Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 17 (1.9.1869)
- Date
- 1869-09-01
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dieselben entschuldigen, weil sie nur verdammt zu werden verdienen; denn wenn Insultationen oder entarteter Leiden» schaft entsprungene Gewaltakte die Israeliten treffen, so treffen sie auch unS, die dem Gefühle und der Vernunft nach an dem Wohlc und Wehe jener partizipiren. Nicht minder lann eS t„,S gleichgiltig lassen, wenn die deutsche oder nationalc Presse, daindccentc Gebühren eineeinzeln Juden durch die nähere Bezeichnung der Konfession, die mit demselben gar nichtgemein hat, markirt und dadurch einen Schatten hcranfzubcschwöre» glaubt, der die ganze Iudenchcit treffen soll. Die Blätter scheinen, je nachdem sich dapolitische Wetter und die damit verbundene Haltung der Juden ändert, welche wie schon einmal von unbetont, in ihrer kosmopolitischen Natur an dem jeweiligen NegicrungSsystcmc halten, die Rollen zu wechseln und das Eoncertstück mit dem „ewigen Juden" abwechselnd zu spielen. Wenn dann Börne in seinen Kritiken zumal den Deutschen den Vorwurf machte: „Ist ein Jude Arzt oder Atvokat, dann wird er im StaatSkalendcr bezeichnet, Arzt jüdischer Nation, Advokat j n d i s ch e r Nation. Stiehlt ein Jude und man fragt nach dem Diebe, so heisit cs : ein Jude war'-. Zeichnet sich ein Jude durch Art und Bildung au-, dann sagen die Spötter: er bleibt doch ein Jude;" so läßt sich eben Börnerichtige Anschauung auf nnserc heutigen journalistischen Zustände treffend anwcnden. Wenn aber die Mehrheit der Deutschen unseres Vaterlandes den rohen Ausbruch des böhmischen Pöbels als die inkarnirte Bestialität hinzustellcn glaubt, um dadurch die Juden eher für ihre Fahne zu gewinnen, so ist eö gar oft tonstatirt, das? unter Umständen die falsche Moral einer gebildeten Volksklassc mehr wiegt, als die durch Hunger und (Slciib bis zur Demoralisation potcncirte Leidenschaft einer ungebildeten Pöbelmengr, die überall mehr oder minder vertreten, mehr oder minder ans da- Recht-gefühl Rücksicht nimmt, und cist eine unbestrittene Thatsache, daß dajaden feindliche Geplänkel einer intelligenten Körperschaft mehr in- Herz eine- Israeliten cingrcift als Pöbelausbrüche, gegen die da- Gesetz, her Arm der irdischen Gerechtigkeit schützen und nöthigenfallS einschreiten kann, während bei moralischer' Verunglimpfung der Stachel sitzen bleibt, der das moralische Ich so derb verwundet hat. Nicht der vielen Klagen zu gedenken, die unS seit Jahr und Tag aus deutschen Gegenden zukommen, in denen da- Glacehandschuhen, sondern mitunter in teutonischer Wuth auf tritt und von deutschen Blättern wolwcislich verschwiegen wird, nicht den Wortlaut jener Schreiben wiederzugeben, in denen uns Israeliten ihre schwierige, dornenvolle Stellung in deutschen Gegenden klagten, wollen wir heute nur eines Aktes jener Hepp Hepp ähnlichen Loyalität Erwähnung thun, der vor einigen Tagen von der „Politik" einem Privatschreiben entnommen, zur Illustration deutscher Liberalität gebracht wurde. Haben wir doch die Wahrheit dieses humanen Aktes, nickt im Geringsten angczweifclt, weil wir solcher Musterproben genug besitzen, so haben wir dennoch keine Mühe gescheut, Recherchen einzuholen, um über den eigentlichen Sachverhalt reinen Wein zu erhalten. Derselbe gewinnt dadurch an Interesse als der betreffende beleidigte Israelit ein geborener Prager, deutscher Gesinnung ist und dein gelehrten Stande an gehört. Vor zwei Jahren ungefähr bewarb sich Herr Dr. P. um die Stadtarztstelle in Scdlcc bei Tabor, wo er von dem Gcmcindcrathc, trotz den anderen christlichen Mitbewerbern, ohne jede Schwierigkeit acceptirt wurde. In diesem Orte verlebte Dr. P. wiewol der böhmischen Sprache nicht ganz mächtig, im friedlichen Einvernehmen mit den Bürgern und dem Gcmcindcrathc diese- Ortes ein volles Jahr. Nach Ablauf desselben, kompctirte er auf Grundlage eines in den öffentlichen Blättern ausgeschriebenen Conkurscs der Stadt» arztstclle für einen Doktor der Medizin und Chirurgie in W e i p e r t und wandte sich brieflich an den dortigen Bürgermeister Herrn