Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 19 (1.10.1869)
- Date
- 1869-10-01
- Page
- Seite 193 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Sitz im Unterhause einahm. Sir David hatte muthmaßlich schon vor 13 Jahren die ihm jetzt erwiesene Ehre erwartet, denn im Jahre 1856 baten seine Mitbürger den damaligen Premier, den von Alderman Solomons während seiner Amtsdauer als Lordmajor der CitL_v0L -London^ geleistetenDienstm die öffentliche Anerkennung nicht zu versagen. London. Sir Mose« Montefiore läßt in Jerusalem mehrere Häuser für Arme bauen. Russland. Bon der russischen Grenze, 24, Juli. — Die „Könlgsb. Hart. Ztg." meldet: Herr vr. Rülf. Prediger der israelitischen Gemeinde in Memel, hat seine Reise nach Kowno, um die Uedersiedelung seiner nothleidenden Glaubensgenossen aus den Grenzbezirkcn nach dem Innern Rußlands zu ordnen, in einer Broschüre geschildert, aus welcher wir Folgendes, das auch in entfernteren Kreisen nicht ohne Interesse sein dürfte, hervorheben. Kowno, eine Stadt von 40,000 Einwohnern, zählt darunter 25—30,000 Juden, welche der verschiedenartigsten Gcwerbthätigkeit sich widmen. Den ersten Eindruck von dem dort herrschenden Elende empfing der Angekommene, durch die Beiwohnung der Bespcisung von 520 nackten, völlig verkommenen Kindern, welche nicht mehr Menschen ähnlich sahen. Unter dem Vorsitze des Gouverneurs, Fürsten ObolenSki, eines wohlwollenden Mannes, wurde in der veranstalteten Sitzung des Unterstützungö-ComiteS, welchem der Gymnasial-Director v. Novikoff und der Chef des Hauses I. S. Feinberg's Nachfolger in Königsberg beiwohüte, beschlossen: vorbehaltlich der Regierungsbestätigung eine über einen großen Thcil Rußlands sich verzweigende Gesellschaft zu begründen, welche zu allernächst die Auswanderung der Israeliten nach dem Innern Russlands bezwecken; dann die Erwerbung von Grund und Boden für die Ackerbautreibenden anstreben; endlich die Heranbildung der Jugend durch Gründung von Volks-, Handwerker,- Ackerbau- und Realschulen mit allein. Ernste betreiben soll. Zur Förderung der Einwanderung der armen Israeliten in das Innere Russlands hat die Frau Baronin James Rothschild in Paris 24,000 Francs übersandt. — Als Herr Dr. Rülf bei seiner Rückkehr daS preußische Städtchen Schmalleningken erreicht, ruft er anö: welch ein Unterschied zwischen diesem und den passirtcn russischen Städten, ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, Licht und Finsterniß. — Der Ertrag der Broschüre soll zur Förderung des obigen Zweckes einen Beitrag bilden. (Hebr.) Odessa. Man schreibt von hier dem „Schwab. Merkur" 16. September: Schlimme Folgen hatte ein gestern in der neuen jüdischen Synagoge vorgefallenes Unglück. Die jüdische Gemeinde hatte sich sehr zahlreich zur Feier des Bersöhnungsfestes eingefunden, als gegen Ende des Gottesdienstes, um halb 6 Uhr Abends, plötzlich der Ruf „Feuer" im Tempel erscholl. Die Menge verlor, wie eö bei solchen Fällen zu gehen Pflegt, sofort total den Kopf, und namentlich die oben auf der Galerie befindlichen Frauen stürzten mit solcher Gewalt auf die Treppe zu, daß in dem entsetzlichen Gedränge mehrere ^derselben umgeworfen und auf der Treppe jämmerlich zertreten wurden. Drei Frauen aus angesehenen hiesigen israelitischen Familien wurden lebensgefährlich verletzt hinweggebracht, und eine derselben soll bereits den erhaltenen Verletzungen erlegen sein. Der ganze Tumult war vollständig grnndlos, da es nirgends im Tempel brannte; allem Anschein nach, hat eine Bande von Dieben zuerst das Geschrei erhoben, um in dem Gedräng Beute zu machen, was ihnen leider auch gelungen ist, ohne daß man bis jetzt derselben hätte habhaft werden können. Türkei. Das ganze Judenviertel von