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Die Gegenwart · 1869-08-01 · 15 (1.8.1869) · p. Seite 142

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
15 (1.8.1869)
Date
1869-08-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 staudeS deshalb nicht gefehlt zu haben, um zu verhüten, daß nicht eines schönen TageS die Gemeinde mit einem Oberrabbiner überrascht werde, der nicht durch den Willen der Gemeinde, sondern durch.die Protektion Einzelner gewählt wurde." Wir sind nun heute an einem Punkte angelangt. >wo über die Besetzung desObevkabKinatSstuhleS entschieden -wurde^ und, irren wir nicht, so ging unsere Prophezeiung, daß die Gemeinde eines schönen TageS mit einem Oberrabbiner überrascht werde, in Erfüllung, der nnht durch den Willen der Gemeinde, sondern durch die Protektion Einzelner gewählt wurde. Bcvvr wir jedoch die Wahl als eine gelungene oder als eine miSglücktc bezeichnen, wollen wir vorerst der Vorzüge gedenken, die unter den gegenwärtigen Zeitvcrhältnissen, ein Obcrrabbütcr besitzen muß, um den Anforderungen der Zeit und der Gemeinde zu entsprechen, und überhaupt seinen Platz vollkommen anSzufüllen. Die Eigenschaften jener geistlichen Oberhäupter, die zu Anfänge dieses IahrhundcrtcS und selbst vor Dezennien die prager Jsraelitcn-Gcmcindc besessen, waren wohl dazu angethan, das Ansehen der Gemeinde zu heben, Gottesfurcht und religiöses Gefühl zu verbreiten, und die Stellung des Oberhirten zu einer Ehrfurcht- und Achtung gebietenden zu machen; denn nennt man nur die Rainen Samuel Landau, Ezechiel Landau, FleckclcS, so nennt man auch die Blüthczcit der Prager Zsraclitcn-Gcmcindc. Diese standen zu einander in harmonischer Wechselwirkung und die Ehrlichkeit jener Männer, ihre ungchcuchUlc Frömmigkeit und Uncigeunützigkcit spiegelten sich auch i« der Gemeinde ab. Jenen Männern, die in der Geschichte des IudcnthumS ein goldenes Dcnkblatt besitzen, folgte der hochseelige Rapoport, gleich groß als Gelehrter wie als Mensch. Die Stellung wurde, da die Gemeinde vor feiner Ankunft in Prag, verwaist war, für ihn den Fremden eine schwierigere, und l»:r Klippen, die er überwinden sollte, waren zu groß, als daß er mit Leichtigkeit über dieselben hinwcgschrcitcn konnte. Und so blieben die Klippen Klippen und der große Rapoport bei seiner geringen I Energie, und Machtlosigkeit zu schwach, ein Medium zu i; finden, der Gemeinde den Nimbus zu verschaffen, der sie ' unter seinen Vorgängern umgab. Die Gemeinde war wohl! mit Recht stolz, in Rapoport eine glänzende Perle zu besitzen, die aber die intensiven Strahlen ihres Glanzes nach -jemk^ Seite^ hin aussandte, wo iter unerschöpfliche Quell seiner Gelehrsamkeit die WisscnSdurstigen labte. Rapoport hatte, wie gesagt, mehr für den Gelehrten und den, der Gelehrte werden wollte, einen unschätzbaren Werth, während er der Gemeinde gegenüber nur das Verdienst hatte, eine Eoryphäe zu fein, die in ihr den Sitz hatte. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, seien sie staatlicher oder religiöser Natur, istdas Postulat der Zeit, das an einen Oberrabbiner herantritt, ein ganz anderes worden; da muß vor Allem eine streng ausgesprochene re», ligiösc Richtung, die sich nicht dem Wunsche Einzelner accomodirt, vorhanden sein, kein chamäleonartiges Wechseln der 'religiösen Farbe darf den Seelenhirten heute so und i 11t o r gen anders er sche ine n lassen, d i es er Richtung muß sich ein gewisser Grad talmudis ch e r B i l d u n g a n r c i h e n, durch die d i e L ö s u n g brcn ncnder religiöser Tagesfrag en erfolgen k a n n, u n d n e b st c in em charakterfesten Wesen und einer ungebrochenen Thatkraft muß die Gabe der Beredsamkeit ein Steinchen sein, das mit in die Waagschaale fällt; denn um letz-! tcrcS zu begründen, müssen wir die Manie hervorheben, die seit einigen Jahren in Prag eingcrissen ist, für jede Synagoge, und sei sic auch finanziell noch so schlecht gestellt, einen Prediger anzustcllen. Und wahrlich würde der Gemeinde ein