Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 15 (1.8.1869)
- Date
- 1869-08-01
- Page
- Seite 146 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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“W!- ' > Ml «' jy, N|J|IIU«J. )M - 146 — gefühlist; und auf solcher Weise, ohne auf Umwege zu gelangen, hätte Herr Major einfacher sagen können: Schaffet da- Gebet in der heiligen Sprache au- Synagoge und Tempel ab, dann ist die ebräifche Sprache auden Schulen 60 ipso entfernt. Traurig ist cs aber, daß ein jüdischer Lehrer, wenn er alsolcher noch zu nennen ist, es miL her Moral, mit seinem Berufe im Einklänge findet, ein Organ zu Unterstufen, deffen Gründer und Herausgeber sich in's Fäustchen lachen, wie jüdische Lehrer selbst zum Emporblü« hen eines verblümten Hasses die Saatenkörner streuen. Der moderne Sokrates. Mos es Mendelssohn, Ein Weiser wir Sokrates, Den Gesetzen der Bäter getreu. Unsterblichkeit lehrend, Unsterblich wie er. R-mler. Als vor Kurzem in jenem. Lande, wo Jahrhunderte hindurch mit dem schrecklichsten Fanatismus gewüthet wurde, wo die Inquisition, der „Dolch der Kirche" uuserc armen Glaubensgenossen schaarenweisc auf die Folterbank spannte, mit der ausgesuchtesten und raffinirtesten Grausamkeit behandelte, und Hunderte der Edelsten Israels hohnlachend und glaubens- und blutrünstig den prasselnden Flammen deS Scheiterhaufenüberlieferte, als, sage ich, im fernen Spanien, ,im Lande der Kastanien und der heillosesten Pfaffenwirthschaft, der genialste Redner deö Jahrhunderts, Emil io East clar, jene fulminante Rede betreffs der Religionsfreiheit hielt, die mit Recht als das vollendetste oratorischd Meisterwerk gerühmt wird; — welches jüdische Herz hätte nicht da vor Freude aufjauchzcn mögen, als der gefeierte Redner für die heiligen Menschenrechte der Juden ein solch warmes, tiefgefühltes Plaidoyer' einlegte! Als Castelar den hämischen Verdächtigungen und aus Ignoranz entspringenden Verläumdungen eines Manterola gegenüber die Fahne des JndenthumS hochhielt, und mit Hochachtung und Ehrfurcht den Namen jenes dreifachen Gestirns, das am Horizonte des spanischen JudenthumS in solch blendendem Glanze aufgcgangcn, als er die Namen des kühnsten Denkers, Bäruch SpinozaS, deS glühendsten Patrioten, David ManinS und de? geschmeidigsten Politikers und genialen Romanciers Benjamin DiS raeliS, nannte: — welcher Jude wäre da nicht des Dogmas der geschichtlichen Vergeltung, oder richtiger ausgedrückt, des wunderbaren Einflusses der göttlichen Vo rsehu ng, die die Geschicke Israels stets zum Guten lenkt, inne geworden! Wenn die Großinquisitoren Spaniens, wie z. B. die TorqucmadaS, die Pedro Arbes und ihre Henkersknechte, wenn die Blutmenschcn der heiligen Hcrmandad und alle die entsetzlichen Sbirrcn des ReligionshaffcS und des Raoenfanatismus ihre Gräber verlassen könnten — wie würden sie sich entsetzen ob der Rede deS Mannes, dem die strengkatholischrn EorteS den unerhörtesten Beifall znjauchzten! mit welch bestialischer Gier würden sic die auto-da-fes für diese Ketzer errichten und mit welcher Inbrunst würden sie den Juden das tausendjährige schmachvolle „Hepp-Hcpp" zurufen und dasselbe auf dem Scheiterhaufen oder — wenn'- gut geht — in den schrecklichen Bleidächern und unterirdischen Höhlen der Jnquisitionögebäude pr a k t i s ch in Szene setzen! Ein ähnliches, wenn auch nicht so heftige- Gefühl der Gcnugthuung und der Freude über die Anerkennung deS jüdischen Genius durch Emilio Eaftclar empfanden wir auch als wir, während unseres zufälligen Aufenthaltes in Berlin die prächtige Charaktcrstudie Hugo Müllers, eines hochbegabten DrammatikerS, auf den Berliner Bühnen aufführen sahen. DaS einaktige Stück führt den Titel „Onkel Moses," nnd und wird in demselben die liebenswürdige und so ansprechende Persönlichkeit des modernen Sokrates, Moses Mendelssohn s, mit meisterhaften Pinselsttichen gezeichnet. DaS Stück erntete rauschenden Beifall, der Verfasser und die