Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 12 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Kränkungen und Unbilden von mancher Seite erfahren hät, , überzeugt sind wir, daß diese jedenfalls privater Natur wa- , ren und vor einer Zeit stattgefunden haben, die längst der Vergessenheit preisgegeben ist; eine Gemeinde jedoch für vor dreißig und vielleicht noch vor zehn Jahren erlittene Beleidigungen, verantwortlich machen, sie an einer Stätte, wo ohnedicß die Stimmung eine düstere ist und manche traurige Erinnerung audem Strome der Zeit hervortaucht und mancher Gedanke an ein HingeschiedenetheuereS Wesen, wie ein Blitzstrahl durch die Sinne fährt, mit Borwürfen einer ganz eigenen Färbung zu überschütten, wird und muß Herr Rabbiner Freund bei ruhigem Blute überlegend, eben so für unbillig finden, als er feine Eousequenz bewundern muß, mit der er auf der einen. Seite die Gemeinde in ungebundener Rede für Lapalien zur Rechenschaft zieht, auf der andern Morchnutitel an Männer verschwendet, die an dein Judenthumc keinen andern Antheil haben als zur Erschütterung und zum Verfalle desselben beirutragen und daob dieser Verherrlichung des JudenthumeS erhaltene Diplom, über das sic sich vielleicht lustig machen, in eine alte, Rumpelkammer stecken, damit ja kein jüdischer Buchstabe ihrem Blicke begegne. Die Gemeinde ist keineswegs verpflichtet, sich an der Bahre eines Mannes, für nichts und wieder nichts abkanzeln zu lassen und wäre sie es,. so wäre sie am ehesten in der Lage an der Bahre eines hinwelkcnden Gcmeindelebens die Kanzel der Trauer zu besteigen, um von da aus Klageseufzer auSzustoßcn und jene zu verurtheilen, die Schuld an dem Ruine des Gemeindelebens tragen. Herr Rabbiner Freund ist noch weiter gegangen, indem er mit der Gemeinde abgerechnet, ihr die Resignation unter freiem Himmel angezeigt hat. cdeS Bad feine eigene Wirkung zu erzielen und wenn Baden nicht hilft, so reist man via Frankfurt nach Baden-Baden wo die Roulette entweder einen zum Banquier macht oder ins IrrrnhauS bringt.' Ich empfinde nach dem vorwöchentlichrn Festbanquette am HampaS. wo so viele geistreiche Toaste geleert wurden, so daß man dann saktisch bei Abfaflung von Statuten ganz confus wird, Magenanschopfungen, die mich nöthigen nach Karlsbad zu reisen, uin daselbst Schloßbrunn, Mühlbrunn, Theresienbrunn, Marktbrunn und schließlich den Sprudel abzuändern. Bevor ich den Wcstbahnhof betrete, muß ich behutsam sein, wohin ich meinen Hcimathschein und wohin ich meine vcrfiegelte Krankengeschichte gebe, damit cs mir nicht geschehe wie jener jüdisch polnischen Dame, welche den» Arzte irrthümlichcr Weise den Heimathsschein statt der Krankengeschichte übergab und aste .ikuren durch sechs Wochen durchmachte, die der Arzt kraft des HeiinathSscheincs an der S t e i nreichcn Dame angcwcndet hat. Der Arzt nämlich ein vorzüglicher Diagnostiker empfing die polnische Orientalin, welche am Kopfe ein Perlendiadcm, am Halse eine Perlenschnur und an den Ohren eilt Paar lange bristantenc Ohrgehänge trug und nahm auö ihrer gol. denen Hand, den Hcimathschein, der dem alten Jünger des Aeskulap alS Krankengeschichte überreicht wurde. Diese ämtliche Krankengeschichte wurde zu den andern gelegt nnd die hostnungslosc Dame, mit dem Tröste cntlaflen: für heute, meine Gnädige, brauchen Sie Rnhe (weil ich Ruhe braliche), ich iverdc indcß die Krankengeschichte lese» und morgen werde Ihnen ordiniren. Die Dame nicht gewohnt „gnädig" zu sein, fand von diesem Augenblicke an eine Milderung ihres Zustande-, entfernte sich und empfing deS darauffolgenden Morgenden Arzt, der vorgefahren ward. Ich habe bereit» Ihre Krankengeschichte gelesen, sprach er im beruhigenden Tone die ängstlich gewordene Dame an und verordnete ihr Bäder und Brunnen. Nachdem der Arzt in temporären Zeiträumen sie besucht und die Dame dir Brnnncntortur durchgemacht. vcr> strich die übliche Zeit von sechs Wochen und die Dame fand sich freilich ohne gar »achzudenken, ob sie krank war, ganz gut hergestellt. Sie rüstete sich zur Abreise, ließ die zerstörte Garderobe in ihren Reisekosten» Revue pafliren und fand zu ihrem Erstaunen in einem derselben ihre