Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 15 (1.8.1869)
- Date
- 1869-08-01
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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die Zeit, die man dem Privatlehrer zum Lindrillen der Sprache und der Religion rinräumt, möglichst beschnitten, auderieiterfreut sich dieser Lehrer auch nicht gerade sehr williger Schüler. Aus diesen Momenten resultirt denn jene Art de- Unterrichten-, welche die Juden selber „Büffeln" nennen und die ein wahrer Hohn auf Pädagogik und Methodik ist. Eberührt rinen schmerzlich, wenn man Spinoza, Mendelssohn wären eben keine Philosophen, wenn steht, wie die Kinder sich quälen, ganze Kapitel ihrer cbräischen" Bibel nach Befehl wörtlich einzupauken. Gegenüber den Männern, die hier die Gesetzgeber sind erscheint der Urheber der preußischen Regulative mit seinen Anforderungen an das Gcdächtniß als ein nachsichtiger Vater." Ohne uns in eine specielle Kritik dieses famosen Aufsatzes einzulassen, bedauern wir vyr Allem, daß die pädagogische Anschauung manches unserer israelitischen Lehrer durch nichtisraelitische Blätter ausgetragen wird, um auch jene außerhalb der Peripherie des IudenthumeS Stehenden zu überzeugen, wie sehr man bemüht ist, in freier pädagogischer Weise in seinem eigenen Fleische und Blute herumzuwühlen. ES sieht wohl das ganze mit hirnverbrannter Kohle geschriebene Eommuniquc dem anatomischen Präparate de- EerebrumS eines Wahnsinnigen ähnlich nnd hat den Anschein als ob der Herr „Major“ sich gräme, dcßhalb bei jüdischen Familien als freier Pädagog keinen Einlaß zu finden, weil ihm eben die cdräische Kenntnis abgeht, die sonst eine nothwendige Bedingung eines jüdischen Lehrers ist, aber wir find keineswegs bestrebt, jenes pulverisirte Machwerk in weitschweifiger Weise zu besprechen, sondern den Herrn Schreiber, der in seiner Einfalt nicht Major sondern maxiraus zu heißen verdient, mit seiner eigenen Waffe zu schlagen. Als der Herr Major das Licht der Welt erblickte, hatten wir das Glück ihn eben so wenig wie heute zu kennen, wir hatten nicht das Glück, ihn die Trivialschule besuchen zu sehen, wir wissen daher auch nicht wie nnd ob er erzogen wurde, doch so viel scheint, daß in damaliger Zeit, wo Major noch winor war, die Pariheien der Orthodoxen und Reformer noch nicht so scharf hervortraten, wie dieß heute geschieht und daher auch die ersteren kaum fest daran gehalten haben mochten, der Glaube der Väter könne nur ebräisch gelehrt werden, der Jugend werde der Glaube in der Form ebräischer Vokabeln eingeprägt. Nun müsste man bei dem Herrn Major die Alternative vvrauSsctzen, entweder habe er Glauben oder er habe keinen Glauben: im -ersteren Falle; hätte er da er doch auch ein jüdisches Knäblein war, das zwar in keinem Schilfrohr gesunden wurde, seinen Glauben den ebräischen Vokabeln zu danken, im letztern Falle hätte er nicht das Recht eine Wissenschaft mit dem Glauben in Verbindung zu bringen und diesen von jener abhängig zu machen. „Wäre das Ebräische gleich dem Lateinischen oder Griechischen eine kunstvoll entwickelte Sprache, so daß es als ein geeignetes Feld für die formale Ausbildung der Jugend anerkannt werden konnte, oder wäre eS wie die erwähnten Sprachen ein Thor zu einer reichen gediegenen Literatur, so meint Herr Major, dann stünde die Sache anders, dann ließe sich das zähe Festhalten der Altjuden an dem Herkommen begreifen. Aber weder das Eine noch das Andere ist der Fall, das Ebräische ist als Sprache in seinen Anfängen erstarrt und die Literatur, zu der es den Schlüssel liefert, ist weder durch Reichthum, noch durch Gediegenheit und Vollendung — einige wenigen Perlen des alten Testamentes ausgenommen — sondern eben nur als Spiegel einer nationalen Kultur, also nur historisch vom Interesse." Wenn man diese aller Logik entbehrende Deduktion liest, so muß man den Satz anwenden: Wer bei gewissen Dingen seinen Verstand nicht verliert, hat auch keinen zu verlieren. Wir gehören gewiß zu jenen, welche die Kenntnis der alten Elaffikcr als Basis allgemeiner Bildung betrachten. Zu den Elaffikern gehört aber auch unstreitig die ebräische Wissenschaft; denn so wie der eine einerseits Homer Sophokles; Herodot u. s. w. anderseits