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Die Gegenwart · 1869-06-15 · 12 (15.6.1869) · p. Seite 111

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
12 (15.6.1869)
Date
1869-06-15
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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,uch nicht zu solchen HerzenSergießungen eine- Rabbiner» zu kommen, die nicht in richtiger Form, nicht am richtigen Platze und nicht an die richtige Adresse gelangt sind. Das La-isch- Gebet?» von Simon L t w y Rabbiner in ä»gvi!ler. Das Kadisch-Gebet, welches die Waisen im Gotteshause für die Seele ihrer verstorbenen Eltern sprechen, flößt eine rührende Verehrung allen jenen ein, welche in ihrem terzen noch einen Funken von Glauben bewahrt haben. eit Jahrhunderten besitzt dieses bewunderungswürdige Gebet die Gabe gedrückte Herzen zu ttösten, und heftige beiden zu mildern. Die Gleichgiltigsten, welche lebhaft die zahllosen Tröstungen keuiien, die der israelitische Gottesdienst unter allen Formen jenen spendet, die eine grausame Trennung in Trauer und Bettübniß gesenkt hat, kommen eiligst und inbrünstig zur Ehre ihrer Eltern diese erhabene Verherrlichung der Größe Gottes, da- „5kadisch --Geb et" genannt, sprechen. Sie fühlen sich dann glücklich und stolz der ^Religion Israels anzngehören, welche so gut den Werth und die Würde deö Menschen zu schätzen lehrt, und welche aus diesem Grunde eine so tiefe Verehrung für die Todten, eine so lebhafte, so großmüthige Sorge für die gebenden, jenen überdieß, welche leiden und weinen, einflößt. Mit Recht sagen sie, daß man nirgend so viel als in Israel thut, um die durch den Tod eines geliebten Wesens den Uebcrlebenden verursachten Wunden zu heilen; nirgends thut man so viel um die Unsterblichkeit hinter dem Tode, die Ewigkeit hinter dem Nichts, die Güte und Gerechtigkeit Gottes hinter dem Unglücke zu zeigen. Die jüdische Religion befiehlt uns, für den Ungläubigen ihrer Kinder, wenn ein schreckliches Unglück ihn niederbeugt, alle unsere Sympathien und Zärtlichkeit zu entfalten, seine Hoffnungen zu beleben, seinen niedergebeugten Muth auszurichten und seine Leiden zu mildern. Zu diesem erhabenen Ziele sollen herzliche Aeußerungen, rührende und Achtung gebietende Eeremonien, erhabene und bewunderungswürdige Vorträge, große und rührende Gebete beitragen. Zu diesem Letzter« zählt das K adisch-gebeth, weil es durch daß ganze Trauerjahr und an allen Gedächlnißtageu eines Verstorbenen gesprochen wird, am meisten die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, und erregt die größte Bewunderung. Welche erhabene Sprache! Welche wohlthucnden Worte! Welch' herzliches, tiefes Erkennnen dcr unendlichen Größe Gottes? Welche einfache und heiße Verehrung ^ürdaS Wohlsein der großen menschlichen Gesellschaft! Wie offenbart sich in diesem Gebete diese endlose Liebe Gottes und der Menschen, wovon Israel zuerst daS Beispiel und die Lehre gegeben hat! Wie erkennt man da daS Volk, welches immer den klarsten und deutlichsten Begriff von der Gottheit gehabt, und das zuerst und am besten die menschliche Brüderlichkeit anfgefasst hat! Doch macht man gegen dieses Geboth Einwürfe: Man fragt ehrfurchtsvoll, aber mit einer legitimen Neugierde, welche Beziehung hat dieses Gebet mit der traurigen Lage, in welcher man es spricht? wie so ist cs ein Gebet für die Hingeschiedenen geworden, welche Gedanken leiteten den Verfasser desselben, als sic ihm diese Bestimmung zuwicsen? Warum findet man darin nicht eine besondere Andeutung auf die Todten, für die man betet? — Wir wollen nun anzeigen, wie dieses Ge^ct, feinem Zwecke zusagt; wie es ganz dem edlen Streben,' das die Seele desjenigen, der es zu Ehren eines der Seinigen spricht, genügt. Man sagt gewöhnlich, da« Kadischgebet, öffne die Himmelspforten des Verstorbenen, für den man eS spricht, es bahne ihm die Wege zum Gan-Eden. Diese Behauptung ist nach unserer Meinung, sowohl recht, als auch vernünftig. WaS erwirbt unS nach der Meinung der vernünftigen Menschen, die Palme der