Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 20 (15.10.1869)
- Date
- 1869-10-15
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die ihm wegen seiner, während deS letzten Advents gehaktenen sechs Predigten, sowie wegen seiner Rede bei der feierlichen Eröffnung der Lignc de la Paix (imJnli d. I.) zugegangen sind. Als er die letztgedachtc Rede hielt, saß der Pater zwischen einem evangelischen Pastor und einem Nab- Inner, welchen beiden er mit Feuer und unter beredtem Ausdrucke die Hände reichte, während er sprach und an die Worte de« Friedens erinnerte, die er in seinem Advents- Vorträge vom 0. Deccmbcr 1808 an die in Notrcdame Bersannnellen gerichtet. In Bezug auf die Juden sagte er damals: „Sind Sie meine Herren, jemals einem Juden begegnet, ohne ihn zu erkennen? Haben Sic nicht oft bei solcher (Gelegenheit ein fremdartiges schönes, aber zugleich düsteres und anziehendes Antlitz mit einem Auge voll Berstand und Leidenschaft bewundert V Sie mußten, wenn auch vielleicht ungern, zugcbcn, daß hier ein reineres, stolzeres aristokratisches Blut fließe, ein Blut, das durch alle Menschcnaltcr und alle Raren auf unsere Zeit gekommen, ohne sich mit anderem Blute zu vermischen. Haben Sic Männer des Gedankens und der Politik, Lehrer der Staats- und der Volköwirthfchaft, wohl die eigcnthümlichc Organisation der jüdischen Familie studiert? Bis zum heutigen Tage und vor unseren Augen hat in Europa, wie in Asien, die Organisation der jüdischen Familie Widerstand geleistet, während ihre Stützen ringö um sic her gestürzt sind. Sic besaß ein KönigSthnm, sic bildete einen Staat; das Eine wie das Andere ist seit Jahrhunderten gefallen. Sie besaß ein Priestcrthnm, einen Tempel des Allcrheiligften; von beiden ist wohl noch eine Spur vorhanden, aber ohne allen historischen Zusammenhang mit dem was früher war. Ihr Tempeldienst ist verschollen; eS gibt weder Opfer, noch jüdisches Kirchen-, Priester- und Königthum mehr, aber die jüdische Familie «na molo stat, sic erhält sich durch ihre eigene Kraft. Sie findet in sich selbst die Kraft, sich unverletzt zu bewahren, sowohl den Revolutionen der Neuzeit, als der Barbarei des Mittelalters gegenüber, und diese Kraft besteht in ihrer Tradition des Blutes, in ihrer Tradition von Gott! „Ich weiß, es wird gesagt, daß das Kainszeichen, welches dieses Volk auf seiner Stirn trägt, der Fluch vom Ealvaricnbcrg ist. Ach, ich bestreite nicht daö Verbrechen vom Berge und die tausendjährige Strafe, die darauf gefolgt, aber ich weiß auch, daß, wenn dieses gesagt wurde: Sein schön vergoldet auf blauen oder rotben Grund. Unter diesen Grabinälern ist auch die Gruft eines Paschas, der die Beduinen bcsiegte. In der Nähe dieser Gräber sieht inan das cbeiualige goldene Thor. Wir wenden nnS abermals um und haben den Ölbcrg vor unfern Augen, zu dcmsclben führen drei verschiedene Wege und wenn wir unS rechts cm einen derselben halten, kommen wir zum Grabe Marias. In diesem, das ein Gebäude vorstcllt, zn welchem viele steinerne Linsen führen, steigt man hinab in die kalten und dumpfen Gemächer, wo man das Grab Maria s, Josefs etc. zeigt. Oben wieder angckommen sehen ivir den Brunnen Marias, die BlütfchivihungSgrotte, in welcher eine lateinische Capelle ist, rechts ist der Gartcn Gethsemane mit sechs ganz alten Olivcnbänincn, zwei Franziskaner Mönche pflegen den hier sich befindenden Garten und sind mit der Aufsicht desselben bctrant. Unter den hier beginnenden jüd. Gräbern steht ganz abgesondert ein Odvenbanm über eine Erdverttefung, die zu den Gräbern der Profiten führt. Oberhalb dieser sind Kerzen angezündet und ivcnn man durch sehr kleine Zugänge sich durch gewunden hat, so hat man vor sich