Hora;, Virgil, Ovid u. s. w. ob ihrer Sprache ihres Geistes bewundern und studiren wird, so wird der Andere in dem Sänger David, in Salomo, JesaiaS u. s. w. die schwungvoll Sprache und den erhabenen Geist anstaunen, die unsere deutschen Claffiker mitunter zum Borbilde genommen und in das Volk hineingetragen haben, wasonst nicht gewesen sein konnte, wenn nicht die Urquelle der ebräischen Poesie vorhanden gewesen wäre. Philosophen wie sie nicht an dem Ouell der ebräischen Wiffenschaft ihren Geist gelabt und ihn so fort entwickelt hätten. Und so wie man das Medium gebrauchen könnte, die Jugend anstatt mit der Originalsprache der Ebräcr zu plagen und ihr die h. Schrift die Psalmen, Sprüche u. s. w. in der Sprache des Hauses in der Muttersprache bcizubringen.- mit demselben Rechte könnte man die Jugend mit der Geschichte der alten Römer und Griechen in der Muttersprache vertraut machen, ohne sie mit der Originalsprache zu quälen, zu deren Vollkommenheit cS die Jugend höchst selten oder gar nicht bringt. Cs handelt sich hier aber weniger um den bloßen Wortlaut, als um den Geist der Sprache, der eben in der Sprache selbst liegt. Und grade hat die ebräische Sprache vor allen tobten Sprachen den Vorzug, daß sie den Juden noch als eine lebende gilt, die das Bindemittel der Israeliten bildet, an dem sich die Bekenner des Judenthumö unter allen Himmelsstrichen, in allen 'Ländern fremder Zunge im Gottes« hause erkennen, als Brüder begegnen. Die cdräische Sprache ist ein kostbares Gut der Juden, um das so viele geblutet, ja in den Märtyrertod gegangen sind. Und eine Sprache, die als die älteste zu verzeichnen ist, die der lateinischen und griechischen Sprache den Altersrang abgclaufen hat und noch heute besteht gleich den andern Sprachen des Alterthums, sollte aus der jüdischen Schule verbannt, nicht gelehrt und in den Strom der Vergessenheit getaucht werden, weil es ein „freies pädagogisches" Individuum haben will? Sind ihm die Montefiore, Ercmieux, Jacobh, Knranda nicht genug Bürgschaft dafür, daß selbst der Glaube der Väter auch ebräisch gelehrt werden könne, oder steht der Herr Major über diese Größen Europa's erhaben? Dann, nun dann schlagen wir renmüthig ein pater peccavi an unsere Brust, der solche Expektorationen entströmen. Doch wir halten den Herrn Major so bescheiden, daß er sich für einen ganz gewöhnlichen simplen Lehrer betrachtet und in seinem Dusel zu weit gegangen ist, um anstatt eine bessere, und Zeit gemäße Methode, des Unterrichtes, in der ebräischen- Sprache und der Religion zu empfehlen, die ganze Sprache aus der jüdischen Schule zu verbannen, gleich jenem Baumeister, der einer Reparatur wegen an eincin Pallastc, den ganzen Pallast zusammcnrcißen ließ. Einrcißen ist leichter als aufbauen, negiren leichter als begründen; mit dem bloßen Einrcißen und Negiren ist weder der Wissenschaft noch der Religion gedient und wir geben cs gerne zu, daß eine Zeit gemäße Reform des Religionsunterrichtes in der Schule am Platze wäre, durch die grade die ebräische Sprachwissenschaft in systematischer Weise gepflegt und das mechanische Eindrillen einer ReligionSexplikation oder eines Religionsbuches, die zu nichts Anderem als zur Bequemlichkeit der Lehrer, zum Ballast der Schüler dienen und letzteren jedes religiöse Gefühl in unbarmherziger Weise rauben, während die Jugend heranwächst und baar alles ebräischen jWiffenS beispielsweise beim Vorrufcn zur Thora nicht einmal den ScgenSspruch, geschweige dessen Bedeutung kennt. Und gerade ist die Pflege der ebräischen Sprach: in Schule und Haus unerlässliche Bedingung zur Weckung religiösen Gefühles, zur Begeisterung für die heilige Schrift und zum Studium für den Philologen. Bevor nun Herr Major sich entschlossen, sein Anathema gegen die ebräisch: Sprache nnd den Unterricht derselben in den Schulen zu schlendern, hätte er zuerst genau erwägen müffcn, daß mit Entfernung dieser Sprache aus den Schulen auch die Entfernung derselben aus Synagoge und Tempel ausgesprochen und mit einer solchen Paralisirung das Banner der Zerstörung auf den Trümmern des IudenthumeS anfgehißt wird, dessen charakteristisches Merkmal eben so die Sprache, wie bei jedem andern Volke, bei dem die Sprache der Ausdruck des National-