Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 11 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Mgmtctymcn; aber Mensch zu sein und als solcher zu Han« tzed» gestattet under Zeitgeist nicht nur, er gebietet «Sun» vielmetzr d. h. der Geist unseres Jahrhundert» ist e-, der e» un» zur Pflicht macht, unzu bilden^und zu veredeln; nicht aber unsere Menschenwürde durch thierischen Instinkt herabzufetzen. — Denn, wenn die Raupe in die süße Frucht sich einstißt. an der sie so lange zehrt, bisie vor irgend einer Ursache tu ihrem Wohlleben gestört wird, wmn der Hamster nnaufhSrlich seinem Neste zutrSgt, bei weitem mehr sammelt als es seine Bedürfnisse für den Winter erheischen, oder wenn dir Biene rastlos thütig ist, als wollte sie all die Süßigkeiten der Natur in ihren eigenen Stock einschleppen und venu der Esel übermnthig von seinem Futtcrtrog sich lo-- bindet, wo da» zu seiner Nahrung bestimmte Heu sich befindet, in ein Saatfeld eindringt, um Disteln aufzusuchen, mit welchen er seine Gelüste zu befriedigen meint, sich bei deren Fräße wohl weniger Esel dünkt, aber doch immerhin zu viel Esel ist, um einzusehen, daß gar edle Keime unerlaubter Weise unter seinen Füßen zertreten wurden, so sind dieses vernunftlose Wesen, die von ihrem Naturtrieb so lange sich leiten lassen, bis irgend ein materielles Hinderniß sie zwingt, diesem Triebe zu widerstehen. Aber der Mensch? soll auch dieser znm niedrigen, vernunftlosen Thiere Herabfinken? Nein! Er soll ringen uitb streben, erwerben und genießen; er lerne aber auch meiden und entbehren, thun und unterlassen! Welch' ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie nnbegränzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie vollendet und bewunderungswürdig! Im Wirken wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott l Die Zierde der Welt! Daö Borbild aller sichtbaren Wesen!" Sa'läßt Shakespeare feinen Hamlet ausrufen — und in der That ist der Mensch der herrlichen Schöpfung Krone und „der Mensch kann was er will," sagt Fichte, „und wenn er sagt, ich kann nicht, so will er nicht!" Run schwachköpfige Zeitgeistschwärmer, habt Ihr begriffen, waS der Geist unserer Zeit von Euch fordert und welche Gesetze er Euch vorschreibt? In zwei Wörtchen lassen sie sich zusammenfasscn, nämlich: „Seid Menschen!" Nun, wollt Ihr Euch bequemen, Euer Vtben diesen Vorschriften anzupassen, oder wollt Ihr in Eurem Eigendünkel den Zeitgeist in die Zwangsjacke der unmenschlichen Vorzeit stecken? Das gegenwärtige Jahrhundert hat auch dem Juden freundschaftlich dies Hand gereicht, um ihn auf eine höhere Stufe der Eivilisation zu heben, auf daß er mit der übrigen gesitteten Menschheit gleichen Schritt halte. Was ist aber Eivilisation? Offenbar der Zustand der menschlichen Gesellschaft, in welchem sich das geistige Wesen zur Herrschaft über die thierischc Natur des Menschen erhebt. Die Gesellschaft muß sich aber dieses Zustandes bewußt sein und demselben in ihren privaten und öffentlichen LebcnSemrichtungen thatsächlich den Ausdruck verleihen. WaS ist eS aber in erster Reihe, das den Menschen über die thicrische Natur erhebt? Nichts anderes als die R»ligion. Ohne sie keine w a h r e Gesittung, aber auch ohne Gesittung keine wahre Religion.