Janina ist vor Kurzem ein Raub der Flammen geworden. Durch diesen Brand sind zahlreiche Familien dem Elende verfallen. Lmttes. Der^enstal-Friedhof. Unter diesem Titel bringt da» Fremdenblatt nachstehende von Dr. — rr — gezeichnete Skizze, die für unsere Leser insofern vom Interesse sein dürste als in derselben des alten Judenfriedhofe« in Prag gedacht wird. Mit dem staatlichen CentraliSmu» sind wir auf den Sand gerathcn, mit der E entral-Markthalle wissen unsere weisesten Weisen nichts anzufangen, doch mit dem Central-Friedhofc sind wir fertig geworden. So kann un» denn die freudige Hoffnung beruhigen, daß wir dereinst iir kühler Erde Centralistcn werden; zwar erhielten wir erst neulich von „kompetenter Seite" die beruhigende „Aufklärung" daß in Währing und Matzleinsdorf noch Raum genug fei für so und so viele Leiber; aber darum handelt es sich vorläufig nicht. Die TagcSfragc und der fricdhöfliche CentraliSmuS und so nehmen wir den freudigen HcrzenS-Akt, von der kommunalen Großthat, daß der Central-Friedhof demnächst eine Wahrheit werden soll. Der Gedanke, Wien mit einem Centralfricdhofe zu versorgen, ist nicht neu, schon in der Zeit Josef II. wurde derselbe gedacht, von dem „Schätzer der Menschheit" nur mst ein wenig andern Worten. Damals waren die Friedhöfe in der Stadt nächst dem Dome von St. Stefan und bei den Michaelcrn. Jeder „Grund" hatte seinen Friedhof, Wien hatte 28 „Gründe", folglich cbcnsovicle Friedhöfe, der Separatismus war in jener Zeit so gigantisch, das eine Heirat einer „Alscrin" mit einem „Leopoldstädtcr" für eine Meßalianzc galt, geschweige denn, wenn eö weiter ging, „ich Heirat vom Grund", war eine stehende Redensart. Wie im Leben so galt es auch imTode, dicLcute vom „Grund" mußten neben einander liegen. Es war daher ein gewaltiges Lamento, als ein Dekret Kaiser Josef II. die Grund-Friedhöfe anfhob. „Fortan ist eö verbothen, in der Stadt die Todten zu begraben," verordnet ein Dekret vom 18. Dezember 1782. Privatim äußerte der seiner Zeit weit vorgeschrittene Kaiser: „ich denke mit Grausen daran, daß ich dereinst bei den Kapuzinern faulen werde, am liebsten wäre es mir, sie thätcn meinen Leichnam verbrennen. Mir ist das Bor» urtheil der Menschen unbegreiflich, die darnach streben, mit Musik und Pomp der Verwesung Preis gegeben zu werden. Wie viele Millionen Gulden werden auf dieser Weise unnütz vergeudet, die besser angewendct werden könnten. Mit Politur verwesen, dünkt ihnen angenehm und sic verscharren Millionen jährlich und geben eö der Verwesung preis, während droben Millionen verhungern. In hundert Jahren wird das anders sein." Die hundert Jahre sind nahe vorüber und die „Entreprise de pompcö funcbrcS" macht doch noch glänzende Geschäfte. Kaiser Josef II. hatte doch Recht, als er sagte: „Ich kann« nicht ändern, da müßt ich denn ein Herkules fein, so lang cS Pfaffen geben wird, wird die Stola bestehen. Der vaö Wort gesprochen, „begrabet Eure Todten," hat an die Stola sicherlich nicht gedacht. „Und wollten Eure Majestät an der Seite eines Juden begraben seinkragte ein Höfling den Kaiser. „Warum denn nicht, meinetwegen an der Seite eine» Hottentoten, ich wette mit Ihnen, Herr Graf, er thäte mir nichts zu Leide und am Tage der^ Auferstehung fände ich doch meinen Weg." So ungefähr dachte sich der große Josef den Centralfricdhof, Juden und Christen sollten im Leben wie im Tode freundlich neben einander wohnen. Der Wiener Gemeinderath denkt sich den Centralfriedhof wie der Kolonisator Ungarn im Jahre 1852 der da verfügte, daß allüberall, wo Protestanten, Juden und katholische Christen zusammen wohnen wollten, sie durch eine Polizeischranke gehörig abgesondert sein sollten. Das Friedhofsdekret Josef ll. machte namenUich m