Darsteller wurden zu wiederholten Malen gerufen, und „Onkel MoseS" gehört nun zu den Repertoirstücken der Berliner Bühnen. Waö dieser Charakterstudie einen wahrhaft kulturhistorischen Werth verleiht, ist der^Umstand, daß in demselben die Juden nicht als Karrikaturen — oder im besten Falle — als mit rationalistischen AufllärungSphrasen um sich werfende Humanitätsschwätzer oder gar als moderne ShylockS, sondern als edle, durchaus hochbegabte und kenntnißreiche Menschen dargcstellt werden. Daß nun ein Stück, worin die Juden in solch eminentem Lichte erscheinen, den stürmischen Beifall deS — größtentheilS christlichen — Publikums errang — dies ist ein höchst bedeutsames Moment und ein schlagender Beleg dafür, daß im christlichen Volke der Judenhaß auS» gestorben und daS hie und da noch ertönende Hep-Hep bloß das künstliche Produkt einzelner egoistischer oder verworfener Individuen ist. — Welch ungeheueren Umschwung bezeichnet dieses einzelne Faktum schon in der socialen Stellung des JudenthumS! Der königliche Chef der deutschen „Aufklärer,"*) der flunkernd zu sagen pflegte, daß in seinem Staate j ed er nach seiner Faoon selig werden könne, entließ am 28. Aug. deS Jahres 1752 ein Edikt, daß die in seinem Lande ansässigen Juden auf eine gewisse Kopfzahl beschränkte; „sobald diese Anzahl überstiegen würde, sollten die geringsten und liederlichsten (sic!!) aus der Judenschaft ihres bis dahin gehabten Schutzes ohnerachtet aus dem Lande geschafft werden, neue Judenfamilien durften sich unter keinem Falle einschleichen und ansetzen.**) Seit dieser Zeit ist ein Jahrhundert verstrichen und nun — wohnen in Berlin allein beinahe 10.000 jüdische Familien! Ja die ultramontanen preußischen Blätter, an ihrer Spitze die „Krcuzze it u n g und Ev. Kirchenzeitung." stimmen jahraus jahrein schreckliche Jercmiaden an, über die „Verjudung" Berlins und der preußischen Monarchie! Im Jahre 1750 noch wurde selbst der große Mendelssohn bloS geduldet, nicht weil er der damals lebende größte Philosoph, neben Lessing der glänzendste Stilist, der Freund eines Marquis d'Argen-, des Lieblings Friedrichs des Großen war, — nein! bloS deshalb, weil er Compagnon des Seidenfabrikantcn Bernhardt war._„Wenn dieser ihn cheittc entläßt" sägteeineSTagcöder preußische König zum Marquis d'Argens, „und er keinen andern Schutzjuden findet, der ihn in Dienst nehmen will, so würde die Polizei ihn zwingen, noch heute die Stadt zu verlassen." — Und wie ists heute in Berlin z. B. bestellt? Nu» Seine Excellenzder Graf Bismark ein echter pommerscher Junker, aus judenfeindlichem Zeug fabrizirt, beehrt sich, die Soireen der Jüdin Frau Lucca. der Banquiers Me ndelösohn, Bleichröder zu besuchen; ja oft pflegen selbst Ihre Majestäten Höchstselbst sich zu der mit wahrhaft orientalischer Ueppiqkcit auSgestatteten Tafel eines Dr. StrouSbergS einzufinden!I — Es kann hier nicht unser Zweck sein, eine biografische Skizze Moses Mendelssohns, die übrigens ziemlich bekannt sein dürfte, zu entwerfen, noch auch die epochemachenden Verdienste dieses wahrhaft großen Mannes zu schildern;***) ich wollte bloS an MoseS Mendelssohn recht deutlich den überaus mächtigen Fortschritt zur allgemeinen Cmancipation deS JudenthumS, dessen eifrigster und gewandtester Kämpe eben der Deffauer Philosoph gewesen, darlegen; wir wollten bloS mit einigen Bemerkungen die Thatsache co nstatiren *) Natürlich meine ich Friedrich den Großen und nicht den edlen Joseph 11. **) Analen der Juden in der Mark Brandenburg. ***) Wir verweisen hier aus vorzügliche Schriften,die sich mit diesem l\ 2 ii it i 'Wa# fiel ftttpr ftflti Gegenstände beschäftigten: 1) Zün» Rede gehalten bei der Feier von M. Mendelssohnhundertjährigem Geburtstage den 12. Elul-10. September 1829. Berlin 1829. 2) Zion, Ermunterung für die Glaubensgenossen M. Mendelssohn», von S. B. SchSnebrra. Berlin 1829 Außerdem die Bücher von Heilberg, Richter, Salomon, Li manssohn, Beer, Goldschmidt, Jellinek, Lottard u