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Die Gegenwart · 1869-10-01 · 19 (1.10.1869) · p. Seite 190

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
19 (1.10.1869)
Date
1869-10-01
Page
Seite 190 (sequence 4)
Language
German
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axiom, daß da« Gewissen de- Menschen absolut frei, daß die Religion eine rein individuelle Angelegenheit ist und sein muß. Mit welchem Rechte also kann mich die Obrigkeit zwingen, irgend einer Religionsgemeinde mich anzuschließen- Die Obrigkeit hat ja überhaupt gar nicht zu wissen, ob ich Christ, Jude, Mohamedaner, Feueranbeter, Atheist oder waS immer bin; ich kann auf ihre dießbezügliche Frage de« Eötvöe'schcn Statuts: «Jeder Israelis muß sich « ntwcdcr der israelitischen G e m c i n d e s e i n c S Wohnorte« oder, wen daselbst keine besteht, derjenigen israelitischen Gem eind c anschließen, w elcher die ü b r i ge n Israclitenseincs Wohnortes ange hören." Der Ukav klingt wie au« den fernen Jahrhunderten de« Mittelalters. Seine natürliche Ergänzung findet er in dem Rachsave, nach welchem die Aufnahme seitens der Gemeinde nicht verweigert werden darf, lind wenn die „religiöse" Gemeinde, welche doch nur eine freie Bereinigung sein kann, dieses oder jene« Individuum, wegen unmoralischen Lebenswandels, au« finanziellen (Gründe , oder wegen seiner religiösen (Besinnungen, die den Frieden der (Gemeinde stören könnten; nicht ausnehmen will. Müs; und immer wieder Muß! Anderes kennt das Eötvös'sche Statut nicht. Eine Bcrgcwaltigung erzeugt logisch die andere. Da der einzelne sich der Gemeinde ansch ließen muß, so darf natürlich die Gemeinde ihn nicht zurückweisen. Um die Freiheit des Einen und der Anderen kümmert das „Statut" sich leinen Augenblick. Einmal aus die' scr abschüssigen Bahn begriffen, kömmt cö auf eine FreihcitSverlctzung, auf einen Unsinn mehr oder weniger nicht an. In der Thal auch, wenn man den Ausgangspunkt des Statuts, die ZwangSangchörigkcit zu einer Gemeinde zulässt, bleiben eine Anzahl anderer Zwangsbestimmungen noch immer unerklärlich. Warum z. B. sollen alle Israeliten im Orte wo es keine'Gemeinde gibt, sich einer und derselben Nachbargcmcindc anschließen müssen (§. K.), und nicht unter diesen Nachbargcmcindcn ein Jeder frei wählen dürfen? Warum solUin jeder Stadt, so zalsircich, und so verschiedenartig gesinnt die Jsra.litcn daselbst sein mögen, nur eine Gemeinde bestehen dürfen? (§. 10.) Warum sollen die Ein» .zclgcmciudcn aus dem Bcrbande der Bczirksgcincinden, nur in dem Falle anSschcidcn dürfen, wenn sie sich zu selbstständigen Grincinden lonstituircn ftz. 4.), und nicht auch um sich einem andern Bcrbande anzuschließcn? Die Bestimmung vollends, nach welcher die zu irgend einer besonder« Bctgcmcindc zusanimentretenden Israeliten nach wie vor direkte und indirekte Beiträge zur Unterhaltung der andern Gemeinde liefern müssen, ist eben so Vernunftals rechtswidrig. ES ist dich das irische Erpressung«- und Majorisirungsshstcm, das die öffeutlichc Meinung längst auf's Entschiedenste verurthcilt hatte, und mit dein England letzthin cndgiltig gebrochen hat. Baron EötvöS führt es in Ungarn als Steuerung ein, als Fortschritt!! Wir sind über den ersten Abschnitt des Eötvos'schen Opus noch gar nicht hinauSgekommen.' haben selbst diesen noch lange nicht erschöpft. Und dürfte das Borstehcndc genügen, um den einsichtigen Leser zu überzeugen, daß wir cS mit einem Konglomerat verschrobener Ideen und handgreistichcr RcchtSvcrkchrungcn zu thun haben." Run sind dicß nicht dieselben Argumente, welche die Linke iin Eongrrsse vorbrachtc und von der Majorität sammt ihrem Präsidenten nicht etwa widerlegt, sondern als cultur fcindlich nievergelüntet, nicdcrgclürmt und nicdergestimmt wurden, (Schade, daß Hcn' Hirschlcr seinen Präsidentcnsitz mit seiner berühmt gewordenen Präsidcntcnglocke nicht in den Rcdaktionslokalcn des „Hon" und N. fr. Bl. aufschlagen kann, da gäbe c« für den Herrn Glockenarbeit in Hülle und Fülle!) Wahrlich eine glänzende Gcnugthuung für die ung. Orthodoxen, ihre als fortschrittsfeindlich verschrienen Prinzipien, schreiben heute die liberalsten Blätter auf ihrer Fahne! Werden' unsel^jüdischen „Liberalen" noch immer die Stirne haben zu behaupteu: sie hätten den Orthodoxen au« purer Friedensliebe sogar auf Kosten de« Fortschritte« zu große Conzeffionen gemacht? Wenn man bisher unsere Fortschrittsmänner fragte: wie e« denn komme, wenn der Eongreß wirklich da« goldene Zeitalter jüdischer Aufklärung bedeute, daß die „Reue freie Presse," der man doch keine aufklärungsfeindliche Tendenzen unterschieben wird. „Reue fr. Pr." thue dieß aus Feindschaft gegen Ungarns werden sie dicß auf die erzungarischen Blätter „Hon" und „Neuer freier Lloyd" auch behaupten wollen? Eö ist ferner für den Liberalismus der jüdischen Parteien in Ungarn folgendes Faktum bezeichnend. Ein Landtagsabgeordneter der Opposition Daniel Jranya brachte im Landtag den Entwurf eines freisinnigen Religionsgesetzes ein, welcher den in der ziSleithanischen u. eichshälfte bereits zur Geltung gebrachten Grundsatz, daß in GlaubenSsachcn jeder Zwang uitb jede staatliche Intervention aufhören müsse, auch in Ungarn zum Gesetze erheben will. Während dem nun die Männer der Congreßmajorität der Berathung dieses Gesetzentwurfes mit Zagen und Bangen entgegensetzen, indem sie mit Recht fürchten, daß durch Annahme dieses Entwurfes die mühsam zusammengcschwcißtcn Congreßarbeiten über den Haufen geworfen werden wird — werden, wie wir hören, die „ultramontanen jüdischen Konkordatler" eben um Zustandekommen deS freisinnigen ReligionsgesetzcS beim Landtag petitioniren. Es ist dieß eine Thatsache, die geeignet ist, selbst den Borurtheilvollsten über den wahrhaften Standpunkt beider Parteien die Augen zu öffnen. Bonder Haltung, welche die ung. Orthodoxen den sanctionirten Kongrcßbeschlüssen gegenüber einnehmen, davon so Gott will nächsten«. SR. «. Roth. Horic den 26. Sept. (0.-X.) Sic übcr_ die hiesigen Gemeinde-Zustände zu berichten, dürfte die Leser dieses Blattes weniger intercssiren, weil jene Zustände ganz normaler Natur sind, auf die jedoch die unselige Wirthschaft der Präger israelitischen Repräsentanz einen sehr düstcrn Schatten wirft. Man -hat hier von derselben den schlechtesten Begriff und diesen nur deshalb, weil sie ihr Mandat zu politischen Zwecken und zu Ehrcnstellenjägerei misbraucht und dadurch das friedliche Bcrhältnis zwischen den Juden und nicht jüdischen Mitbürgern zu lockern sucht. Wohl weiß man auf dem Lande, wie eö mit diesen Männern bestellt und auf welche Weise sie zu ihren Ehrcnstcllen gekommen sind, aber traurig, sehr traurig ist es, daß diese Gorgoncnhäupter deS JudenthumS nicht so viel Takt und LcbcnSklugheit besitzen, Bcrständignng statt Zwist, Mäßigung statt leidenschaftlicher Opposition anzustreben. So ist cs dann die natürliche Folge, daß wir auf dem Lande die ungerechtfertigten Uebergriffe dieser ehrsüchtigen Herren mit cmpsinden müssen und die Erfahrung machen, daß die schlechte Bcrtrctung der prager Jsraeliten-Gcmeinde auch auf die Juden am Lande schlecht zurückwirkt. ES wäre hohe Zeit, daß die prager Gemeinde die Augen öffnet und dem egoistischen Spiele dieser Herren ein Ziel setzen würde. Die Juden auf dem Lande werden dieß dankbar anerkennen. Pardubitz den 29. September (0.- K.) Die Landtagswahlen sind bereits vorüber und es knüpft sich höchstens noch an dieselben der gute Eindruck, den unsere hiesigen Glaubensgenossen durch ihr taktvolles Vorgehen, bei der Gesammtbevölkerung hervorgerusen haben. Es zeigt sich immer deutlicher, daß unsere junge Cultus-Gemeinde zu ihrer eigenen Entfaltung alle« Mögliche beiträgt und ist e« namentlich dem korrekten und umsichtigen Eingreifen un-

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