verstegelte Krankengeschichte. Ganz erstaunt verfiel sie auf die Idee ihren Heimathsschein zu suchen, fand ihn nicht und mußte ihn um so gewiffer beim Herm voctor ausbewahrt wissen, alß fie eben im Besitze der Krankengeschichte blieb. Sttatt L . Würde dieß nicht wenigstens der dritte Fall sein, so hätte sie uns überrascht, so aber müssen wir unS begnügen, Herrn Rabbiner, den wohlmeinenden Rath zu ertheilen, falls er abermals seine Resignation einbringen sollte, diese an jener geeigneten Stelle zur Kenntniß zu bringen, wo er das Decket erhalten und eine Demission angenommen werden dürfte; Trauergäste können eine Resignation nur unberücksichtigt lassen, weil sie eben so wenig berufen sind, einen Rabbiner für die Gemeinde aufzunehmen alS ihm seine gewünschte Demission zu geben. Nur Eines wünschen wir im Interesse deS greifen Gelehrten dein sein cholerisches Temperament das faktisch sein gnteS Gemüth beherrscht, und seine ungestüme Leidenschaftlichkeit zum Ausbruche bringt, so viel schon zu schaffen gab, er möge sich, so wie er selbst entschlossen zu sein scheint, von dem öffentlichen Leben zurückziehen, das mit seinem nervösen Zustande zu sehr kollidirt und sich selbst, die vielen Jahre, die er noch der Gemeinoe erhalten bleibe, süß und angenehm machen. Die Gemeinde hingegen machen wir darauf aufmerksam,' daß sie bei der Wahl der Männer in ihre Vertretung sehr vorsichtig zu Werke gehen soll, indem sie neuerdings und zwar bei diesem hier besprochenen bedauerlichen Vorfälle die Erfahrung gemacht, wie nothwcndig cs ist, Männer von Herz und Sinn für das Judenthuin an der Spitze zu haben, denn würde eine Vertretung nicht aus Männern bestehen, die das Judenthum nur als nothweudiges Nebel ansehen und Alles was jüdisch ist, verlachen, dem lieben Judenthumc zu lieb Alles aus Rand und Band gehen lassen, wenn sie nur nach Außen hin ihre Vorthcile haben, so brauchte eS ging fie über die Brieftasche, versah sich der fünfzig Gulden Ho. norar die sie — für den Hcimathschein Pardon für die Behändlung. dem Brunncnarzte überreichen wollte. So begab sie sich zu demselben, der ihr auf die Hand sehend, bemerkte, daß fie im Gesichte recht gut aussah, und sagte zum Arzte: Herr Doktorlebcn I Sie haben meinen Hcimathschein. Was fällt Ihnen ein l Ich bitte Sie nur zu suchen. Der Doktor greift in seine in einem Fache seines Schreibtisches zerstreuten Papiere und zieht den Hcimathschein seiner gesund gewordenen Patientin hervor. Die Dame nahm denselben in Empfang, gab ihm fünfzig Gulden Honorar, mit der begeisterten Ansprache: Herr Doctorlebcn, Sie sind ein Wundermann; denn daß Sic nach einen Hcimathschein kuriren können, das trifft selbst Oppolzer nicht und übergab ihm die versiegelte Krankengeschichte zum Andenken. So macht die Erfahrung klug und ich werde mir auf die Krankengeschichte besonders acht geben. Ins Bad zu reisen ist einmal angczeigt, man trifft wenigstens mit Personen zusanunen, die ein besonderes Jntercffc für den Philantropen haben. Da begegnet man einem, der von übergroßen Agitationen, die ihn in eine Kammer brachten, erschöpft, Erholung suchen muß zwischen Gebirgen und Brunnen, bei Platzmusik und Serenaden, da begegnet man wieder einer Dame, der der Herr Genial da- Versprechen gegeben, fie in einen Badeort zu schicken, wenn ihm der Herr Doctor zu einem B a n d c lwurm vcrhilst, der ihm ins Knopfloch kriecht, kurz Badekuren sind Sinekuren. Eines waS ich in den deutsch böhmischen Badeorten vermifle, daS ist, daß in diesen bei den hohen Kurtagen, bei der großen Frequenz jüdischer Mode- und anderer Kranken, ohne die der Sprudel versiegen, die Stahlbäder vcrtrocksten könnten, der ansäßige Jude, trotz seiner HemSeigenthümerlich. feit, noch keine Zuständigkeit hat, so daß ich mit Schiller ausrusen kann: „Seltsames Landl Hier haben die Flüffe Geschmack und und die Quellen. Bei den Bewohnern allein Hab ich noch keinen verspürt-" Diese Hydropathie solcher intoleranten Termen, erwecken in'mir Antipathie gegen dieselben, und sollte ich wieder nach einem Badeorte reisen wollen, so ziehe ich eS vor in daS saubere rituelle Gemeindebad zu gehen, die CultuSsteucrkommiffion feist mich ein. 6. V,...