Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 18 (15.9.1869)
- Date
- 1869-09-15
- Page
- Seite 182 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4890378-5433914-5433983--390-4890727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
182 serlicher Eommercienrath im 17. Jahrhundert" aus der Feder de- Prof. L. Doublier, ein Artikel: „Die Schreibtinte," von Prof. Vincen; KletzinSky, sowie ein kleiner Aufsatz: „Warum ist die französ. Sprache Weltsprache," vom Prof. Henri Vreant sind gediegene Arbeiten ansgezeichneter Fachmäuuer. Wie uns der Bericht belehrt,- hat-die Lehranstalt in dem abgclaufenen Schuljahre an Ausdehnung namhaft gewonnen; es haben 428 Hörer das Institut besucht und sämmtliche absolvirte Hörer wurden von der Dircction in der uneigennützigsten Weise untcrgebracht. *** Hoftitkl. Der hiesigen Speditionsfirma I. H. Basch wurde der Titel einekais. kön. HofsprditeurS verliehen. Bei dieser Gelegenheit tragen wir noch nach, daß Herr B. Straschitz Kleiderfabrikant den Titel einek. k. Hofkleidcr« niachcrS erhielt. *** De» Israeliten im deutsche» Casino empfohlen. Die „Presse" vom I I. d. M. veröffentlicht folgende der „Politik" entnommene Eorespondenz, der die „Presse" den Titel „Hep Hep in einem Gelehrtenvereine" gewidmet: Acht Tage sind verstrichen, seitdem der deutsch-historische Verein Böhmens seine zweite Wandersammlang zu Trautenau abgrhalten. Die deutschen Journale und Journälchen beeilten sich natürlich sofort, theilS auf telegraphischen Wege, theils im Wege gewöhnlicher Korrespondenz strotzende Berichte über die festlich geschmückte und am Festabend glänzend beleuchtete Stadt, über die gehobene Stimmung der Bewohner, über die geistreichen Reden, die begeisternden und begeisterten Toaste, über das großartige Festbankett u. s. w. den Lesern aufzutischen. Es ist hier nicht meine Absicht, jene übertriebenen Lobhudeleien zu deSavouiren, weiß doch der unparteiische Leser, was davon zu halten ist, noch weniger will ich mich hier über des Vereins ruhmvolles Wirken (?) ergehen; ganz andere Gründe leiten mich, diese Zeilen Ihrem werthen Leserkreise mitzutheilen und postliunm zu jenem Feste zu bringen, und ich hoffe um so eher von der löbl. Redaktion Aufnahme dieser Zeilen, als sic Thatsächlicheö enthalten; freilich werden jsie einen düstern Schlagschatten auf die Hellen Streiflichter jenes von den apportcrn der deutschen TagcSpresse vcrherlichten Feste« de« deutschhistorischcn Vereins werfen, freilich haben jene Berichterstatter aus leicht begreiflichen Gründen des edlen Hamlets Worte: „der Rest ist Schweigen" nur zu sehr beherzigt; doch wir halten cs für unsere Pflicht, im Namen der Rechtlichkeit nnd der Wahrheit ein Bcgebniß ans Forum der Ocffentlichtcit zu ziehen, das wohl die würdige Nachfeier jenes Festes bilden sollte; dem denkenden Leser werden wir cS überlassen, die weiteren Konsequenzen ans diesem skandalösen Vorfälle zu ziehen. Die festlich geschmückten Räume dcS SchützcnhanscS in Trantcna», sollten noch ganz andere Dinge vernehmen, als die gelehrten Reden, die feurigen Toaste der Herren Höflcr, Chevalier, Ansorge u. A., sie sollten auch Zeuge sein der zärtlichen Liebenswürdigkeit, deren sich die deutschen Herren in Trautenau den Inden gegenüber befleißigten, die im Vertrauen auf die viclgerühmtc Toleranz der Deutschen in Böhmen, als Gäste erschienen; cS sollten nicht nur die Korke der Ehampagncrflaschcn zur Decke.fliegen, nein, auch bic Fäuste der werthen Herren sollten sich ballen und gcwuchtig auf den Rücken eines Juden fallen, noch mehr, nicht nur der perlende Saft der Reben sollte sich aus der Flasche HalS ergießen, auch Blut, wirkliches, roshes Blut eines dnrchgeprügcltcn Juden sollte fließen und einen unverwischlichcn Fleck der jämmerlichen Feigheit, der krassesten Unduldsamkeit und dcS schnödesten Judenhasses auf die Instcnesctzrr zurücklasscn; denn nur jämmerliche Feigheit ist cs, wenn sich viele gegen einen Einzelnen vereinen, krasse Unduldsamkeit ist cS, und schnöder Judenhaß, wenn man sich gegen diesen Einzelnen vereinigt, weil, nun weil er eben ein Jude ist. Und was brachte