Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 14 (15.7.1869)
- Date
- 1869-07-15
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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136 i Ein wichtiger Moment ist eS, der Euch hieher geführt hat. Ihr seid gekommen um hier den heiligen Bund der Ehe zu schließen. Wie Ihr jetzt unter dem ühehimmel stehet, so möge die Ehe Euch fortan einen Himmel auf Erden bereiten, einen Himmel-immer licht und klar, einen Himmel von keiner Wolke getrübt, einen Himmel, der seinen Segen in reicher Strömung aus Euch ergieße. Zweifach belebend ist das Fest, da« wir heute hier feiern, Erstens ist es das Fest Euerer ehelichen Verbindung, die Euer LebenSglück begründen soll, und da muß ich Dir, mein Freund mit Nachdruck zum Bewusstsein bringen, und dir ,an'S Herz legen die Pflichten, die Du dadurch übernommen. Wenn dieser Schritt jeden Anderen schon heilige Verpflichtungen aufcrlegt, so ist es bei Dir doppelt uud dreifach der Fall. Die erste Weihe, die Euer HerzcnSbund erhalten, war durch das heilige Gefühl der Webe, in welcher Ihr die Kraft gesunden, alle Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden. Und Liebe wird daher dieses liebegltthcnde Herz von Dir fordern, eine solche Liebe, von der die heilige Schrift sagt: Ihre Gluten sind Feuergluten, Gottesflammen! Gottesflamme ist sie, muß sie! bleiben, ein heiliges Gefühl rein und lauter, nicht entweiht, nicht entheiligt. Was Dir aber Verpflichtungen noch höherer Art aufcrlegt, ist daS: Wie einst die wackere Ruth zu Naöme, so hat deine Braut zu Dir gesagt: Nichts soll mich von dir trennen, wohin Du gehest, dahin gehe auch ich, wo Du weilest, weile auch ich, dein Volk ist mein Volk» Dein Glaube, ist mein Glaube! Welcher Muth liegt in diesen Worten, welche Hingebung in diesem Entschlüsse, welche GcisteSstärke und Ausdauer in der Ausführung, da das In. denthum dem Uebcrtrittc selbst Schwierigkeiten in den Weg legt, da dem Judcnthum nichts fremder ist als Proselytenmacherei. Sie hat alle Schwierigkeiten überwunden, um zum Ziele zu gelangen, sie hat also ihre ganze Zukunft, alle Hoffnungen und Wünsche in Deine Hand gelegt, und das Judenthum, dem sie sich vcrtrauungsvoll angeschlossen hat, gleichsam für Dich, die Bürgschaft übernommen, daß sie in ihren gerechten Erwartungen sich nie getäuscht sehen wird. Aber auch Tu o Braut musst Deinem Manne, dieses heilige Gefühl, wie cs itzt rein und lauter aus Deinem Herzen quillt, treu bewahren. Du musst ihm als liebende Gattin stets zur Seite stehen; denn das höchste Glück deö Mannes ist das, welches ihm aus dem Auge des liebenden WeibcS entgegcnstrahlt, die schönste Harmonie ist der Einklang der Gefühle und der eigentliche Himmel ist daö Herz, in welchem die Engel der Liebe weilen. Noch Eines liebe Braut! Dein Ucbcrtritt zum Judenthume hat dein Verhäliniß als Kind zu Deinen würdigen Eltern nicht verrückt, mit aller Liebe und Hingebung, deren das Kindesherz fähig ist, musst du deinen Eltern zugethan bleiben; denn das Judenthum will nicht das Kind von Mutterherzen loSrcißcn, dieses Gefühl ist ihm unter allen Verhältnissen heilig' und unantastbar. Wie wäre eS auch ander» möglich, kann Gott mit sich selbst in Wiederspruch kommen? Die Kindesliebe hat Gott mit Flammenschrift in das Herz gegraben und durch die Bande der Natur geheiligt. die kann er nicht durch die Stimme der Religion entweihen lasten; eine und dieselbe Gottcsstimme ist die, welche aus der Natur, wie aus der Religion spricht. lind da» zweite Fest, daS wir durch diesen TrauuugSakt als den ersten seiner Art feiern, und daS noch eine höhere Bedeutung in Anspruch nimmt, ist daS der Freiheit, diesen Gottesgrist feiert heute da» Fest seiner Erlösung! Die Freiheit de» Gedankens, die Freiheit der religiösen tleberzcugung, die Gleichberechtigung aller Eoufcssionrn hat sich jetzt die Geltung errungen und ist durch die Kraft der Gesetze gewährleistet und geheiligt. Diese» Fest feiern wir und jeder Mensch, der als solcher gelten will, muß eö in frcudigers Begeisterung mitfeicru. ES ist dieß die größte That unseres Jahrhundert», der größte Triumpf unserer Zeit, und wenn eS Euch eben dadurch möglich geworden, daß hier, hier auf dieser heiligen Stätte, die Religion ihren Segen über Eueren Ehebund spricht; so wird der Geist unsere» Jahrhunderte« feierlich sein Amen dazu rufen. So lebet denn stets im Geiste des Judenthums, der da ist ein Geist der Liebe und der Humanität, ein Geist deö Rechtes und der Freiheit, dazu gebe Gott seinen heiligen Beistand! — Amen.