Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 11 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4890378-5433914-5433969--302-4890646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
101 schwach hält, so wird er sie kaum zu stützen im Stande fern, auch weny. er es rum LundeSguSschußheisitzep «bracht ' hat. Dir sind über dirftn Wahn längst hinan» und glauben, Herr Tedesco wolle nur durch «n solches.. Abweichen von seiner Miffion seine eigene Pösitwy befestigen, die eines Tages Gefahr laufen könnte, je nachdem der Barometer fällt, von einem politischen Windhauche, umgeworfcn zu werden. Es sitzen ja andere Herren der Easinopartei in der Stadt- Vertretung, warum holen immer die Herren TedeSco und Schwab für jene die Kastanien ans dem Feuer, mit denen sie ihren Glaubensgenossen einen Brandfleck verursachen? Herr Tedesco könnte sich als Vorsitzender der israelitische» Repräsentanz an seinen Vorgängern füglich ein Beispiel nehmen, die, um den Frieden mit den Mitbürgern nicht zu stören. Alles aufgeboten haben I Der unvergessliche Landau, als CultnSvorstcher wie als Stadtrath seiner Besonnenheit, seiner Klugheit und, seines feinen Taktes wegen unvergesslich, hat im Jahre 1848, wo die Wogen der Revolution große Dimensionen angenommen, durch sein gemessenes, bescheidenes und nicht herausforderndes Benehmen, zur Eintracht seiner Glaubensgenossen mit den nichtisraelitischen Brüdern beigetragen und sein Nachfolger Herr Ernst W e h l i, der seines jüdischen überhaupt allgemeinen Wissens als eine Coryphäe im Judenthume zu bezeichnen war, nahm gar keinen politischen Standpunkt ein, und würde bis an sein - Ende in seiner Stellung als Vorsitzender verblieben sein, wenn er nicht durch die Jntriguen einer Clique moralisch gezwungen worden wäre, auf sein Ehrenamt zu verzichten. Nach dem Hintritte dieser beiden Männer wusste die Repräsentanz keinen andern zu wählen, als einen Mann, der was an und für sich den Intentionen eines Vorsitzenden der Vertretung einer Israeliten - Gemeinde widerspricht, gartzoo ist. und für das Judenthum gerade so viel Interesse hat, wie für die Scldschucken und Kabylen. Daß Heer vr. TedeSco ein prononcirter Deutscher ist, wird ihm gewiß Jeder, der eine politische Ueberzcugung hat, nicht verübeln, daß er jedoch als Vertreter, einer 15000 Seelen zählenden Jsraeliten-Gemeinde gegen den größcrn Theil der Bevölkerung da Front macht, wo es vielleicht seine Interessen verlangen, dagegen muß sich jeder, der nur die Gabe hat^ richtig zu denken, verwahren. Wir gehen zwar nicht von der Ansicht ans, daß, was Tedesco heißt, nicht in die Repräsentanz gewählt werden soll, aber daß ein Mann, der einen aus- , gesprochenen politischen Standpunkt einnimmt, Vorsitzender einer israelitischen Repräsentanz ist, finden wir nicht gerechtfertigt, und wir sind überzeugt, daß die ganze prager Jsraeliten Gemeinde, mit Ausnahme einer gewissen Cottcrie, die zu Gegendiensten verpflichtet ist, solche Intermezzos, wie sie Herr vr. TcdeSco zum Besten seiner KlaqueurS gibt, nicht billigt, vielmehr verdammt. Beneiden wir doch nicht Herrn TedcSco, um seine Ehrenstellen, so müssen wir ihm vielmehr, im Interesse seines Berufes, rathcn, sich für die Judenheit nicht so sehr zu echauffiren, die sich gewöhnlich gegen die Fanatiker ihres Glaubens nicht so ganz dankbar zeigt; im Uebrigen deS lieben Friedens willen zwischen Jsraeliten und Nichtisraeliten, der durch das exklusive Bcnehmen eines Vorsitzenden der Repräsentanz leicht gelockert werdm kann, empfehlen wir Herrn meüieinav vr. TcdeSco x folgenden heilsamen Satz, er heißt: — 8i tacuisses philosophus mausisses. B. Der Zeitgeist fordert'-. Nehmet einen Hammer oder eine Zange, reißt die bekanntm Pergamentröllchen von den Pfosten Eurer Thüren und schreibet hin — aber nicht etwa in hebräischen Quadratlettern — die Devise: ,Der Zeitgeist fordert'-." Und besis^emmrd^1och^r-end^i^r^halb^übrrltßmen^Gcbetmar> tel, ein Stück verschimmelter