die anwesenden, als so intelligent verschrieenen Herren, gegen den Juden so sehr in Harnisch? Man höre und urthrile! ES war nach dem Festbankette, und wie dicß immer der Fall zu sein pflegt, man blieb noch beim Weine; noch immer wurde toastirt, berufen oder unberufen. eS sprach ein Jeder, der nur sprechen wollte. Run ließ e» sich auch ein Jude aus dem nahegelegenen Städtchen Eipel einfallen, die Rednertribüne zu besteigen. Kaum war dieß geschehen, als sofort ein Murren und Brummen den Saal erfüllte und Stimmen sich vernehmen ließen mit den liebenswürdigen aufmunternden Worten: „Hcrunte^mit dem jüdischen AaS," oder: „Nieder mit— dem Judenhund" u. dgl. Bestürzt stieg der junge Mann von der Rednertribüne herab, nhne auch nur ein, die Gesellschaft irgendwie beleidigendes Wort gesprochen zu haben, und nun fand ein Akt der Rohheit und Brutalität statt, wie er nicht unter dem niedrigsten Pöbel, geschweige denn der „gebildeten, intelligenten, deutschen Bevölkerung" TrautenauS stattsinden könnte. Nachdem nämlich der erwähnte junge Mann die Tribüne verließ, fielen die meisten der Anwesenden über ihn her. hieben mit Fäusten auf ihn ein, ja ein Beamter vergaß sich so weit, eine volle Weinflasche^ dem Unglücklichen an den Kopf zu schleudern, so daß das^— Blut herabströmte und ärztliche Hilfe in Anspruch gerufen werden musste, um nur ein gänzliches Verbluten zu verhindern. Und keiner, ja keiner dieser Herren, die sich in ihrem verblendeten Eigendünkel intelligente Menschen zu nennen wagen, kein Mitglied der hochgeehrten Gesellschast, die noch fast in pleno versammelt war, versuchte cS diesem rohen Treiben Einhalt zu thun, Niemanden dieser wackeren bederen Deutschen fiel cs ein, das vielgepriesene deutsche Gastrecht zu wahren und zu üben, nein wozu denn auch, waS kann dies einem „jüdischen Aase" schaden?l Freilich ward diesem „Aase" dann die Genugthuung, daß jener Beamte, der seine Würde so.sehr außer Acht setzte, ihm Abbitte leistete, und wie man uns mittheilt, ward er seines Amtes suSpendirt, Dank der GerechtigkeitSlicbe und dem Einschreiten unseres wackeren BezirkShauptmannes Theumer, die Rohheit der andern aber sollte straflos auSgehen? Die Rohheit und Brutalität, der wahrhaftig der Pranger gebührt! — Doch noch eine ernste, wichtige Schlußfolgerung wollen wir aus diesem Vorgänge in dem „deutschen" Trautenau ziehen,-- eine ernste und wichtige für die Juden Böhmens, sie mögen hochmahnend an das Ohr des böhmischen Juden dringen und ihn den rechten Weg einschlagen lehren zu seinem eigenen Heile, den, die national-slavische Sache zu seiner eigenen Angelegenheit zu machen, die Bestrebungen der nationalen Partei aus aller Macht zu unterstützen und zu fördern, sich einem edlen Volksstamme anzuschlicßen, dcr eS gewiß nicht unterlassen wird, innig und warm die Bruderhand zu fassen, wenn sic ehrlich und treu dargereicht wird. Ich war Zeuge oeS jüngst in Eipel auS Anlaß der Fahnenweihe des SokolvereineS stattgehabten Festes; zwei Jüdinnen waren Pathinncn der Fahne, die Juden wurden mit wirklicher Brüderlichkeit behandelt. Eipel ist ein kleines Städtchen mit kaum 2000 Bewohnern. Ihr wackern und intelligenten Herrn von Trautenau geht nach Eipel und lernet da Duldung, Toleranz und Lebensart, da sind sic nicht reiche, angesehene Inhaber von Fabriken nnd Spinnereien, aber trotzdem fällt es ihnen doch nicht ein, ven Glanzpunkt der Unterhaltung im Trinken und Jargoniren und Verspotten des Juden durch Mauscheln und Jüdeln zu suchen.— Nachdem die „Presse," die Affaire in Zweifel stellte und den Präsidenten des deutsch-historischen Vereins interpellirte, dieselbe, wenn sie nicht ans Wahrheit beruhen sollte, zu berichtigen, bisher jedoch keine Berichtigung erfolgt ist, so überlassen wir eS unfern Glaubensgenossen sich darüber ihr eigenes Urlhcil zu bilden. Auswärtiges. Brsdtz. Herr Maier Kallir von hier wurde in den erblichen Adelstand erhoben. PettrSöorg. Hier ist kürzlich der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt worden, deren Bau 250000 Ruhet kosten wird, welche unter Judeu des Ezarenreiches gesammelt Fortsetzung in der Beilage