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Die Gegenwart · 1869-09-01 · 17 (1.9.1869) · p. Seite 165

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
17 (1.9.1869)
Date
1869-09-01
Page
Seite 165 (sequence 3)
Language
German
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J — 165 — lern in der „Presse" wörtlich abgedruckt. Die sogenannte liberale Piutei deS rein deutschen Weipert und mit ihr der erste Stavtrath Herr C. G. S. Kunstmühlenbrsitzer waren ob der Bloßlegung jenes StadtrathbeschluffeS in einem ministeriellen Organe erbittert, während der beleidigte Doktor crmuthiat. sich um die angesuchte Anstellung nicht kümmernd. dieser Toleranz, durch spontane Ansetzung in Weipert ein Paroli zu bieten suchte. Er übersicdclte dahin und es nahm seine Praxis einen für den Anfang recht günstigen Verlauf. Mittlerweile, da die Gemeinde keinen Doktor der Medizin bekommen konnte, wurde ein Patron der Chirurgie angestellt. Demohngeachtet ward und ist Or. P. zuweilen Neckereien auSgesrtzt und wurde ihm zum Danke für eine sanitätspolizeiliche Anzeige, welche er gegen sein pekuniäres Interesse gemacht, die Aufforderung zu Thcil, seinen Hcimathschein zu legen. Am 18. August bei Gelegenheit deS ersten Spatenstiches beim dortigen Bahnbau wurde von der Kirche zum. Bauplatze ein Zug v eranstaltet, an welchem Theil zu nehmen vr. P. von den Eisenbahnbeamten, deren Arbeiter in Erkrankungsfällen ärztlich zu behandeln, er angestellt ist, aufgefordert, sich auch dem Zuge und zwar in Gesellschaft der Herren Eisenbahnbau-Ingenieure anzuschließen. Da kam der Polizeimann zu vr. P. mit den Worten: „Herr Doktor gehören nicht zum Zuge und sollen sich sogleich aus dem Zuge entfernen. Di eß lässt Ihne n der Herr Stadtrath C. G. S. sagen." Nebenbei sei bemerkt, daß Herr S. an der Seite des Bürgermeisters ging. - - Bei Betrachtung diesepraktischen Hep Hcp, welcheeine traurige Staffage der gegenwärtigen Freiheit bildet, springt so ziemlich der Firniß der deutschen Intelligenz av von den moderneu Freiheitöhelden, die da rufen: Sehet, ihr Juden unhabt ihr Euere Freiheit zu danken! Klingt nicht dann oieicr liberale Heroldruf wie dawilde Geschrei bei einem Orgienfestc? Uebersctzt »um nicht mit solchen Akten geistiger Verkommenheit das böhmische Hostomitz und Horovitz inS Deutsche, nur mit dem Unterschiede, daß hier Noth leidende Nagclschmicde in roher Unwissenheit kommunistische Gelüste hatten, während in den Regionen deutscher Bildung die „Ehre" das eigentliche tfcben der Menschen angegriffen wird'? Es ist in der That ein trauriges Schibolct der Zeit, daß man in dem deutschen Elisium a la Weipert die Freiheit mit solch humanem Entgegenkommen inangurirt und den liberalen Fortschritt in die RathSstubc in solcher Gestalt verpflanzt. Hätte es sich bloß um Person gegen Person gehandelt, wir hätten kein Wort verloren, da aber, wo es sich um den Beschluß eines GemeinderatheS, um den kategorischen Imperativ eines Bürger- > Meisters und um den exceutrischcn Paschabcfchl eines Stadtj rathes durch einen Polizeimann gegenüber einem Manne j handelt, der sich Zeit seines Lebens geplagt, um der leiden-! den Menschheit zu dienen, der dem Staate in einer verhängnißvollen Zeit gedient, da ist es Pflicht, diesen Herren die Decke vom Auge zu reißen, damit sic künftig ihre BerfassungSfreundlichkeit auch mit Zudeufreundlichkeit verbinden mögen. - ■ ■■ 1 Jude und Künstler, Künstler und Jude. Eine Charakterskizze. In einem kleinen Flecken des Königreichs Würtembcrg, das heute ein Glied der norddeutschen BundcSkette bildet, bewegt« sich eines Tages, cS ivar in einem Oktober in den vierziger Jahren, die Inden der alten Synagoge zu, um in deren heiligen Hallen, sich ihres Sündenregisters zu entledigen und durch Buße zu kasteien. Um die sechste Stunde, die Sonne war bereits dein Untergange nahe, war Alles, Greise und Kinder, Frauen und Mädchen veriammelt, um in den Chorus der hciligcii Gebete einzustimmen und die weihevolle Stunde in wahrer Andacht zu vollbringen. Gerüstet standen sic da die Männer in de» rauschenden Stcrbcklei. dern, um das Signal zuin Beginne des hehren Gottesdienstes abzuwarten, während die Frauen in weißer Toilette durch die vcrgitterten Gallcriefcnster lugten, wer sich denn eigentlich würdig gcmacht, die Gemeinde vor dem