Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 17 (1.9.1869)
- Date
- 1869-09-01
- Page
- Seite 171 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Beilage zur „Gegenwart"' Nr. 17. philharmonischen Gesellschaft, Deputationen, die Gemeindevorsteher mit dem Hrn Oberrabdiner an der Spitze, begrüßten ihn beim AuSsteigen auS dem Wagen, und führten ihn zu dem Throne, der zu diesem Zwecke schon vorbcreitet^tpar. ~ Der Hr. Oberabbtnerhiel^nun an den König eine herzliche und gediegene Ansprache, welche einen großen Eindruck auf denselben machte. Anwesend bei dieser Feierlichkeit waren die höchsten Civil-und Militärbehörden. Der König drückte über diesen Empfang seine Zufriedenheit auS Amerika Die Regierung der vereinigten Staaten beabsichtigt einen Israeliten als Konsul in Jerusalem zu crneunen. Qnincy, Jll. Freitag den 30. Juli wurde der Grundstein zur Synagoge der jüd. Reformgemeinde gelegt. Diese Grundsteinlegung wurde vorzüglich von den Freimauern des OrteS geleitet. Nachdem der Rabbiner der Reformgemeinde Herr M. Wetterhahn ein Gebet in deutscher Sprache verrichtete, folgte ihm Herr S. S. Hunting-Kanzelredner der Unitariersgemeinde, in seiner Eigenschaft als Groß-Kaplan der Großlogc der Maurer mit einem Gebet, und dann begann nach Weisung des GroßineisterS des Freimaurer-Ordens deS Staates die Legung des Grundsteines. Nachdem der Großmeister der Freimauer, H. G. Reynolds, den Stein wie üblich geprüft, goß er, nach Freimaurer Weise, Korn, Wein und Oel auf denselben und sprach seinen Segen darüber. Hiranf ließ er drei Hammerschläge auf den Stein fallen, wobei sämmtliche Logenmitzlieder Zeichen machten, deren Sinn uns unbekannt blieb. Dieser Ceremonie folgte eine Anrede deS Groß-Architckten der Mauer, nach dessen Schluß der Chor eine Hymne sang. Nach beendeten Gesang erhob sich der Rabbiner vr. I. M. Wift vou der Bne Jeschurun Gemeinde in Cincinnati und hielt die Weiherede. (Hebr.) A n m. d. R. des Hebr. Wir kennen uns nicht mit der Art und Weise einer solchen Grundsteinlegung einverstanden erklären. Wir schätzen da» Mauererthum seine» geistigen Baue» wegen an dem großen Tempel der Hnmanität; die Weihe de» jüdischen Glaubenstempel hat «ine andere Bedeutung u»d ist nicht mit der Weihe eine» auSschließUchen HumanitätStcmpels zu verwechseln. Afrika Man berichtet aus Hemcen (Algier) voin 27. Juli. Am 7. Juli starb in dlascara Eliahou Darmon in einem Alter von 86 Jahren, einer der achtnngSwttrdlgstcu Israeliten in Algier; er war der erste Israelit, welcher die Wichtigkeit der französischen Besitznahme dieses Landes für seine Glaubensgenossen begriff. Gleich nach der Ankunft der Franzosen in Algier, ließ er seine Kinder ein im Verhältnisse mit der neuen Stellung der Israeliten stehende Erziehung geben. Sein ältester Sohn erwarb sich durch seine Tapferkeit und loyale Gesinnung das Kreuz der Ehrenlegion, in der Eigenschaft als Dolmetscher der ersten Klasse der Armee, ein anderer Sohn ist geschworener Translator der hebräischen und arabischen Sprache und Gemeinderath in Tiemeen. Wie geachtet der Verstorbene war, zeigte sich bei dessen Leichenbegängnisse indem die ansehnlichstrntBewohner Mascaras ihm das Geleite gaben, und bei der Grabesstätte hielt der Rabbiner Abraham Ankoona eine Rede, worin er die Tugenden, den WohlthätigkeitSsinn des Verblichenen besonders in das glänzendste Licht stellte. Auch die Rabbiner in der ganzen Provinz Aran hielten ihm zu Ehren Leichenreden, in den betreffenden Ortschaften, ein Beweis der allgemeinen Achtung, die derselbe genoß. — Suntes. * (Der polnische Jude) In Paris wird jetzt feit zwei Monaten an dem Theater Eluny ein Schauerdrama unter dem Tttel „der polnische Jude* mit unendlichem Beifall gegeben. Der Inhalt des interessanten Stückes ist Folgender: An einem stürmischen Winterabend wird unein elsäffischer Wirth vorgeführt, der durch Unglücksfälle aller Art verarmt und ruintrt wurde und für den nächsten Tag Aa Pfändung verfallen ist. Lin polnischer Jude ttopft an seine Thüre. LS schneit, eS stürmt und der Sohn des großen verlorenen Vaterlandes sucht Schutz für sich und sein Pferd, um, nachdem er sich durch eiu Ruheftündchen gestärkt^ weiter -zu-«iskn^ Der Poleträgf rinrn ^vohlgefMfen Geldgürtel um seinen Leib geschnallt, und dein verzweifelten Wirth ruft eine'innere Stimme zu: „Todtc ihn, bestiehl ihn! Ende gut. Alles gut, es gibt keine Moral, es gibt keinen Gott. Jetzt handelt es sich darum, dein Hans, dein Eigenthum, deine Familie zu retten. Das regt ein Wenig sein Blut auf. Dieser Jude ist ja nur etn Pole, dieser Pole ist ja nur ein Jude!