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Die Gegenwart · 1869-09-01 · 17 (1.9.1869) · p. Seite 166

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
17 (1.9.1869)
Date
1869-09-01
Page
Seite 166 (sequence 4)
Language
German
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- 166 — Geht die Anschauung der Deutschen in Böhmen dachin, daß die Juden ihre Aliirten sind, so mögen sie, wenn sie dieselben einerseits zu politischen Zwecken benützen, sie anderseits in socialer Beziehung nicht von sich stoßen, im entgegengesetzten Falle geht der Effekt verloren und die Vorwürfe, die die Deutschen den Böhmen deren indolenter altung wegen gegenüber den Israeliten mach?», sind um o ungerrchtfertigter, wenn man bedenkt, daß die Böhmen für ihre israelitischen Mitbrüder nicht in LiebcSwärme zerfließen können, wiewol dieselben ganz unschuldig, von den Verhältnissen getragen, nicht immer den Gesinnungen de.' böhmischen Volkes Rechnung tragen. Seit undenklichen Zeiten hat sich das gute Gcmüth der Böhmen, abstrahirt von dem übcrmüthigen Plebs, gegenüber den Israeliten bewährt, überall ist, sobald sich nicht der schwarze Schatten scheinbar religiöser Wegelagerer zeigt, die Toleranz der Böhmen ersichtlich. In ausgesprochen böhmischen Gegenden, gibt es auch nicht eine Stadt,, wo der Jsraclite nicht das GcmcindeangchörigkeitSrccht besitzt, in keiner böhmischen Stadt wird ihm das Bürgerrecht verweigert, und in vielen böhmischen Städten, an deren Spitze die Metropole des Landes, ihm Sitz und Stimme und selbst die BürgcrmeisterstcUc» im Gcmeindcrathc verliehen, und dieß Alles trotz Hostomitz, trotz Schüttenhofen, während in deutschen Bezirken Böhmens viele, za der größte Thcil der Städte jenes liberalen Fortschrittes entbehren und das Recht der Gemcindeangehörigtcit entweder erbettelt werden muß, oder rundweg verweigert wird. Der schlagendste Beweis für diese Thatsachen ist das numerische Verhälmiß der israelitischen Bevölkerung in Böhmen; während die Ziffer jener in böhmischen Bezirken eine sehr große ist, ist sic in deutschen eine verschwindend kleine. Damit sei jedoch nicht gesagt, daß in den böhmischen Gegenden das Vorurthcil gegen die Israeliten gar nicht cxiftirt und wir wünschten recht bald sagen zu können, daß die Böhmen das so schön begonnene Werk der Loyalität vollende», denen sich die Deutschen in Böhmen anschließen mögen. Wenn auch einzelne Juden sich hie und da Ans schrcitungcn erlauben, so sei die Gcsammthcit für den einzeln nicht verantwortlich, da das orrnrn hunuuimn est beim Israeliten ebenso wenig, wie bei anderen GlaubcnSgcnosscnschaftcn eine Ausnahme macht. 1>. Hamburger Lriefe. i. Am Jahresschluss pflegt der fromme Jude Abrechnung mit sich zn halten, und von Allem die nncrfülltcn guten Vorsätze möglich nach ausznführen, oder soweit sie seine Person ausschließlich betreffen, auszulöscn. Wim weiß ich nicht ob daS Versprechen Ihnen für „die Gegenwart" einen Bericht hie in die Slinagoge ein. in der er Stcuc gelobte, besuchte sie alltäg. lich, fastete und so gehörte er wieder dem Ziidenthninc an. Tic innere Seelenruhe kehrte bei ihm wieder ei», die Lust zum <Se> fange steigerte sich, er betrat die grösiten Bühnen Deutschland S. auf denen sich für ihn rriiiinps an rrininps reihte. So sehen wir in dem Sänger der Simagoge. jenes kleinen Marktfleekend, den niäüitig wirkenden Sänger an der königlichen Hofoper zu Stuttgart, der vor zwei Jahren in Prag, gegenwärtig in Wien durch Vesang und Spiel zu stürmischen Beifall hinreißt und beweist, daß er als Jude undSünger',»»ter den Künstlern den „Juden" Lleasar am besten begriffen hat. Der Leser dürfte im Laufe dieser Charakierskizze errathen haben, daß er eS mit Heinrich Sontheim zu thun hat. D. S. L. und wieder zukommen zu laffeu, zu den guten Vorsätzen gehört, die noch vor JahreSschluß erledigt werden müffen, allein da eS sich um ein Versprechen handelt, welche« ooleo» volev8 erfüllt werden muß und wogegen kein Pardon selbst