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Die Gegenwart · 1869-08-01 · 15 (1.8.1869) · p. Seite 144

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
15 (1.8.1869)
Date
1869-08-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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höchst wahrscheinlich recht lange auf sich warten lassen wird; denn das Gesetz ist einmal da, und die Landtage werden schwerlich etwa« zu Gunsten der jüdischen oder protestantischen 'Lehrer macken. Ueberdieß sind vom Ministerium bereits fämmtlichc Vorlagen in Schulangelegenheiten für die Landtage bereits vollkommen abgeschlossen und licacn Wochenlange beim Lande-auSschuffe zur Drucklegung. Als Beweis dafür dient, daß der UnterrichtSministcr v. Hafner einen mehrmonatlichen Urlaub bereits angetreten hat: Es fragt sick nun noch was jene jungen t'eute, die sich für den Leh» verstand qualifizieren wollen, was sie jetzt noch dazu veranlassen soll? DaS Erfordcrniß ist ein weit größeres, vierjährige Studienzeit nach absolvierter Unterrealschule mit strenger Aufnahin-prüfung. Beim Austritte erhält der Candidat nach abgelegter strenger Prüfung das Zeugnis der Reife d. h. Befähigung als Untcrlchrer und muß nach dreiähriger Wirksamkeit sich neuerdings einer Maturitätsprüfung in Gegenwart einer vom Ministerium ernannten Commission unterziehen, um — die Befähigung zu erhalten, an einer jüdischen Gcmeindeschule unter dem Protektorate eines jüdischen Kultusgemeindevorstandes als Lehrer angestellt werden zu dürfen. ES gehört wahrlich ein verbranntes Gehirn dazu, nutcr solchen Berhältnissen sich dem Lehramte zu widmen. Zn Ungarn gehen die vorzüglichsten Lehrkräfte nach und nach vom Lchrfachc weg, und wählen einen andern Beruf. So lesen wir, das; zwei der vorzüglichsten Lehrer Ungarns, die Direktoren an der aradcr und waag-Reustadtler Haupt- und Realschule ihrem Berufe den Rücken gekehrt, um — als Buchhalter rentablere und ehrenvollere Stellungen einzunchmcn. Bon ersterem, der durch zwanzig Jahre bereits mit Liebe und Aufopferung im Weinberge des Herrn gearbeitet, schreibt einer seiner Collcgcn aus Ungarn: „Wir werden unser Bündel schnüren und einem Be^ rufe den Rücken kehren, der uns Mangel, Entsagung und obendrein noch Erniedrigung bietet. Einer der Besten aus unserer Mitte ist nnS mit gutem Beispiel vorangcgangcn. Er hat nicht gewartet, bis seine Hand zittert, seine ManucSkrast gebrochen und er gezwungen ist. die Brosamen vom Tisch der Reichen abzulescu. Er hat freiwillig und aus ehrenhafte Weise, wenn auch mit Wchmuth im Herzen, seine Resignation geschrieben „u. s. w." Wir wollen eS der Zukunft überlasten, zu constaticrcn, wie viele begabte Jünglinge sich unter den gegenwärtigen -BcrlMnisten dem jüdischen Lchrrrstandc zu widmen geneigt sein werden. Philipp Lederer ReligionSlehrcr in Eger. Ebräischc Nöthen. Unter diesem Titel bringe» die in Wien erscheinenden „freien pädagogischen Blätter" vom 24. v. M. einen mit Major Unterzeichneten länger» Artikel, in welchem cS unter Anderem heißt: „Bezüglich der Anwendung des Ebräischcn beim Rcligionsuntcrichte gibt cs unter den Juden zwei Parteien: Orthodoxe und Reformrr. Die Orthodoxen halten fest daran, daß der Glaube der Pater nur cbräisch gelehrt werden könne. Eie prägen der Jugend den Klauben in der Form cbräisckier Vokabeln ein und weisen jedeS Bedenken, welches gegen ein solches Vorgehen erhoben wird, unter Berufung auf die althergebrachten Saßungc» zurück. Tic Reformer dagegen verlangen, daß die Sprache deS Hauses »nd der Schule auch beim Religionsunterichte zur Geltung konaiic. Sie erkennen cs als einen Misbrauch und als eine Entweihung der Religion, daß dieselbe dein .Ninde auf dein Wege martcr- und dornenvoller Sprachcxcrzitien übermittelt und - von Grund ansvcrlcidct werde. An der Epipc der Orthodoxe» marschirt daS verknöcherte und fanatische Rabbinerthum, eine Schaar potenzirtcr Pfässen, wie sich dieselben nicht ärger denken lasten. Den Rabbinern folgen Jene, deren Intreffen sic in der Hand halten, und das Gros der Partei bildet die Masse des Volkes, die den freien, geistigen Hochblick nicht zu erringen verstand TS ist ein numerisch starke- und dabei fanatische- Chor, aber seine Erfolge liegen aus der negativen Seite; cliefert den Schlüssel zun Berständniß vieler Unterdrückungen, welche die Juden alsolche über sich ergehen lassen mußten. Es ist