Allerhöchsten zu vertreten. Der Synagogeiivorstchcr, nachdem er das Zifferblatt seiner antiken Uhr genau betrachtet tmb die Sekunde berechnet, läßt durch den Synagogcndicncr dem Cantor die Ordre zur Introduktion crtheilen. Der Gottesdienst verlief den heiligen Abend, so wie des andem Tages beim Morgen- und Mnffaphgebct ohne Störung vor. über, bis das Abend- oder Minchagcbet begann, welches für den Chasan verhängnisvoll werden sollte. Dieser wurde, sei. daß auf ihn die Kasteiung, sei die große Anstrengung, beim Borbeten einen schlechten Einfluß nahm, unwohl, er stürtzte ohnmächtig zusammen, und konnte sonach den Gottesdienst nicht sortsetzcn. Die Bestürzung ward allenthalben groß und guter Rath theuer, doppelt theuer, da er an diescin Tage nicht einmal bezahlt werden konnte. In der Ecke befand sich an dem „Ständer" gelehnt ein 17jähriger Jüngling in deffcn Brust die Verzweiflung der Andächtigen pochte. Er machte sich Muth, umhüllte sich mit dem offiziellen Betmantel und begann mit lieblicher Stimine zu singen. -Alles, voll Freude einen würdigen RcmplaLanten des Chasan gefunden zu haben, stutzt, erstaunt, wird begeistert und lauscht der melodienreichcn Stimme und der lieblichen Variationen, die in polnischen Weisen, der jugendlichen Kehle des Improvisatorentströmten. Niemand dachte daran, daß er einst die Gläubigen verschiedener Religionen in gleichem Maße begeistern, ja bezaubern werde. Der Gottesdienst endete so weihevoll als er begonnen, der Eindruck war ein über, aus mächtiger und der muthige Knabe hatte den Lohn, definitiver Vordetrr an der Synagoge seiner Vaterstadt zu werden. Nicht lange genoß ihn die kleine Gcincindc, nicht mehr lange ward cs -ihr gegönnt ans seinem Munde bcu Lecho dodi, und das mit Pathos vorgetragcnc Avinu malkenu zu hören, und cs verbreitete sich alsbald tu allen Gemeinden beet Landes der gute Ruf des jungen Cantors. Es währte nicht lange, so erhielt der junge Gcsangshcld einen ehrenvollen Ruf nach der Synagoge von Würtembcrg s Haupt- und Residenzstadt, wo er seine Glaubcnögenoffen förmlich begeisterte. Die Bewunderung und Ancrkeunung des Gcsanges drang bis an'den königlichen Hof, so zwar, daß der König, eilt* Freund des GcsaugcS, den Wunsch aussprach, den jungen „Chasan" zu hören. Der fromme Sänger hatte sich gesträubt, in den nngcweihtcn Hallen des königlichen Schlaffes die Lieder seiner Väter zu singen und cs blieb dem König nichts Anderes übrig, als in die Synagoge zu kommen. Er folgte seinem kunstfreundlichen Triebe, besuchte die Synagoge und fand, daß die Anpreisung des gesangstüchtigcn Cantors keine übertriebene war. Es begann für den „Chasan" ein neuer Lebensabschnitt. Der König ließ ihn ans Rechnung seiner Privat-Chatoulle zum dramatischen Sänger hcranbildcn. So konnte ec dann um s» leichter den verlockenden Stimmen der Sirene», die von dem Tempel der Muse aus, ihm in das Ohr dankbarere Trinmpfe lispelten. nicht widerstehn. Es zog ihn eine gcwiffe Ahnung einer glanzvollen Zukunft anS Theater, er wurde — Opernsänger-. Während er schwierige Klipven überwand, die größten Schwicrig-- keiten, die oft daS Künstlericben verbittern, überwand, begann ihnr der Glücksstern zu leuchte». Er sang, sang viel und schön, abcc mit dem Steigen seiner Stimme, mit dem raschen Rollen seines Glücksrades, fiel seine Glaubcnsfcstigkcit sein religiöser Sinn immer mehr, biö er sich so weit vergaß, den Glauben seiner Väter zw verlassen und ihn mit einem andern zu vertauschen — —- Nicht lange währte cs, und die Stimme, nicht jene, welche glockenrein seiner Kehle entströmte, sondern die GcwissenSstimme vibrirte in tausend uub tausend rcnmnthigcn Schwingungen, in den klaren krystallcncn Tenor mischte sich eine düstere Wehmuth, die ihn so oft beschlich, als er die Welt bedeutenden Bretter betrat und sich jenes Gedankens nicht erwehren konnte, der ihn an die Klänge erinnerte, mit denen der Gott Israels ihn gesegnet und daS Gotteshaus jenekleinen Fleckens und die Gemüther seiner ehemaligen GlaubenSgenoffen einst erfüllt waren. ES ruhte nicht irr ihm der GewiffrnSbiß, er rüttelte an seinem Schlafe, beängstigte ihn zuweilen und so faßte der junge Künstler den Entschluß, zu dem Glauben seiner Väter zurückzukehren. Sehnsuchtsvoll trat re 17*

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