von der höchsten Autorität zu erlangen ist, so muß ich mich schon bequemen, die „Gegenwart" mit meiner Berichterstattung -so schnell als möglich zu bereichern. Betrachten Sie diesen" letzten Ausdruck nicht als ein Zeichen meines Egoismus, obgleich ich diesen Fehler mit jedem Adamisten theile, sondern als ein gewisses Selbstvertrauen, die jeder, welcher mit der Publicität in Verbindung tritt, zu sich haben , muß. Doch genug der nicht zur Sache gehörenden Einleitung. Ich habe die Absicht über die jüdischen Zustände im Norden Deutschlands zu berichten. Schrecken Sie als Prager nur nicht zurück über den Ausdruck Norden-Deutschlands. Keineswegs verbinde ich damit jene ominöse Bezeichnung, welche der Friedensschluß in ihrer Vaterstadt diesem Worte bcigclegte. Ich habe in meinem Berichte nur mit der Religion zu thun und das Religiöse behandle ich nicht politisch. Auch ist mir die Politik ganz fremd. Wohl weiß ich, daß in Nord- Deutschland eine Mark Brandenburg ist, in der so viel Sand ist, daß selbst der Rabbiner in der Hauptstadt seinen Leuten viel Sand in die Augen streut; ebenso weiß ich, daß es am Ostsee-Gestade, ein Pommerland ist, wo es gute Gänse giebt, daß selbst ein Rabbiner in dem Lande mit einer gewissen- Naivität will ick sagen, in einer Monatschrift ganz getreulich ohne Hülle, nackt wie ein Felö, die Behauptung aufstellt, daß ein Theologe denken und lehren kann, was er wolle, nur in der Praxis habe er sich nichts zn Schulden kommen zu lassen. So weit nur reicht meine Kentniß von Norddcutschland. Nicht nach weiter Ferne schweift also mein Auge, sondern aus die nächste Nähe beschränkt sich meine Uebersicht, die ich zu geben gedenke, die Ferne ist zwar nicht über, doch außer meinem Horizonte. — Ich beginne daher mit meiner Vaterstadt, würde ich sagen, wenn ich ein achter Hamburger wäre, so muß ich mich also beschränken einfach zn sagen, ich beginne mit Hamburg, dem maritimen Vororte Deutschlands und dessen ersten Handelsplatz. In dieser Bezeichnung ist die Würde Hamburg's nud der Eharackter der Hamburger gegeben. Alles absorbirt der Handel, das Ideelle selbst wird kaufmännisch erwogen und ermessen. Grob Courant ist die Losung der Hamburger neben dem Banko-Gcld; jenes die gangbare Münze, dieses nur dem Großhandel angehörig. Auf gleiche Weise theilt sich auch die Religiosität der Hamburger Inden. Ein ächtcr Stamm lebt noch in der Gemeinde, der fest an Allem hält, treu dem göttlichen Gesetze und der Lehre ist; jedoch gehört dieser mehr dem mittleren Stand an, während die Religiosität der Wohlhabenden, die über Banco Geld disponiren, dieser imaginären Münze gleich nur Imagination ist. Doch keine Regel ohne Ausnahme. ES giebt in der Banco Region ehrcnwcrthe Männer, die .der väterlichen Religion nicht als veränderliche, vielmehr als die feste Valuta halten, wie umgekehrt unter dem Grob Courant mancher Schilling sich vorfindet, der das alte Gepräge schon längst verwischt hat und nur als Scheide-Münze nebenbei herläuft. Trotz der Verschiedenheit im religiösen Leben giebt cö zwei Momente, die Allen gemeinsam sind. Erstens der Hamburger Stolz; mit den Worten: ich bin ein Hamburger, brüstet sich Klein uno Groß; zweiten« hinsichtlich der Wohlthätigteit, worin auch alle wetteifern. Für heute mag für Beides ein Histörchen eigner Art genügen, das seiner Seltenheit wegen rcgistrirt zu werden verdient. Am 2. des nächsten Monats wird hier die internationale Gartenbau« Ausstellung eröffnet und unter den Preisrichtern befindet sich der Name Sr. Ehrw. HerrnOberr abbinerStern und der des Herrn vr. Nathan, als Lehrer der Talmud-Thora rühmlichst bekannt. Sie glauben gewiß, daß diese Herren die Botanik zu ihrem Lieblingsstudium gemacht haben als Capacitäten in der Pflanzenkunde bekannt, dcsha lb zu dieser Würde gelangt sind. Nichts von allen dem. Nun, was bestimmte das Eomite diese Männer als Preisrichter zu ernennen? die Beranlaffung hiezu

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