Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 14 (15.7.1869)
- Date
- 1869-07-15
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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134 — vernichten, um an dessen Statt Neues einzufahren, oder wenigstens um die Begünstigung des Neuen znnächst auf gänzliche Verurthcilung des Alten zu basircn. Wir vermissen überhaupt darin, bei einem höheren Schwünge des Geistes, Wärme der Seele, Innigkeit, israelitische Grundgedanken, so hnfi ihre darin -niedergclegten Reform,Vorscbläge das Ansehen einer literarischen Anregung, als der praktischen Versuche haben und da ihnen die Innerlichkeit fehlt, so entbehren sie auch der Stimmung, welche für das Schaffen und die Aufnahme der GeisteSwerke das Wesentlichste ist. Noch auffallender und anstoßender ist cs, die ^Nichtübereinstimmung, nicht nur untereinander sondern mit sich selbst, die Unbestimmtheit, das Schwanken iu den Ansichten, die sie leiten, zu beobachten, welches Alles die größte Veranlassung zum Verdachte gicbt, daß sic etwa Grunde haben möchten, die volle Conscqucnz der Lehre. für welche sie zu gewinnen suchen, nicht deutlich gefaßt zu haben. Daß auf solche Grundlage eine positive Reform des Kultus sich nicht bauen lasse, wird Jedem cinlcuchtcn, der da weiß, daß man schon ohne Sclbstbestimmthcit und Festigkeit des Glaubens oder der Vcljrc, für welche man wirkt, ohne cigciuliche herzliche Gesinnungen und Vicbc dafür, ja daß sogar ohne wahrhaftige Weisheit in der Wahl und in der Art, wie man dafür redet und handelt, nicht die Gewalt über die Gcmüthcr erlangen und nicht die nothwcndigc Stimmung der Charaktere bewirken kann. — Es ist der cigcnthümlichc Charakter der Juden in religiöser Beziehung, mit einer Stahlfestigkeit in Glauben und in rcligiöscu Formen, mit einer bedeutenden Lust zu eigenem Urlhcil, indem die Thora Jeglichem vorliege, daher mit Vermeidung alles hierarchischen Wesens, das Judenfeinde ganz fälschlich dem Judcnthume vorgeworftn, dennoch zugleich eine große Geneigtheit der Autorität einer Person, die einmal das Zutrauen sich erworben, zu huldigen, zu verbinden. Auch bei den Rcformvcrsuchen kommt daher Alles darauf an, von wem sic ausgchcn und geleitet werden. Und wie soll sich dieses Vertrauen der Rabbiner noch dazu als Reformator erwerben, wenn sein ganzes Leben nicht eben so für ihn spricht, als seine Fähigkeit in Schrift und Bortrag, wenn er seine Bemühungen um das Beste seiner Gemeinde oder Israels auf die wenigen Stücke cinschränkt, die zu dem zu resormirenden Gegenstand gehören, und nicht eben den geflissentlichen Eifer für Ihr Wohl überall wie anf der Kanzel oder im Buche zeigt, wenn er mehr der Mann des Staates, der Welt, als der Gemeinde und der Religion ist, wenn er endlich selbst das Vornrthcil gegen sich erregt hat, daß er das nicht glaube, oder ernstlich meine, waö er öffentlich lehrt, ja wenn er auch nur aus Mangel an Klugheit das Vertrauen wieder verscherzt, welches er sich durch Eifer für die Religion erworben hatte? So stellen sich also als die wahren Bedingungen einer echten Reform hervor, daß das ganze Leben dessen, welcher sic leiten will, in allen seinen Richtungen eine wahrhaft aufgeklärte echte Religiosität durchdringe, es muß das nngcthcilte Zutrauen feiner Gemeinde wenigstens ihn, z» Thcil werden; er muß planmäsig mit besonnener Ucbcrlegung an das Reformwerk ge hcn, so daß nicht nur die Behandlung mit den Absichten im Streben, sondern, daß die ganze Reivrm mit der Art der Bildung der Gemeinde und mit den Bedürfnissen ihrer Gcmüthcr übereinslimmc; er muß die nach Innen zu treffenden Modifieationen ans eine, auf die positive Religion gegründete Gemeinschaft berechnen und daher ne in reichen Schranken halten und als unerlässliche Bedmgung jede gottesdienstliche Reform, beträfe sie auch nur die Formen, dem Wesen, welches ihm biblisch und volksthümlich zu Grunde liegt, unpassen. Die neue Bewegung der Reform hat nur alle Einheit im Judenthume vernichtet, seine Wurzel zerfressen, seinen Boden verrückt, seine Glieder