Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 20 (15.10.1869)
- Date
- 1869-10-15
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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«mfgeiv orfen, der Repräsentant der böhm. Judenschaft in der Leipziger Synode zu sein, um nur seine Schläfen mit dem Lorbecrkranz umkränzt zu sehen. ES ist dieser Reformfanaliker unser Herr vr Mühsam, ich sage unser, da eS fei* hgr Gemeinde,eins.,llrn bürftf. ihn -fu bth lbriqenzu nta^~ dien. Er ist derselbe Herr Mühsam, der in Ihrer Prager Neusynagoge eine Probeprcdigt hielt, dir, so viel ich dem gedruckten Exemplare entnahm, nichts merken ließ, mit welchen Gelüsten sich der unsterbliche Prediger trägt. Ich will Ihnen nun ein Pröbchen gehen, wie dieser preußisch-böhmische Neformdilctant hier machthabcrt und unseren Gottesdienst „zugerichtet" hat, in einer Faoon, über die selbst die Herren Geiger und Konsorten lachen müssten. Ich greife nun nicht gar weit zurück und will Ihnen den Hoschano rabo- (Weidensest) und Schemini-Azereth-Festtag sd)ildern und Ihre Leser dürften den Eindruck kennen lernen, den der Gottesdienst an diesen Tagen auf mich und alle Andächtigen gemacht hat, zumal auf Fremde, die in demselben weder einen orthodoxen, noch einen reformirten, noch einen portugiesischen erblicken. Das Schcmone Eßrah-Gebet wurde von der Gemeinde nid)t mehr im Stillen gebetet, sondern vom Kantor laut vorgetragcn. Dieses probate Mittel diente dazu, um die Andächtigen bis zum Ende des Gottesdienstes an demselben zu fesseln; allein nach wie Vorgehen die meisten, denen es nur darum zu thun ist, sich „vorgestellt" zu haben gleich nach Mußaf-Redusebab fort. Bon einem Priestersegen (vuchene) findet sich keine Spur und warum sollte er auch sein, wenn an dem Rabbi keine Uroede (Segen) ist, braucht sie auch nicht die Gemeinde. Ebenso verhält cS sich mit dem Vorlesen der Thora; zu derselben werden nicht mehr als fünf Personen vorgerufen unter gänzlichen Wegfall der üblichen ^mebeberaeb. Der ganze Akt erhält durch daS Auf- und Abgehen des Predigers während des ThoralescnS den Eharakter eines Hochamtes, dem aber jede Weihe fehlt, die bei derartigen kirchlichen Funktionen Andersgläubiger zu finden ist. Dagegen wird das Seelenheilgebet auf einer ganz eigenen Art exekutirt, es wird nämlich das Jiskor gesagt, dem folgt Adonai mo odom und schließlich Menucho nechono und der Rabbanan-Kadisch. Die Haftorah wird vom Prediger deutsch vordeklamirt und zur bessern Hebung der deutschen Deklamation werden vom Cantor die Bor- und Nach-Lroebotb hebräisch deklinirt. Sollte das Alles vielleicht dem neuesten Tempelritus entsprechen, dann ist es schwer zu begreifen, wie der Prediger Jozeroth und Maaroweth, daö Steckenpferd des orthodoxen Ritus in unserem Gotteshause zum Besten geben läßt. So sieht es in unserem Postelberg aus, daß sid) mühsam bestrebt, einem Manne die religiöse Aufsicht zu übertragen, der unseren Gottesdienst zum Marionettenspiel zugestutzt hat! Der Mann befindet sich dabei sehr gut, die Geschichte macht ihm Vergnügen, allein man wird mir beipflichten, sie ist sehr traurig. Wien 10. Oktober (0.- K.) ES hat sich in der letzten Zeit in unserer Gemeinde so wenig zugetragen, daß idj mich in meiner Beriditerstattung sehr kurz fassen muß. Man geht in der hiesigen Vertretung, wie ich auS kompetenten Kreisen erfahre, mit dem Plane um, ein organisirteS Armeninstitut zu errichten, um auf dieser Weise die Gcmeindemitglieder vor der Zudringlichkeit gewisser permanenter Bettler zu schützen. DaS Volksschulgesetz hat in die meisten israelitischen Schulen und Institute Bresche geschossen, indem eS dieselben ihres konfesiionellen EharakterS entkleidet und zu konfessionslosen gemacht hat. Die Folge davon ist, daß die israelitischen Schulen viele Schüler verloren, die man vorzog, in katholische (konfessionslose) Schulen zu schicken. — x — Locales. %* Bei der enger» Wahl im dritten Wahlkörper warben die Herren Koppelmann Plohn, Salomaa Kahn uad Moritz Ungar gewählt. *** Zur Illustration der Wahlen. Noch nie hat eine Wahl so begonnen wie die in die Repräsentanz. Sechs Mitglieder derselben, unter denen Dr. Wiener Dr. Tedesko, Zappert, S. K. Frankl, haben im Vereine mit einigen unbedeutenden Personen der Gemeinde, die sie durch Schmeicheleien zu gewinnen suchten, den Entschluß gefaßt, die Herrn M. A. Wahle, Ignatz Schütz, Koppelman Lieben, aus der Repräsentanz heranSznbngsiren. Alle möglichen Hebel wurde» in Bewegung gesetzt, von ehrlichen und unehrlichen Mitteln Gebrauch gemacht, jenen Männern den Eintritt in die jüd. Vertretung zu versperren. In die Wahlkommission wurden dnrchwegö Männer gesetzt, die mit der Eliqne liirt sind, AmtSskribler Teweles mußte mit seinem schönen Gesichte die Wähler verlocken, die Wahlzettel im unanSgefü'llen Zustande herzugeben. Die Mitglieder der Wahlkommission verließen abwechselnd daS Wahllokale, um noch im letzten Augenblicke zu agitiren, zudem sollen Repräsentanzmitglieder gegen nie besteuert Gewesene zuvorkommend gewesen sein und sich in dieser Weise zu Wclhlzettcln verholfen haben. So ging cö fort bis zwei Mann der k. k. SicherheitSwad)e requirirt werden mußten, weil ein Unberufener, Verwandter eines WahlkommifsürS einem 75jährigen Manne, der mit der Mission Stimmzettel abzugebcn betraut war, in brutaler Weise den Zutritt ins Wahllokal verwehrte. Und dieß Alles mußte stattfinden, um den ehemaligen Eollegen der sitzen gebliebenen Repräscntanzmitglieder das cousilinm ubeundi zu geben. Die so verdrängten Männer, die durch eine Reihe von Jahren der jüdischen Gemeinde in versdiiedcner Art wesentliche Dienste geleistet haben, mögen ein Hallelujah dem Herrn singen, daß sie die Ehre haben, in einer Körperschaft nicht zu sitzen, deren Mitglieder darauf angewiesen sind, von allen erdenklichen Mitteln Gcbraud) zu machen, sich die gegen sie obwaltend: A ntipathie der Gemcindemitglieder. durch Kabalen und allerlei Vorspiegelungen zu ersetzen. Herr Schütz hat öffentlich erklärt, jede auf ihn zu entfallende Wahl nicht anzunehmen, Herr Lieden exponirte sich in keiner Weise und Herr M. A. W a h l c wich um durch das Drängen einer großen Anzahl achtbarer Gemeindemitglieder seinem Entschlüße rechtzeitig zu resignircn. Die Offenheit und Ehrlichkeit dieses Manne» bei jeder Gelegenheit, die großen Verdienste, die er sich um die Beerdigungs-Brüderschaft, um den DarlchenSverein erworben, rechtfertigen das Vertrauen, das die Gemeinde für ihn hegt, ein Vertrauen hingegen, das nur auf gewaltsames Abfangen von „Wahlzetteln" und auf diverse Manöver beruht, ist kein Vertrauen. Diesem JndifferentiSmnS der Gemeindemitglieder gegenüber, glauben wir den Herren Schütz und Wahle nur rathen zu können, der Gemeinde nach keiner Richtung hin zu dienen. Männer wie diese, haben keine andere „Wahl" als ihre langjährige Thätigkeit in der jüdischen Gemeinde, durch ein sich Zurückziehen zu beschließen, das mit dem Danke konform ist, den man für die langjährigen Bestrebungen in der jüdischen Gemeinde erntet. —r— V Freitisch-Stiftung. Es liegt uns der Ausweis über die Einahmen und Ausgaben der Freitisch-Stiftung für arme jüdische VolkS-Unter-und Oberreal-Schüler vor. In Anbetracht dessen, daß diese Stiftung nie da- Licht der Öffentlichkeit erblickte, ist das Resultat als ein höchst zufrieden stellendezu bezeichnen. Die Einnahmen vom 15. Okt. 1868 bi-Ende Juli 1869 betrugen 589 fl. '98. Die Ausgaben 560 fl. 08. Es verbleibt somit ein Rest von 29. 90 zu dem der Kassavortrag von Oktober 1868 gerechnet den Kassabestand von 144. 89 Y. auSweist. Den Fond bildm 13 Stück 5 , Metall fl. 1300 (5. M. und 1 Stück 5% Rat.-Anl. 50 ft I Die Spenden betrugen 481 fl. Wie nach denselben zu schlie-