ewigen Belohnungen?? Ist e» nicht unsere Frömmigkeit, unser Eifer für daS Gute und Gerechte, sind eS nicht unsere guten Werke, unsere oftmaligen Aeußerungcn unserer Liebe für Gott und Menschen? Der Talmud fügt hinzu, daß die Tugenden der Kinder dazu beittagen, den Eltern die Wohlthaten der Glückseligkeit zu erwerben xa« '3w tra und der Talmud hat Recht. Ist die Neigung zum Guten und zur Religion, die den Sohn auSzeichnet, nicht oft, das Werk der Eltern, die ihn erzogen, nicht oft die Wirkung der ihm ertheilten Erziehung? Sie haben ihn gelehrt, in den Wegen der Gerechtigkeit zu wandeln, sie haben ihm die Größe der Pflicht, das Erhabene der Tugend begreiflich gemacht, sie haben in der Gottesfurcht unterwiesen und ihm die Heiligkeit der göttlichen Gebote erkennen lassen. Indem die Kinder sich nach diesen Unterweisungen richten, indem sie durch ihr ganzes Leben die schönen Folgen der frommen und moralischen Lehren, die man ihnen eingeflößt hat, ans glänzende Weise gezeigt, haben sie in der That das Andenken ihrer Eltern zum Segen gemacht, ihnen die Pforten des Gan-Eden geöffnet, wo, nach der Meinung der Rabbiner, die Frommen sitzen daS Haupt gekrönt mit ihren guten Handlungen und denen ihrer Kinder, genießend das beseligende Entzücken, welches ihnen die Beschauung der Schcchina, gewährt. Die Kinder mögen daher gut, moralisch, tugendhaft und fromm sein; sie können nichts besseres für das ewige eil der Urheber ihrer Tage thun. Ist nun oic Pietät der inder eine Quelle de« Segens für die Eltern, so ist davon den Waisen zur Ehre ihrer Eltern gesprochene Kadi sch- Gebet ein vortrefflich gewählte» Gebet. ES besingt und erhebt die unendliche Größe GolteS, eS ruft die göttliche Güte, um den Frieden und das Glück Israels und der .Menschheit an. ES sprechen, heißt die höchste Handlung der Frömmigkeit und der Anbetung ausübcn, und auf dieser Weise eine unsterbliche Freude der in, Himmel tronendcn Seele zu bereiten. Kann eS ein stärkeres Reizmittel für die wahrhafte Pietät als diese erhabene Lobpreisung Gottes und dieses Gebet für das allgemeine Wohl geben. Der Einsichtsvolle, der eS spricht, soll sich sagen: Ich will Gott, dessen Größe und Allmacht ich jetzt preise, ferner dienen, ihn lieben und seinen heiligen Geboten gemäß leben. Ich unterwerfe mich seinem durch die Lehre am Sinai ausgesprochenen Willen; ich werde mich vervollkommnen und meine Handlungen nach seinem Verlangen heiligen; ich werde fromm sein, gegen das Böse und die Sünde kämpfen, ich werde der Thora mtb nicht meinen Leidenschaften Gehorsam leisten; ich werde meine Pflichten gegen Gott, und meinen Nebenmenschcn erfüllen; der Glaube hneincr Väter wird mir immer theuer sein. Und der verständige Sohn wird diese Versprechungen halten; denn er hat immer das Andenken seiner theuern Hingeschiedenen, deren Hintritt in das Jenseits sein Herz gebrochen, und denen er die Ewigkeit durch seinen musterhaften Lebenswandel erwirken wird. So wie Josef, nach der Tradition, nnr die abscheuliche Vers« chung dadurch besiegte, weil daü Bild seines Vaters Jakob ihm plötzlich erschien, und ihm Abscheu für die erniedrigende Handlung einflößte; ebenso wird dieser gute Sohn aus der kindlichen Liebe die Kraft und den Eifer, welche alle schlechten Eingebungen der Leidenschaften besiegen, und alle Opfer zur Ehre der GotteSlchrc ertragen macht, schöpfen. DaS Kadischgebet fesselt ihn zum Guten, zur Tugend, zur Pietät. DaS Kadischgebet, so aufgefasst, entspricht dem Ziele, da» man erreichen will, um eS den Waisen für die Seele der gestorbenen Eltern sprechen zu lassen; es setzt sic in den Besitz der erhabenen Glückseligkeit der anderen Welt. Möge es so verstanden werden, und den immer größer werdenden Raum, deu die religiöse Gleichgiltigkeit in der Seele unserer Glaubensgenossen einzunehmen scheint, immer mehr und mehr verengen! Mögen Eltern und Kinder eifern an» I Liebe zur GotteSlrhre, die man nur wenig in den Wohnun- *2* *) nach kt« „V»iv«n itmlit«« va» ®. Vrtti*.

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