eine Art Katakombc», in welchen nichtanderes als unzählige Grabeshölen zu sinden. an deren Wände die Namen der Besucher verzeichnet sind. — Am Rücken des HlbergcS und in dessen Mitte steht die ehemalige HimmelfahrtSkirche, jetzt eine Moschee nebst Minarct, von besten Spitze das Seil zum Mahomrtstein hinüber gezogen werden soll. Fortsetzung folgt. Blut komme üörr uns und unsere Kindes! eine bessere und mächtigere Stimme dagegen sagte: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! Und der Apostel Paulus hat ebenfalls gesagt: Sie sind schuldig, aber die Kinder bleiben um der Väter willen aescgnet.dileeti propter patres. Nicht das Kainszeichen also ist eS, das ich sehe, nicht der Zorn ist unsterblich, wohl aber die Liebe, die das Zeichen AbrahamS ist, das große Abzeichen der patriarchalischen Familie, welches Gott auf die Stirn dieses Volkes gedrückt und das dieses Volk trotz seiner und trotz unserer sich erhält: „Du wirst meinen Bund in deinem Fleische tragen, und du wirst ilnmer, durch alle Jahrhunderte, der Sohn Jchovahö sein!" >" Journalistik. Der „Osten" läßt sich unter dem Titel: Die salomonische Weisheit dev obersten Gerichtshofes in Pest Folgendes berichten. Seitdem bei der Reorganisation der höheren Justizbehörden des Landes auch die Richterstellen zu Versorgnngs- und Entlohnungsposten geworden sind, für bei den letzten Wahlen durchgefallene Majoritäts-Eandidatcn, für Advocaten, die kleine Elientelen, aber desto rechtgläubigere Gesinnungen haben, und für alle die braven Leute ähnlichen Schlages, scheint besonders die königliche Tafel mit ihre» Rechtssprtt« chen es darauf abgesehen zu haben, daö Publicum an das Sprichwort „heiter auch in ernster Zeit" zu erinnern. Unter der großen Auswahl salomonischer Urtheile, die dieses hohe Justizforum in jüngster Zeit gefällt, will ich zur Unterhaltung Ihrer Leser blos folgende zwei hervorheben: In Szcgedin führen zwei Juden Proceß, die Sache kommt endlich an die königliche Tafel, nachdem inzwischen beide Theile übereingckommcn waren, sich dem Urtheile derselben zu unterwerfen, und durch keine weitere Appellation den RcchtSgang noch ferner fortzuspinncn. Trotzdem nun in dem Justizministerial^ Erlaß über das richterliche Verfahren in Rechtssachen (§. 181) sich ganz genau die Formel des von mm an ohne allen Unterschied der Eonfessioncn von den streitenden Parteien zu leistenden Eides vorfindet, trug in diesem Falle die königliche Tafel dennoch den Betreffenden den alten Judeneid mit allen seinen hcrabwttrdigcndcn und stupiden Ceremonien auf. Die Entrüstung aller Kreise über dieses Schwabenstück läßt sich denken. Die israelitische CultuSgemeinde in Szegedin Erklärt in einer Eingabe an das Justizministerium rundweg daß sie zur Vollstreckung eines solchen UrtheileS weder ihren Tempel, noch den Rabbiner hergibt und gegenwärtig herrscht die größte Verlegenheit, was nun zu thun sei. Postelberg 8. Oktober 1869. (0. K.) Wenn ich Ihnen heute post. le8tum einen Bericht erstatte, der die synagogalc Seite unserer Gemeinde betrifft, so thue ich dicß im Interesse der hie und da obwaltenden Zustände, die sich aus der Leipziger Synode heraus entwickelten. Die Leser dürften leicht die Früchte erkennen, die der synodale Baltin der Erkenntniß getragen hat: sie werden dann bald einen Begriff über die „Aufklärung" und „religiösen Fortschritt" erhalten. Die israelitischen Gemeinden Böhmens, denen was Intelligenz betrifft, die anderen Provinzen der österreichischen ungarischen Monarchie keinen Rang ablaufen, haben eingedenk ihrer echt religiösen Gesinnung und im Jntereffe deö Friedens die Synode nicht beschickt; nur in einer Gemeiude hat sich ein obscure» Rabbinerlein selbst