Gebetriemen oder eine von den Großältern oder Urgkoßältern ererbte alte Bibel, überhaupt irgend eine Reliquie der jüdischen Religion, so leget diesealles ln einen zu Religion-Zwecken bestimmten Kasten und nachdem letzterer gut vernagelt, schreibet hin: ,Der Zeitgeist fordert-." Dann grabet in die Erde ein tiefes Loch, in welcheS Ihr den mit obgenanntcn Gegenständen gefüllten Kasten legt und ihn sorgfältig verscharrt. והיה כי ימאלך בנך Und wenn Eure Kinder fragen sollten, was dieses bedeute, dann könnt Ihr antworten: Der Zeitgeist fordert-, dass die jüdischc Religion zu Grabe getragen werde. — Doch nein! Ein Ideal, wie die jüdische Religion. daS den Stürmen und Weltumwälznngen der Jahrtausende wie den vielen gegen dasselbe gerichteten ManocnvrcS zu trotze» und seine Stellung unter der Menschheit zu behaupten wusste, ein Ideal, also das vom ewigen nnverlöschlichen Feuer durchdrungen ist, kann nicht der Vergänglichkeit preiSgcgeben werden. Ihr habt dem Schoß der Erde nur ein Samenkörn anvertraut, das nach Unten Wurzel, nach C%11 einen Stängel treiben wird, der sich alsbald zu einem riesigen Stamm mit weitgehenden Acsten und Zweigen gestalten wird. Er wird Knospen treiben, Blüten schlagen und Ihr werdet bald dessen Früchte genießen können. Sollten Euch aber diese bitter oder herbe schmecken, dann könnt Ihr Euch zum Tröste des Spruches erinnern: ,Wie du säest, so wirst d.i ernten. Aufrichtig gestanden, wird mit Sicherheit erwartet, als daS oben Gesagte daS Gegcnthcil Hervorrufen werde; denn wie die Erfahrung lehrt, hat man schon oft nicht ganz wohlgerathene Kinder," bei denen Vernunft und Moral vergeblich angewendet wurden, dadurch auf den rechten Weg geleitet, indem man ihnen daS Rechte zu unterlassen, das Unrechte hingegen zu thnn gebot. — ,Der Zeitgeist fordert-!" Wen sicht man nicht heutzutage mit diesem Satze Miöbrauch treiben und auf Rechnung des Zeitgeistes der Vernunft und der Moral ins Gesicht schlagen? Leute, die oft nicht genug ,Geist" besitzen, um einzuschcn, was die ״Zeit" in Wirklichkeit von ihnen fordert, hört man doch immer von ״Zeitgeist" und von dessen Anforderungen sprechen, und hätten derartige Jndividuen in ihrem^Gehirnkasteu statt 5 nur 4'/״ Stück, auf der Stirn haben sic doch geschrieben: ״Der Zeitgeist fordert-," gleichsam ein luxuriöser Aushängeschild über der Thür eines armseligen GcschäftsladenS. — Und führt einen der Zufall in ein gewisses von jüdischen Geschäftsleuten viel besuchtes Gasthaus, so kann man sehen, wie die meisten der anwesenden Juden dem Zeitgeist huldigen, indem sie sich in oorporo mit einer gewissen Großthuerei — und sogar in Gegenwart einezufällig hier anwesenden moralischen Oberhauptes einer israelitischen Prager Vorstadtgcmeinde den rituellen Speisegesetzen widersprechenden Leckerbissen houo thnn und cs dem in einer kleinen Entfernung sitzenden Rabbiner verleiden, daß er derartige Lokalitäten nicht meidet, um das massive und rückst'׳tslose Benehmen jener ״Zcitgcistschwürmcr" nicht mitansehen zu müssen, während sie mit ihren ZeitgcistfloSkcln auf Zunge und Lippen nicht einmal so viel Anstand besitzen, um die Autorität — abgesehen von der Person des anwesenden Rabbiners* *) zu berücksichtigen, lind wer nicht Gelegcnheit hatte zu sehen, wie Inden, ja Personen, die sich an den sogenannten מים הנוראים■ als שליח צבור rcprüsentircn, die jüdische Religion nicht nur nicht achten, sondern dem grrechten Hohn und Spotte preiSgcbcn, wer überhaupt nicht weiß, mit welchen plebejischen Gesinnnngen allein Göttlichen nnd Menschlichen Hohn gesprochen wird; der kann sich von dem herrschenden Zeitgeist keinen Begriff machen. — Der Geist, in welchem die Jetztzeit sich bewegt, geftat« tct es freilich nicht Institutionen der finstern Vorzeit ein» zuführen, oder Gebräuche ans der Zeit des gelben Flecke!» j . *׳ *) Wir bezweifeln, daß der Herr prager Vorstadtrab findlicher Natur ist, sollte er e» aber sein, so ratheu » Luser überhaupt ä.