- Wien 13. Juli 1867. (0.- K.) ES bleibt beim Alten! so hört ma» hier in der Gemeinde unsere Glaubensgenossen sagen und in diesen Refrain stimmt der größte Theil der Mitglieder unseren sonst rührigen Gemeindevertretung ein. Es bleibt beiin Alten! ist die Parole, trotz Synode in Cassel, trotz Synode in Leipzig und Niemand wird eS bester wisten, als jeder Jude selbst, daß er nicht gerne unter dem Regimente zu mal einiger Fanatiker steht. Herr vr. Engel und Herr Ritter v. Werthheimer, beide haben daS Verdienst nach Leipzig gegangen und wieder zurückgekommcn zu sein, sie sind, wie man mir mittheilt, nicht einig darüber, welche Komödie ihnen besser zugesagt, ob die im Hotel de Pologne oder in Laubes Stadttheater, wo Gutzkow'ö Urtel Akosta aufgeführt wurde. Beide hatten das gemein, wie sich der feel. Humorist Saphir ausdrückte, daß sie viele Juden und keine Handlung hatten. Die ganze Rabbinerbewegung vom Schulmaster Szanto augefangen, bis herunter zum Sulzer lief auf den Spaß von einigen Gulden ab, und so bleibt Alles beim Alten. E« wird nur hier allgemein bedauert, daß der Vorstand der hiesigen Gemeinde, in Mitleidenschaft gezogen wurde, er hat sich freilich mitreißen lasten, doch bei uns Wienern steht eS einmal fest; wir müssen Alles mitmachen, nur immer fidel. Demohngeachtet kann ich dem Vorstand daS Bestreben auf kultuellen Gebiete nicht abspreä en und es ist neuerdings zu verzeichnen, daß er die Verfügung getroffen, daß fortan die Privatschüler der den Volksschulen entsprechenden Klassen der Religionsschule nicht mehr gehalten sein sollen, sich acht Semestralprüfungen zu unterziehen und für jede solche Prüfung eine Taxe zu bezahlen. Eltern können nunmehr ihre Kinder, wie dieß an der Volksschule selbst der Fall ist, summarisch gegen nur eine Taxe nach absolvirtcr Klasse prüfen lassen. Sonst kann ich Ihnen nichts Anderes berichten, als daß die isr. KultuSgemeinde des Bezirkes SechShaus zum Zwecke eines TempelbaueS einen Baugrund am Eck der Turnergasse und der Gürtelstraffe in FünshauS um den Kaufschilling von 30.000 fl. angekauft hat, ferner, daß hier der vor Kurzem verstorbene Israelit der Bürger Franz Fein nebst anderen wohlthätigcn Befmächtnissen Papiere im Werthe von 80.000 ft. zur Fundirnng von zwanzig Krankenbetten in dem von der jüdischen Gemeinde zu erbauenden Spitalc vermacht hat. Leipzig 10. Juli (0.-K.) lieber die am 29. v. M. hier im Hotel de Pologne zusammengetretenc Versammlung der Rabbiner unhGemeindevcrtrcter will ich ihnen nur kurz berichten und behalte mir es vor, die in einer hiesigen Verlagshandlung demnächst erscheinenden Protokolle seiner Zeit einzuschicken, denen Sie Manches entnehmen dürften, was die dem Judenthum gegenüber dcmonstrirendc Synode illustrirt. Die Zahl der Betheiligten belief sich für die ganze Welt, auf 83 inclusive der Laien diese» geringe Quantum sogenannter Zeitgeistschwärmer erregte Verdruß in dem .neuen" Israel und hörte man darüber verschiedene Glvssen machen. Ich erwähne nun die vorzüglichsten Männer, welche von Leipzig auö die Fackel der Aufklärung über die ganze Well schwingen wollten, eö sind dieß die Männer: Geiger (Frankfurt a. SN.) Löw (Szegcdin), Aub (Berlin), Philippsohn (Bonn), Fürst und Goldschmid (Leipzig) — vr. Stein aus Frankfurt fehlte, oder bester gesagt, er fehlte dießmal nicht. Nach Absingung eines Liedes durch den hiesigen Chorverein .Psalterion" begrüßte vr. Gold-