veranlaßt, bekennen, wiewohl sie ganz unschuldig seien. Versuche, die Juden als Ackerbauer im Innern des Reiches anzusiedclil, seien vielfach mißlungen, dagegen sei ihnen die Erwerbung von Grundbesitz in den westlichen Provinzen von Seiten der Negierung verboten. Die Schüler, die auS den von der Negierung angelegten Rabbinerschulen hervorgingcn taugen nichts; viele davon ließen sich später sogar taufen. Jene ehemaligen Zöglinge der Rabbinerschulen seien die sogenannten Kronrabbincn; die nicht den geringsten Einfluß in ihren Gemeinden hätten. Herr K. schlägt vor; l) Errichtung von Elementarnnd Gewerbeschulen, namentlich zur Erlernung der russischen Sprache. 2) Einwirkung des Verbots, den deutsch polnischen Jargon zu sprechen, U) Einflußnahme auf die Regierung, damit sie Erwerbung von Grund und Boden im Westen gestalte. 4) Gewährung der Mittel, um zur AuSwaudcri ng »lach Anitrila behilflich zu sein. Nachdem Redner mchrcre Male vom Bcifallc der Versammlung unterbrochen und ihm ain Schlüße seiner Rede vom Präsidenten wegen der klaren Darstellung der Ursachen de- NothstandeS den Dank erhielt, ergriff Herr vr. Lehmann Redakteur de» -Israelit" da- Wort. Meine Herren! beginnt er, ich erkenne an, daß Herr KanowSki mit scharfem Blicke die Verhältnisse seiner Landsleute erkannt hat. doch fürchte ich. mit allzufch ar fe m! Ehe ich da» näher einer jüdischen Bevölkerung aufmerksam machen, *ie Ihnen Allen bekannt und mit der in Rede stehenden in engen Zusammenhänge steht. Fast sämmtliche Juden RnßlandS, namentlich diejenigen, welche unS heute beschäftigen, wohnen in Provinzen, die dereinst der polnischen Republik angehörten, durch die Theilung Polens kam ein Thcil jener Provinzen an Oesterreich, ein Theil an Preußen. Welch' eine großartige Entwickelung haben die Juden im preußischen Polen erreicht! In allen Culturländern der Welt finden Sie dem Hcrzogthume Posen entstammende Juden, welche auf der Höhe der Cultur, der Civilisation, der Kunst und Wisienschast stehen, die sich einer gediegenen Wohlhabenheit erfreuen! Und diese Juden auS Posen sind StammeSgenoffen dereinst die Landsleute der so hart beschuldigten Westrussen, standen noch nicht vor gar zu langer Zeit auf demselben I Standpunkte des Lebens und der Anschanngen! Woher nun I diese große Cultur bei den Juden des HerzogthumeS Posen? i Daher, weil sie statt unter russische unter preußische Herrschaft gekommen, weil sie nicht von AuSnahmSgesetzen niedergedrückt wurden, weil sie sich frei bewegen und ernähren dursten! Und für die Noth, in der sich die armen, unglücklichen Westrussen befinden, will man sie und sie allein verantwortlich machen, will behaupten, daß ihre orthodoxen Rabbinen und ihre streng religiöse Lebensweise an ihrer Armuth die Schuld trage? Hüten wir uns, meine Herren, Eins aus dem Andern zu folgern, hüten wir unS in den Fehler zu fallen, zu sagen; Post hoc ergo propter hoc! Aufeinanderfolgende Erscheinungen bedingen noch nicht, daß eine aus der andern folge. Die Einzelheiten und Anekdoten, die Herr KanowSki uns erzählt hat, geben unS noch nicht das Recht, davon auf das Allgemeine zu schließen. Wir Juden haben lange unter derartiger Verallgemeinerung gelitten, wir haben lange dagegen gekämpft, daß man, was e i n Jude gethan, allen Juden aufbttrdete. Fallen wir nicht in denselben Fehler, indem wir von Einzelheiten von einzelnen Vorkommnissen auf 2% Millionen Glaubensgenossen