leider eine Thatsache, daß viele jüdische Lehrer in den. Reihen der Rabbiner stehen und, wenn sie pädagogische Einsicht besitzen, - piese-ü^der— Frage des Religionsuntcrichtes ihren Rabbis zu Liebe verleugnen. Niemand verkennt hierin den Fluch der Knechtschaft, der erst dann sein Ende finden kann, wenn auch innerhalb der jüdischen Gemein, den die Emanzipation der Schule von der Kirche zu einer vollstänbig durchgcführtcn Maßregel geworden; aber eine Schmach bleibt es gleichwol, wenn die geistige Freiheit einem äußeren Zwange erliegt und der Mann in einer solchen Kardinalfrage nicht Farbe zu bekennen wagt. Und welcher Grund wäre cs denn, den man als einen auch nur halbwcgS trifftigcn für die zwangsweise Aus. rechthalt ung des Ebräischen geltend machen könnte? Wir sehen unS vergeblich nach einem solchen um. Wäre das Ebräischc gleich dem Lateinischen oder Griechischen eine kunstvoll entwickelte Sprache, so daß cs als ein geeignetes Feld für die formale^ Ausbildung der Jugend anerkannt werden könnte, oder wäre es wie die erwähnten Sprachen ein Thor zu einer reichen, gediegenen Lieratur, dann stünde die Sache anders, dann ließe sich das zähe Festhalten der Altjuden an dem Herkommen begreifen. Aber weder das Eine noch das Andere ist der Fall, das Ebräische ist als Sprache in seinen Anfängen erstarrt und die Literatur, zu der cs den Schlüssel liefert, ist weder durch Rcichthum, noch durch Gediegenheit und Vollendüng — einige wenige Perlen des alten Testamentes ausgenommen — sondern eben nur als Spiegel einer nationalen Kultur, also nur historisch vom Jntresse. Was die Sache noch ganz besonders bedenklich, ja geradezu vcrwerstich macht, ist weiter die Art in welcher nian Sprache und mit ihr die Religion tradirt. Wo Fremdes durch Fremdes erstrebt wird, da ist das Warten auf den Erfolg ein vergebliches, denn da wird die pädagogische Maxime: voin Rahen zum Fernen — vom Bekannten zuin Unbekannten l mit Füßen getreten. Die Religion, die der Jugend zum Eigenthumc werden soll, wird durch die ebräischcn Vokabeln in Trümmer geschlagen; die Sprache, deren Berständniß zu crschließcn ist, verwirrt sich in dem Dunkel des Doginas. Will man Re. ligion treiben, so fällt der vorgezcichnetc Weg nicht mit dem Wege zusammen, auf dem man eine freindc Sprache überwindet. Jede gcoffcnbartc Religio», also auch die jüdische, wendet sich direkt ans Herz; ihre Wirkung ist gleich Rull, wenn sic auf den kalten Verstaudcsblöcken, die ihr eine der Jugend mit sieben Siegeln verschkösscne Sprache in den Weg wälzt, an die Pforte des Herzens gelangt — oder eigentlich gelangen soll, denn sie kommt thatsächlich nicht ans Ziel. Und wie die Religion an der Sprache, so geht die Sprache an der Religion zu Grunde. Wie kann wol ein Kind methodisch in eine fremde Sprache cingeführt werden, wenn es gleichzeitig so ganz Herz zu sein hat, wie es der Religionsuntericht fordert! Rein, der Dualismus ist hier eine verfängliche Sache, denn Niemand, und am allerwenigsten ein Kind, kann zweien Herren dienen. Vielleicht existireil jüd. Schulen, wo man zunächst die Sprache lehrt und dann erst die Religion vornimmt. Immerhin mag s der Fall sein, allein das Hebel wird damit nur gemildert, nicht beseitigt. Was Wien belangt, so müssen hier die Inden den Fluch des Stillstandes in seiner ganzen Schwere tragen. Oeffentlichc jüdische Schulen nach rabbinischcn Grundsätzen organistrt, würden hier nie aufkommm und gegenüber den christlichen Schulen mit Ehren bestehen könne», und die jüdischen Privarschulcn, die in beinahe übergroßer Menge vorhanden sind, wollen von dem orthodoxen Wesen Nichts wissen. Daß die christlichen Schulen, die von den Juden stark bemißt werden, daö Ebräischc nicht betreiben, versteht sich von selbst. Gleichwol müssen die Juden ihre Kinder mit der ebräischcn Sprache bekannt machen lassen; denn ohne Rcligionszeugniß ist kein Vorrücken in eine höl>cre Schulklasse gestattet, und zu jenem Zcugniß gibt s nur den einen Weg, den die allmächtigen Rabbis vorschrciden. Die natürliche Konsequenz dieser Zwangslage ist der Flor deS PrivatnntcrichtcS im Ebräischcn. Der Widerwille, mit welchem sich die gebildeten Juden der» Zwange fügen, ist begreiflich kein geringer und kein leiser, und daß sich die Jugend daher auch nicht gerne zu dem Experimente hrrgibt, nur zu natürlich. Eo wird einerseits-

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