A. S. der ihm beiläufig Folgendes antwortete: „Dem Namen nach sind Sie Israelit, wenn dieß der Fall, dürfen Sie nicht cjnreich e n, sin d S ic a ber kein Israelit, so schicken Sic Ihre Zeugnisse a l l s o g l e i ch ein." Der Brief war seiner Zeit mit allen seinen orthografischen Feh- Waise». Und sic wollen, wenn das vcrhängnißvolle Horn, den Posanncnschall ausstoßt, ihre Hände in einer rabbinischcn Unschuld »naschen, und „klopfen" wieder an die Taschen der Gcineindcglicdcr, währcnd mir das Her? klopft ob der Rechenschaft, die ich vielleicht einst vor dein Richter, und de» Geschworenen oblegen werde, wälirend idi die lebte Stunde schon schlagen höre, die die jüdisch, deutsche Uhr in vielen Wodien nidit geschlagen und draußen zeigt, »nie es drinnen gebt. Idi dächte cs ivärc besser, niau sdiickc die unverbesserliche llhr nach Marienbad i» die Mur, dorthin eilt Alles, waS gehen und nidit gelicn kann, ob Advokat, ob Professor, ob Rabbiner. Es ist lieblich anzusebc», »vic sie sich dort gegenseitig nichts zu Veibe tliiin. wie sic sid> die .Nur machen, weil es der Arzt so vorsdircibt, >vie sie sid> des Morgens beim Brunnen treffen und fragen: den wie vielten Bcdirr trinke» Sie? Pardon! Collega. 3d) trinke keine Becher, id> trinke Krcuzbrnunen der führt zuin Guten ab. Run dann nniß ich das,jll8 talionis zur Geltung bringen und Ihne» wünschcn, id> möge Sic stets bei Brunnen treffen, anS bei» sic Geld schöpfen köinicn. Sehen Sic Collega id» wollte and» einmal Rabbiner werden, besitze die Fähigkeiten nnd Gigcnfdmfteil nnd alles was daran und darüber ist, die man bei einem solche» voraussctzt, vollkounncu. hatte jedoch daS Glück. cS nid)t zu werden ein noch größeres, die Rcdncrkanzel mit der Lehrkanzel zu -vertauschen, wobei id» bedauern muß, daß Sie mehr Hörer alS ich haben. Bedciikei» Sie fügte der Lehrkanzler hinzu: Als id) einst de»» Mahler zur Abnahme meines Contcrfei faß, fpekulirte ich auf baü Motto, das ich unter meiner abgebildetcn Größe deS Judenthuincs setzen wollte, ich griff nach einem solchen der „Prediger" wie es zun» Theile auf »nich paßt und auch nicht paßt. So hören Sie de»»»»: „Schlicht und aufrichtig hat Gott die Menschen geschaffen (hustet dabei), sie aber haben sich in vielfachen Ber- «vicklungen eingrlaffen (seufzt)." Der Domprediger aus der Florenz. gaffe lächelte. strcid)cltc seinen künstlerischen Bart, der den beredtcn Mund umrahmt und sagte: Was man vollbrad)t, ist gut, die Gegenwart ist das unangenehinstc; wenn inan die los wird, kaiiir man eine Spende auf den Altar deflei» legen, der die Gefd)icke der Menschen leitet. Der dritte, der Advokat beobachtete diesen intcrcffaiilcn Rcd)tsfall und sd)ulrathct den beiden periodischen Freunden, eine »nächtige Phalanx gegen alle Angriffe zu bilden, und sid) so in der Ausführung der Projekte behilflich zu sein. So ein Advokat ist ein Pflffikus, doppelt pfiffig, wenn er von seiner Fraii dreffirt wird, alle Ehrenämter auf seine Sd)ulter zu laden. Der Frau gebührt der Lohn und der Mann erhält ihn. So ein Mann hat oft sein Kreuz mit der Frau, bei jenem Advotaten will cs dcffen Frau dahin bringen, an ihrem Manne daS „Kreuz" zu bekommen. A conto deffen begibt sich das Kanzleipersonalc auf Gruiidlage eines Gerüchtes, in die betreffende Sommerwohnung. der in betreffender Woche ganz aufgeregten betreffenden Doktorin, um ihr feine devotesten Glückwünsche für die erfolgte Ausschmückung der Brustklappc ihres Gemahls, darzubringen, verbeugt sid), verneigt sich,.während die Dame schon ritterlich, den rcd)tcn Fuß vor den Linken stellt, und ergriffen antwortet: „Meine Herren ich danke Ihnen von» Herzen, so oft ich auf die Prüft »neincS Gatten sehen »vcrdc, wird eS mir in der Brust schlagen, ich »vünschc cs bei Ihnen in Freuden."Die Herren entfernten sich und es war der dritte Tag, und rS war der vierte Tag und ihr Chef noch itmnmcr nicht unter den Geschmückten. So bin ich beruhigt, von »nciner Frau nicht dreffirt zu werden und indkln ich, einem jeden wünsche, waS fein Herz und feine Brust begehrt, erkläre ich alles, was ich hier geplaudert habe, für keine „unreine" Lüge.