verrenkt, ohne ihm eine neue Gestaltung gegeben, eine neue Festigkeit verliehen, einen neuen Zusammenhalt geschaffen zu haben. Sie hat bis jetzt immer nur noch zerstört, ohne aufzubaucn. Sic hat ihm feine Gesetze zurückgedrängt, ohne die ewiggültigen zn bewahren sie hat ihm seine alte Äahn verschlossen, hinausgestoßen in die weite Welt, so daß wer noch ein Bestimmtes ein Sicheres und Festes haben will, immer doch zu dem Alten zurückkehren muß. Sie hat tffcl Leidenschaft aufgeregt, aber wenig Großsinn und Edelmuts. Sie hat es endlich so weit gebracht, daß man meist nur in vas Ungewisse hinauSarbeitet. der Hand der Vorsehung das Ziel überlässt und gelindest hofft und erwartet anstatt zu haben und zu besitzen. Fragen wir nach dem Geiste derer, die sich an die Spitze der Gemeinden Israels gestellt. Es ist nicht zu verkennen, daß ein Geist der Persönlichkeit des individuellen Ehrgeizes sich vielfach an die Stelle allgemeinen Eifers, allgemeinen Enthusiasmus gedrängt hat. Wo es gilt allgemeine Institute, die das Heil, die die wahrhafte Konsolidirung des Judenthumes im Geiste der Gegenwart bezwecken, ins Leben zu rufen, da ruhen die Hände, da tritt Kopfschütteln, Aengstlichkcit, Zweifel an die Stelle frischer Regsamkeit und tiefster Aufregung aller Kräfte. Der Eine strebt nur nach dem Ruhme eines Conscroatorö der andere nach dem Ruhme eines Reformators. Der Eine will die Gunstbczeugungen derer, welche 'das Judcuthum bannen wollen in den verzauberten Kreis des ewigen Stillstandes, auf sein Haupt sammeln, der Andere die Hoffnungen und das Beifallklatschen derer, welche das Judenthum zum Tummelplätze aller momentanen Versuche und zeitlicher Fragen zu machen gedenken. So huldigt die Neuzeit nur dem raschen und leitungSlosen Drängen, ohne Pfad und Wegweiser und zersprengt die noch vorhandenen Kräfte, aber sammelt und stärkt sie nicht. (Fortsetzung folgt.) Zur Charakteristik Richard Wagners. Den großen Virtuosen — in Blech, den musikalischen zweibeinigen Richard Wagner, dessen Schandlibell noch immer in der TagcSpressc sowohl wie in einzelnen Broschüren sehr viel unnützen Staub aufwirbelt, charakterisirt einigermaßen ein Brief, den ein gewisser Julius Lang in seiner soeben erschienenen Broschüre: „Zur Versöhnung des Judenthums mit Richard Wagner Berlin 1869" initthcilt. DieserBries ist,an den _ Klaviervirtuosen Karl T a u ß i g gerichtet, der dem Meister mittheilte, „daß der Lohcngriu-Abend ihm die Jndenschaft Berlins versöhnt habe." Wir lassen hier nun dieses Schreiben folgen, bei dem uns nur das Eine nicht klar genug ist: soll man seinen Verfasser ob seiner bovenloseneu Lügen und Unverschämtheiten verachten oder ihn als armes, geistig verkommenes Individuum bemitleiden? — Wolan, der Leser entscheide! „Deine Versicherung," schreibt der nervenstarke Blech- und Tam- Tam- Held an seinen Freund Taußig. „alle Juden seien mir versöhnt, hat natürlich auch ihre Wirkung auf mich gemacht. ES wäre wirklich nicht übel, wenn von gcschcidten und geistvollen Juden meine Broschüre nur eigentlich ordentlich gelesen würde, aber lesen scheint jetzt kein Mensch mehr zu können. Einzig aus Wien bekam ich von einem jungen Literaten einen Brief (?), der mir bezeugte, daß überhaupt noch g'le>eu werden kann. Dieser fand das Charakteristische meiner Schrift in deren contemplativcr Eigenthttmlichkeit ausgedrückt. Selbst ich muß mir. wenn ich sic wieder durchlcse, das Zeugnis; geben, daß mit mehr objektiver Ruhe wohl noch me Jemand die Geschichte einer so unerhörten Verfolgung und ebenso auögebeuteten als unablässigen Herabsetzung, wie sic mir widerfahren ist, dargcstellt und besprochen hat. (!:) Natürlich hätte ich Alles über mich ergehen und stets schweigen müssen, wenn ich den Grund jener Verfolgung nicht aufdeckte. Dieß war durch keinerlei Umschreibung zu thun, mit welcher ich oben gegenwärtig meine Gesinnungen über daö Judenthum (was ich oben so nenne) als mir eigen auszusprechen gehabt hätte, was ich nun gar nicht im Sinne hatte, da ich es auf einen Kampf hingegen (als durchaus unnütz) gar