geistliches Oberhaupt vorgestandcn sein, das nicht allein mit DcraschaS die hungrigen Talmuddilletanten abgespeist, sondern auch den Laien, die Jugend mit Zeit gemäßen homiletischett^Vorträgen erbaut hätte, so stünden die Dinge auch anders. Plötzlich idncittc cv auf und sah geisterhaft nach der Thur. Dieselbe öffnete sich und herein stürzte Indith-Maria, warf sich zu seine» Füßen preßte die (Stint an seine Miiic und stöhnte in int* crmcßlichc» Jammer: Vergebung. Vater Zosiah! In der offenen Thür aber stand Martin der Klosterbruder. Der Patriarch legte die Hände ans öudith s Haupt und beugte sich herab und küßte ihre bleiche Stirn. O Judith, meine süße Judith, flüsterte er, ich habe Dich wieder! lliid vereint, sagte sic ernst und traurig, werden wir ringelten in das Paradies, denn öelwvalt umcilit der reuigen Tochter. Was ist das? schrie Bruder Marlin von der Thür her. denke dessen, was du gelobtest um frei i» werden. Mein bist Du, Schwester Maria! Judith erhob sich mit der Majestät einer geborenen Königin. Vater Jo nah! rief sie. ist mein unentweihter Leib taufend dulden wcrtli. so möge sic Hannah dem Manne reichen, der mich aus dem Kloster befreit bat. Denke , daran, fubr Bruder Martin auf, was ich Dir bei allen tausend Höllenteufcln schwor. Wir flicbcti zusammen in ein serncö Land, oder ich sage dem Pater Giacomv. wo Du zu sindcn bist! Er möge mich sinden. sagte sie ruhig und nahin and -Hannah'S Hand die verlangte» Banknoten und reichte sie dem grollenden Klosterbruder dar, nimm das Geld. Martin und sage dem Patcr, wo ich bi». DaS ist mein Wunsch. Und indem ich Dich bitte, ihn hierher zu schicken mit seinen Häschern und Henkersknechten, leitct mich nur das eine, brennende Verlangen, daß er sieht, . wie Schwester Maria, die er bekehrt hat. mit dem Rufe stirbt: Zurück zu Dir, Herr Zebaoth. Bruder Martin sah wechselweise die schöne Jüdin und die schönen Banknoten an. Du läufst keine Gefahr für Dich, sagte Zudit. wenn Du wegen meiner Flucht Länt» machst; Du kannst sagen, daß Du mir auf der Straße begegnet bist und mich erkannt hast. Lebe wohl sind nimm den Dank einer Sterbenden und segne der Gott, zu dem wir Alle beten, segne er Dich kür das. was Du an mir gethan hast^wcnn auch in anderer Absicht, als jetzt in Erfüllung { gehen soll. . I Ist cs Dein Ernst, daß" ich den Patec schickc? fragte er noch.! Mciil sehnlichster Wunsch, cntgcgnctc sie, und je eher, desto bester. Er stürzte hinaus. Sic aber sank von Neuem zu den Füßen des Greises und nahm seine beiden Hände und legte sie aus ihr unseliges Haupt. Vater Iosiah, rief sic. hatte nicht Icphtha eine Tochter, die ihm lieb ivar wie seiner Augen Licht und die er dem Herrn opferte? Der Patriarch senkte die ehrwürdige Stirn. Er hatte ver. standen, ivas sic wollte. Der Gott meiner Väter sagte er resignirt, gebe mir Kraft zu thun nach Deinem Begehr. . Sie legte ihm das Gcständniß ihrer Verirrung und ihrer Verzweiflung ab, Sic zeigte ihm den Dolch, der ihre jungfräuliche ' Ehre geschützt hatte, und drückte ihm das funkelnde Eisen in die üttcrndc Hand. Sic öffnete vor ihm bis in seine letzten Falten ihr zerknirschtes Herz und sprach ihm Muth zu. das Aeußerste t» thun. um eine äußerste Schmach, von ihr abzuwcnden und sie j dem Gott ihrer Väter rein und steckcnlos zu überliefern, j Und Minute verstrich auf Minute und näher rückte das Schicksal, das Allen Erlösung bringen sollte, j Da klirrten Waffen vor der Thür und herein trat Pater Gia-! como mit verstörtem Gesicht, aber schön wie Luzifer, der gefallene Engel. Er blieb an der Thür stehen und fein dunkleS Auge warf > einen brennenden Blick nach dem schönen Mädchen. Her zu mir, Schwester Maria, rief der Pater mit der Glockcnstimmc, die sonst all ihr Wesen in einem Accord sehnsüchtigen Zaubers aufgchen ließ, zwinge mich nicht Gewalt zubrauchrn und die Buße, der Du verfallen wirst, schwerer zu machen, alt meine Milde und mein Mitgefühl Dir auscrlegen möchte.

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