- Der Wirth thut. was ihm seine innere Stimme befiehlt. Er tödtet den Juden plündert ihn aus und verbrennt seinen Körper. Seit dieser Dccember-Nacht gelingt dem Mörder Alles, was er unternimmt. Er ist reich, geachtet, er wird Bürger meister, hat ein schönes Vermögen und eine schöne Tochter und hörte er nicht zuweilen in seinen Ohren die Schellen des Pferdes klingen, welches in jener stürmischen Winter« nacht den polnischen Juden zu ihm gebracht, er hielte sich für keinen Mörder. Aber Vorsicht vor allen Dingen. Seine Tochter muß den Brigadier der GenSdarmen hcirathcn, denn wenn er die Gendarmerie für sich hat. braucht er nichts mehr zu fürchten. Und zufälliger Weise liebt seine Tochter Annette deir Brigadier und der Brigadier liebt sic. Die Heirat vollzieht^ sich und als Mitgift erhält der Gendarm einen Theil de» Raubes. In der HochzcitSnacht aber hat Mathis, der Wirth, einen furchtbaren Traum. Er sieht den polnischen Juden noch einmal kommen, er tödtet ihn zum zweiten Male, aber da» Gericht ereilt ihn, er wird festgenommen, verurthcilt, gerichtet und während dieses Traumes, dieser Vision stirbt er, getödtet durch die geheimnißvolle und unnachsichtige Gerechtigkeit Gottes. Dieß der Inhalt des mit allem Anfwandc von künstlerischen Mitteln dargestcllten Stückes, welches wohl werth wäre, auf unsere Bühne verpflanzt zu werden. Ost— *) (Entführte Jüdin) Ueber die Entführung der Fcigel Perlberg in Krakau brachte die „Wr. Abpst." folgende offiziöse Darstellung: „Die Geschichte der Entführung eine» Judenmädchens ans Bogucice und seiner Unterbringung in einem Krakauer Kloster hat in letzter Zeit die Runde durch die Blätter gemacht und gleichzeitig vielfach zu so rigrnthüm-' lichen Zusätzen nnd Auslegungen Anlaß gegeben, daß eS Ihnen nicht unwillkommen sein dürfte, wenn ich Ihnen einfach und objektiv den wahren Sachverhalt berichte. Montag den 0. d. M. Abends lief bei der Krakauer Statthaltereiabtheilung die Anzeige dcö Bezirksvorstehers i» Wielicka ein. c» sei daö Judcnmädch:n Fcigel Pcrlbcrg in der verflossenen Nacht aus dem Hause ihrer Verwandten in Bogucice (Wielickaer Bezirk) von einigen verkleideten jungen Männern, worunter ihr Liebhaber sich befand, entführt nnd ohne Zweifel nach Krakau gebracht worden. Die cingelcitctcn Nachforschungen ergaben das Resultat, daß in der That Montag« ein Mädchen mit 2 Männern nach Krakau kam nnd im Kloster der Bisiterineu untergcbracht sein dürfte. Auf die sofort an die Oberin des Klosters gestellte Anfrage, ob sich faktisch das bezeichnctc Mädchen im Kloster befiudc, sandte dieselbe die bereits fertige Meldung der Perlberg ein mit der ganz au» freien Stücken gemachten Eröffnung, daß sic, die Oberin, gerne bereit sei, das Mädchen, das blos einer Liebelei halber Zuflucht im Kloster gesucht, unverzüglich ihren Verwandten auszufolgen. Dem Vater des Mädchens, das übrigens schmr 17 Jahre zählt, wurde seitens der Behörde sofort eine Unterredung mit demselben verschafft, welcher hierauf mit feinerc Tochter, ohne den geringsten Widerstand vou Seite der Klosterfrauen, das Kloster verließ. Bei dieser höhst einfachen Sachlage war von der Nothw.ndigkei einer Revision jene» Kloster« absolut keine Rede. Geegn die Entführer de« Mädchen«, von denen sich zwei in Haft befinden, ist die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet.* * Grober Klotz —grober Keil, da« Seebad Doberan (Heiligen-Damm) wird vom meklenburgischen Adel als sein erbeißtttttzümlichr« Domäne betrachtet und die