Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 19 (1.10.1869)
- Date
- 1869-10-01
- Page
- Seite 192 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätter gerichteten Zuschrift wird die materielle als instruktive Vage de- Mädchen-WaisenhauseS inschönste Licht gesetzt. In dein Schreiben lautet ewörtlich: „Nur Ihrem energischen Einschreiten, Herr Redakteur, und Ihrer getreuen Schilderung der frühern Zustände dieseder Erziehung und Pflege verwaister Mädchen gewidmeten Institutes ist es zu danken, daß sich die Lage dieser unschuldigen Geschöpfe wesentlich gebessert hat. —Die grgenwärtigen^tokalitäten sind geräumig und gesund, während die frühern pcstilenzartig zu nennen sind, die Bekleidung früher deprimirend und armselig, ist jetzt eine sorgfältige und nettere. Der Unterricht wird methodisch durchgcführt." *** Anerkennung. Die vielen uns ehrende» Zuschriften, die uns vom Lande, auf Grund des in voriger Nummer dieser Blätter enthaltenen, das Verhalten der böhm. Israeliten zu den Landtagswahlen präcisirtcn Artikels cingcschickt wurden, setzen uns nicht in vieLage jedemEinzelncn in besonderen Schreiben zu danken, und so fühlen wir uns angenehm veranlasst, jenen Glaubensgenossen unseren Dankanszusprechen, die mit uns die Ansicht theilten, daß wir im Interesse des JudenthumS, ' gehandelt haben. *** Ein kostbare- Geschenk. An den ersten Tagen des Laubhüttenfestes machte sich in der PinkaSsynagoge ein neuer Vorhang an der BundeSladc in auffallender Weise bemerkbar, der durch die reiche und kunstvoll gearbeitete Ornamentik, so wie durch die an demselben geschmackvoll eingestickten Inschriften, das Auge des Beobachters fesselte. Dieses kostbare Parament, ein Geschenk der ihres WohlthätigkcitSsinneS bekannten Frau Esther PresseleS, ist aus dem Atelier der Fran Sara Kuh gcb. Plohn hervorgegangen und entzieht sich nicht so leicht der künstlerischen Beovachtung. *** (StcrbrfnO) Dienstag wurde eines der edelsten und biedersten Mitglieder unserer Gemeinde Herr Js. Em. Kanderö Fabrikant und Kaufmann zu Grabe getragen. Der Verstorbene, Vorstandsmitglied des isr. NüchstcnlicbcvcreineS so wie Mitglied vieler humanitären Institute zeichnete sich durch echt religiösen Sinn, durch eine Bescheidenheit aus, die bei ihm die Sucht nach Ehrenstetten gar nicht aufkommen ließ; überdicß war er ein warmer Anhänger des traditionellen JudenthumS und ein offener Eharaktcr. Die Gemeinde und die Synagoge, der der Verblichene angchörte, erhalten durch diesen Verlust eine empfindliche Lücke. V Eine Predigt de- Friedens. Am Schemini-Azereth-Fcstc hielt Sr. Ehrwürdcn Herr I)r. E. Hoff eine schwungvolle Predigt, in der er auf das friedliche Einvernehmen der Israeliten mit den Nationalitäten hinwics, indem er die Vorfahren der Israeliten zum musterhaften Beispiele vorführtc und sich ans den Psalmistcn berief, der die Eintracht mit den Völkern unter und mit denen man lebt, betonte. Herr Hoff durch seine Bescheidenheit und Zurückgezogenheit, durch sein streng moralisches und aufrichtig religiöses Leben sich nicht in den Vordergrund drängend, ist eine Perle tief im Meere versenkt, die nirgend glänzen und provocircn will, nirgend auf Ehrcnstcllcn Anspruch macht; er ist ein Mann der Humanität, der jede Jntrigue verabscheut und Offenheit zu seinem Wahlspruchc macht. Die betreffende Synagoge, der der edle Rabbiner angrhvrt, weiß sich den Mann auch hoch zu schützen, wenngleich auch dieser nicht durch Marktschrcicrci seinen Warnen in die Welt auSposanut und sich nicht durch Possenrcißcrei und auf AplauS berechnete selbst fabricirtc Anekdoten ein Publikum hcranzuziehcn sucht, das au Komödiantenartiges Lärmen Wohlgefallen findet. Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unerwähnt lassen, daß Herr Dr. Hoff sich freiwillig angcbotcn, der durch den unsystematischen Religionsunterricht religiös verwahrlosten Jugend biblische Vorträge zu halten. V Politische Eonsequeuz eines Prediger-. An einem der verflossenen Festtage, kurz vor den Landtag-Wahlen, predigte Herr Dr. Kämpf trotz seinem dem Auditorium gemachten AuSspruche „Politik gehört nicht auf die Kanzel" einen politischen Leitartikel im verfassung-freundlichen Sinne. Eist wol Niemand berechtigt, dem Predig er den Standpunkt vorzuschreiben, von dem au« derselbe sein Thema beleuchtet, und es steht dem Prediger frei, in diesem oder jenen Sinne eine Kanzelrede zu halten, wenn sie nur nicht gegen die Tradition verstößt. Wir haben auch nichtdagegen. daß Herr Kämpf, der als Ausländer eine kaiserliche außerordentliche Profeffur erhielt, für die Mtflimtnfl -in- ^anze gebrochen, aber gegen die Inkonsequenz des Charakter« eines Predigers muß sich ein für alle Mal ein jeder rechtliche Mensch verwahren. Diese zumal politische Charaktcrinkonsequen; de« Predigers Herrn Kämpf macht seine ganze Predigt wertlos und raubt ihr den Effekt, der mit derselben erzielt werden soll; denn wenn ein Mann in öffentlichen Localen die Bestrebungen der böhmischen Nation gut hieß, deren Vorgehen billigt und sich mit unserem, in der vorigen Nummer dieser Blätter reproducirten Artikel über das Verhalten der Israeliten zu den Landtagswahlen vollkommen einverstanden erklärte, so bedarf das auf der Kanzel entgegengesetzte Verfahren keines besondern CommentarS und man weiß dann, was von solchen Predigten zu halten ist. Auswärtiges. Weißkirchcn 26 Sept. Sowol an den Neujahrstagen wie am heiligen Versöhnungötage hielt Sr. Ehrwürden Herr I)r. Deutsch Kanzelredcn, die durch den Geist und Schwung der Sprache Begeisterung hervorriefen. Oroshaz. Die hiesige Gemeinde hat schon seit vielen Jahren nicht den Genuß gehabt, an den hohen Fest-und Feiertagen solche gediegene Kanzelreden zu hören, wie sie der hier amtirende Rabbiner und Prediger Herr Dj:. A. Raber geboten hat. Ileberhaupt hat, mit Hilfe der Energie und dem musterhaften Takte dieses Gelehrten, die Gemeinde einen Aufschwung genommen. Schwerin. Nach einer Mittheilung der „Volks-Zeitung" bestätigt eö sich, daß die Israeliten in Mecklenburg zur Erinnerung an das Bundesgesetz über die Gleichberechtigung der Consessionen ein Denkmal zu stiften beabsichtigen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Schwerin hat einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen erlassen. (llebreiv.) Paris. Dem neuesten Ausweise nach, besteht das Crntral-Konsistorium des isr. EultuS für Frankreich aus dreizehn Mitgliedern, von denen jedes von einem Konsistorialbezirke gewählt ist. Herr Cerfbeer ist Präsident. Herr Frank Viccpräsident. Die übrigen Mitglieder sind folgende Herren: Anspach k. Rath im Cassationöhofe, Iaval Deputirter im Gesetz gebenden Körper, Halfen, Alcan Profeffor der Künste und Handwerke, AttiaS, Baron Alphonse von Rothschild, Bedarride General-Advokat im CassationShofe, Josef Co hen, Gcrmain See und Albert Cohn. London. Die Königin von England oder im Grunde genommen Mr. Gladstone, hat in letzter Zeit mehreren treuen Anhängern der liberalen Partei die Ritter resp. BaronetSwürde verliehen. Neuerdings ist der Kollege des Premiers in der Vertretung von Greenwich im Parlamente, Alderman SalomonS in den BaronctSstand erhoben worden, während Mr. Crawford, einer der vier Unterhausmitglieder für die Londoner Altstadt und gegenwärtig Gouverneur der Bank von England, die ihm zugedachte gleiche Ehre abgelehnt hat. Sir David SalomonS hat sich zur Zeit um die Judenemanzipation sehr verdient gemacht; indem er seinen Glaubensgenoffen vor mehr als dreißig Jahren die offizielle Karriere dadurch cröffuete, daß er sich um den Sheriffsposten von Kent bewarb und hiedurch zahlreiche gerichtliche Entscheidungen, sowie später gesetzgeberische Schritte zu Gunsten der Israeliten veranlaßte. Obwohl nicht der erste ins Parlament gewählte Jude, war er doch der erste, welcher faktisch seinen