— Reißt also die in Euerem Sinn wuchernden irreligiösen Zeitgeistidccn aus, bevor sic zu üppigen Untrant und stachlichtrn Dornen sich gestalten, unter denen giftige Schlangen und Molche sich so gerne ihr Nest bereiten. — Humane Gesinnungen werden deren Stelle cinnehmcn, und wir werden un» um da» Banner wahrer Religion schaare», so wie e» der Geist unserer Zeit erheischt. — 1—m (Eta Doktorand »er Philosophie, al« Man» »er zoldenen Mitte. „Sollt schwarz und «riß Ihr «uterschrtden „Und zwischen beiden wählen schlau. „So sagt Ihr: her mit allen beiden! „Wir wischen beide in da» Grau. ,.D» Mittelweg sür Schuft und Memmen, „Du Schlupfloch jeder feigen Blöße, „Wann wird doch endlich niederschwemmen. „Der Älprnstrom der «rast und Größe!" (0ra| Strachvitz.) Das Herz ist ein lebendiges Ganzes» das sich nicht in der Mitte zcrtheilen läßt, um die eine Hälfte diesem und die andere Hälfte jenem Princip zu widmen. Halb und halb macht zwar in der Rechenkunst EinS; aber die Wirklichkeit bringt doch mitunter ein anderes Facit heraus, wie da» Rückert sagt in den Versen: „Zwei Hälften machen zwar ein Ganzes; aber merk: „AuS halb und halb gethan entsteht kein ganzes Werk," Und doch gibt es — und gab es wohl von jeher — Leute, deren Herz wirklich sehr theilbar ist, die mit der größten Virtuosität auf dem zuste milieu zwischen Kalt und Warm balanciren, ohne sich von dieser eigenthümlich - wunderlichen Anstrengung einen tödtlichen Schnupfen zu holen; Leute, die nicht sehr erschreck« vor der Drohung: „Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, so will ich dich auSspeien aus meinem Munde:" noch auch irgendwie gewitzigt werden von den bekannten güldenen Sprüchelchcn: „Niemand kann zween Herren dienen" und „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Ich sage, eS gibt — und dies gilt besonders auf religiösem Gebiete — Leute, die entweder mit der sauer-süßen Sauce ihres philosophisch sein sollenden Gesalbaders die grundverschiedensten, einander diametral entgegengesetzten Prinzipien zu überschütten verstehen oder die durch wahrhaft rasende Wortgeflechte, durch witzige, pikante, prickelnde und mit sophistischer Schlauheit verfertigte dialektische Gewebe den gesunden Menschenverstand zu knebeln trachten und — besonders der blöden Menge, der man den wunderlichsten Bären anfbinden kann — ä tout prix zu beweisen suchen, daß Schwarz und Weiß im Grunde gar nicht von einander verschieden, daß alle Extreme eigentlich nicht als Haüucinationen sind. Zu diesen eigenthümlichen Existenzen, zu diesem Gamaschenrittcrthum, das weder Fisch noch Fleisch ist, sondern von beiden ein widerlich Geschöpf ist, gehört auch Herr Ignatz Friedlieber, seit Jahr und Tag schon Doktorand der Philosophie, großer Mann und RabbinatScandidat und Verfertiger von — meines Wissens —Eines Originalartikels veröffentlicht im „Hon"und tnt„izraelitaközlönyu EineSau» dem Ungarischen übersetzten und in der All—gemeinen Zeitung" deS ExpriesterS zu Bonn veröffentlichten Aufsätze» und Fabrikant zweier Broschüren, die den Titel führen: „Worte deS Friedens" und — dies ist zugleich das, 16 Seiten umfassende, Hauptwerk des großen Mannes" — ,San nnoio die Grundpfeiler des Weltalls oder die Prämissen unserer Existenz. Eine Betrachtung. Als Vorläufer der ungarischen Uebersctzung einiger Zeit- und Tendenzpredigten deS vr. Adolf Icllinek. Zu beziehen durch den Der« faffer, Herrn Ignatz Friedlieber., Doktorand der Philosophie, Pest, Waitznerstraße Nr. 27." — Dieses letztgenannte Hauptwerk de« Hrn. Friedlieber ist eS nun, wovon ich den geehrten Lesern der „Gegenwart" einige Augenblicke viel Lustiges und UrgemÜthlicheS zu erzählen gedenke, und ich gebe mich der angenehmen Hoffnung hin, daß meine geehrten Leser auS dieser Erzählung den Schauer der zukünftigen Größe deS Manne«, der jetzt erst — zur Schande der Menschheiti Doktorand der Philosophie ist, einigermaßen zu empfinden im Stande sein werden! Seite 6 seines Hauptwerke» spricht der große Bsr-