schließen. Ucbcrhaupt, meine Herren, sind wir ja hier beisammen, um Ulisrrn bcdaueriiöwcrthen, unglücklichen Brüdern zu helfen! Lassen wir bei diesem Werke der Hilfe wie das Erbarmen so auch die Liebe vorwalten, und tragen wir deßhalb den drl und Wahlschwindcl; für mich batte speziell der Wahlschwindcl Interesse, der durch fast 14 2 age van der Gemeinde nicht weiche» «vvllte. weil sic sich eben van zwei Acrztc» behandeln läßt, die sich in ihrem Leben mit keinem andern ttinper zu schaffen gaben, alS mit Wablkörpern. Mir that die Wahl sehr wehe, als mein diagonaler „Freund"mit der Caffc-Firma Lorenz »t Clique „angczcttclt" hat und durchdie folgen von Wahlsiebcr, von dem Entschlüsse sich aufznstcllc», Libgekonnnen ist. um nicht mit Durchfall zu ende». Alle» waS ist, ist gut und eS ist gut, daß die jüdische Vertretung in, „Spielen" gewandt ist. Daß sie meisterhaft spielt, spricht dafür, daß sie „alle nenn gemacht" nnd ihrenM ei st er Sing e r, ich meine nicht den vom Indcnseeffer Wagner, ich mesnc de» «hemallgcn .Uoinmi-, der mit besonderem beschick in dem nencstcn Vorspiele „Rhcingold" paradiN, dnrchgebracht hat. So tröste ich lnich, da mein freund Weffeli», mein Freund Schwab. nnd mein Freund Litschi» auch durchgedrungen sind. Der erste dieser meiner Freunde, der arme hatte vor der Mrifi? fürchterliche Schmerzen zu dulden und da» himmlische Strafgericht, kann die Urheber dieser Zcttclvcrfchwörer nicht ungeahndet taffen. Alle» wa» ist. ist gut; e» iff gut, daß sie durchgegaugen sind. Rach Amerika? o »ei», in die Repräsentanz, c» ist gut, daß sic wie Butter durgegangcn sind, auf daß die Gemeinde wissen möge, wie sic sich angcschnricrt hat. Im Ganzen haben die ander Gemeinde herau-gezeticltcn nnd herausgrsiegclten Renner vier neue von unsere Leut aufzniveisru, wa» nicht» andere» sagen will alS mit diesen „Bieren" wird die Clique fahren, wie sie mit ihnen fahren wird, läßt sich nicht vorauSbcstiimncn. Ich mcineStheil» ivü.dc jedem dieser vier eine besoridere Rolle zuwcise», der eine müßte darauf sehen, daß die Gemeinde nicht so viel „blecht," der zweite, daß da» Budget „beschnitten' werde, der dritte, daß ec,nur „wolle" was die Gemeinde will und der vierte möge nur die „Rechte" der Gemeinde wahren. Halt! ich habe noch einen fünften vcrgesirn, der zählt zwar viel für sich, aber nicht viel für unS, er mußte trotz feinem hohen Alter „hinein"; denn wo man gerne „dckorirt" fein will, muß man auch einen Aufputz haben und so kommt e», daß wir eine garnirte Repräsentanz haben. AlleS w a ö ist, ist g u t; e» ist gut. daß ich, um nicht dani» erst üb erhascht zu werden, mir im Geiste vorstelle, wie sie, die „intelligenteil" Herren der Rcpräscntonz dem gelobten Lande „Präliminare" zustcurrn, um sich dem Tcwelc» und dem Stcinele» u»d dem Wol. felcS für die TantaluSarbcit. die sie bei der Wahlzettelplündcnmg gehabt, mit Remunerationen dankbar zu zeigen, wie der Schwöb dem Ungar zuflüstern wird: Neige dich herüber zu mir, der ich deinetwegen schwitzen mußte, daß du hercingezettclt wurdest und wie der Ungar antworten wcrde^ Teremtete Dorf ich nit of einniol. »mb ich nooch und noochTdoß Leut nit sehen, doß falsch ich bin. wrrr schon kuinme teremtete, während Pion plon sagen wird: jurnsis messieursje suis un homine du peuple und mit Carlos ausrufen würde: dann auch, wenn der Wurm der Schmeichelei mein unbewachte» Herz umklammerte — wenn diese»