Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 10 (15.5.1869)
- Date
- 1869-05-15
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Herumlaviren und alle AmtSspielerei, dieser offene, ehrlich denkende Mann darf stncht an den grüum Tisch, um ja nicht den Herren in die Karten zu sehen! Die Pachtgesell' schüft der Repräsentanz beherzigt die Ansichten jener offenen Männer ganz und gar nicht, stellt ihnen ein non possumus entgegen, und, ohne sich um Theorie und Praxis zu küm, mern, weiß sie mit Meisterhaftigkeit den kategorischen Imperativ zu handhaben, der ihr instinktiv eingibt, nur dazu thun und zuzugestehen, wa« in ihrem, nicht im Vortheile der Gemeinde liegt. Wir sind im Verlaufe von zwei Monaten um eine Erfahrung reicher geworden, die da- Bild der Prager israel. Gemeindezustände abspiegelt und lehrt, wie vorsichtig und wenig übereilt bei der Wahl jener Männer zu Werke gegangen werden soll, denen man da- Vertrauen als Schlüssel zu den Gemeindeintereffen übergibt. Ohne erst auf die bereithinreichend in diesen Blättern detaillirten Momente eil. zugehen, wollen wir nur in Kürze wiederholen, daß vor nicht langer Zeit eine große Anzahl Gemeindemitglieder an die Repräsentanz eine Eingabe in höflichster und ungeschminkter Form richtete, in welcher drei bescheidene Wünsche, die mit dem Billigkeit-- und Rechtsgefühle harmoniren, angeführt wurden, und von denen man glaubte, daß die liberalen Anschauungen einer Repräsentanz, die man heute bei jedem ouvrier voraussetzt, sich mit einer abschlägigen Antwort nicht vertragen könnten. Um jedoch von der so oft im Munde der Repräsentanten herumgetragenen Intelligenz Zeugnis zu geben, und uns die Definition diese« modernen Substantiv» zu ersparen, laffen wir einige Episoden folgen, die sich in schönsten Reigen um jene Gemeindeeingabe rotirt haben. Am 14. März d. I. wurde diese Eingabe dem Vorsitzenden der Repräsentanz von einer Deputation überreicht, welcher von ersterem, so ferne die in der Eingabe enthaltene» Gründe gerecht erscheinen, Prüfung und kräftigste Unterstützung deö Gesuches zugesichert wurden. Wa» geschah aber? Der Vorsitzende, anstatt selbst zu prüfen, übergab das bittliche Instrument an ein Mitglied der Repräsentanz (Herrn Schwab), der in der nächsten Sitzung über dasselbe referiren sollte. Der Herr Referent io spe entschuldigte am Morgen der verhängnisvollen Sitzung mit einem Fußleiden sein Ausbleiben, trotzdem er sich am Vorabende und am Tage der Sitzung im gemüthlichen stereotyp gewordenen Zirkel ganz wohl befand, und übergab einem seiner Kollegen (Herrn G. Schitz) das Mandat zu referiren; der improvisirte Referent unterzog sich seiner ihm rasch gewordenen Aufgabe mit BoSkogeschwindigkeit, ohne sich darum zu kümmern, ob dieß geschäftSordnungSmäßig ist, oder nicht. Mittlerweile war der Vorsitzende der Repräsentanz durch eine Familientrauer verhindert, während sieben Tage an den CultuSgemeinde-Angelegenheiten Theil zu nehmen, und so wurde über Stock und Stein diese außerordentliche Sitzung einberufen, ohne die vom Vorsitzenden zugesagte „kräftigste Unterstützung" abzuwarvom Futter der Gemeinde nähren und al- Raben jede Klatschblume unter die Menschen verschleppen, und die Tauben, welche da» Delblatt de» Frieden» in» Munde führen, verscheuchen, weil jene sich ängstigen, sie könnten die Flügel gestutzt bekommen. Armer Rabe, wie schwarz bist du. wie schwarz wäre >vin Gemütli, wenn du eine» hättest I Liegt dir denn so viel a» ,v,n Gclde, dos dich verdien, det, und dich nicht so zur Geldwie Zeit raubenden Eng.isnatnr macht. Dir Kernfrüchte fehlen und nicht» als bloße Kätzchen wachsen unter den struppigen Gesträuchern hervor, lauernd auf die vielblüthigen 2H. renstellen. Dem achtzchnzweigigen Baume mangelt der Kopf und nicht» al» ein kahler Stiel ist vorhanden. Die beschnittenen Pflanzrn, haben »»beschnittene zur Seite erhalten, und sollen sie für Bluinrn brttachten, die auf Einem Beete emporgeschofsen; c» wird Alle» verkehr» und so wie bisher die Gemeinde ihre Vertreter gewählt. so wollen diese der Gemeinde ihren Blumengcschmack aus. octroiren und sich ihre Pfiänzchrn ziehen. Al» ich ueulichst in ein Gebäude gekomine», dessen Hallen nicht den Musen, nicht den Baechanttnen, sondern der Andacht gewidmet sind, da sah ich eine Kapuzinerblume — bekanntlich rin gemeine» Soinmergewäch». — ten, um in Sturmschritt auf die Erledigung der drei von der Gemeinde gewünschten Punkte loSzugehen. Die Sitzun g (21. März) brauchte auch nicht länger als eine Stunde, u m nicht in die Wünsche der Gemeinde, sondern in die einzelner Mitglieder der Repräsentanz einzugehen. Der 1. Punkt der Petition, in welchem der Wunsch ausgesprochen ist, allen in Prag wohnhaften CultuSsteuerzahlern ohne Unterschied der Zuständigkeit, das Wahlrecht im ausgedehntestem Sinne zu verleihen, wurde nur mit der Conceffion des aktiven Wahlrechtes erledigt, nachträglich jedoch, in der Furcht, es könnte sich die Anhängerschaft jener Gemeindemitglieder vergrößern, die es verstehen, der Repräsentanz auf die Finger zu klopfen und die die von der jüdischen Vertretung wahrscheinlich nur für sich allein in Anspruch genommene Intelligenz, nach Ansicht jener intelligenten Vertretung perhorreSziren, im gemüthlichen Kreise beim MokkaMd Tschibuk, wenngleich auch nicht der Geschäftsordnung entsprechend, dahin erweitert, den Fremden auch daS paffive Wahlrecht zu concediren. Im Vollgenuffe dieser jüdisch-bürgerlichen Rechte darf jedoch nur jener Fremde sein, der an dem Stadium angelangt ist, fünf Guld. EultuSstcuer zahlen zu können, und^n der Hoffnung lebt, eS auf 125 Gulden Steuerzahlungsfähigkeit zu bringen. Da die Intelligenz bei Fremden, nach der muthmaßlichen Anschauung der Repräsentanz bei fünf Gulden anfängt, während sie bei den Einheimischen schon bei einem Gulden beginnt, so wissen'wir schon, wie es mit der Auffassung der Intelligenz beschaffen ist, und wir danken Gott, daß wir so viel zahlen, um nach beiden Richtungen, ob stemd oder einheimisch, intelligent zu sein. Der 2. Punkt, der die Verschmelzung der drei Wahlkörper zu Einem in Anspruch nimmt, bei Nichteinräumung desselben, die Wahl der drei Wahlkörper an einem und demselben Tage in gleicher Zeit und in verschiedenen Lokalen in sich schließt, wurde gar nicht berücksichtigt, und der 3. Punkt wurde wieder nur partiell koncedirt, indem für die gewünschte einfache Majorität ^absolute" substituirt und in den Wortlaut der Eingabe ein Sinn hineingelegt wurde, wie er den Herren eben gepaßt hat. Es erinnert dieses Verfahren an dem bekannten fo oft wiederkehrenden Zeitungsinserate: „Wer alte Kleider hat, kann neue dafür bekommen." Mag nun sein, daß jener Herr vr. juris, der in so sanguinischer Weise sich erhitzt hat, um gegenüber einer größern Anzahl achtüngSwerther Gemeindemitglieder den Heros zu spielen, und in aller Widerhaarigkeit daS zu verweigern, was die Gemeinde wünscht, mag stin, daß Wortverdrehen auch zur Juristerei gehört, so wirk “blcfe in seinem Sinne vielleicht gut angelegte Mache Niemand für juristisch finden, da dem ganzen mit Eklat dnrchgeführten Apparate die RechtSbasiS und das Rechtsgefühl fehlen. Man hat allerdings erwartet, daß der den befangenen Mitgliedern der Repräsentanz gegenüber bloß mundgettvte Herr äoetor juris, so viel Billigkeitsgefühl besitzen werde, der Gemeinde die an engen Luftberaubten Oertem nicht gedeihen, sondern frei ath. men will, um da ungesehen zu sein, wo sie rS nothwendig hat. wie sic sich mit den Blättern, die die Wahrheit sagen, nicht verträgt und wie eine schwarzköpfige MönchSmücke auf die Blätter loSbiß, und die Bcrläumdung zum Stoffe ihrer Erzählung machte. Fast hätte ich geglaubt, r» wäre diese Kapuzinerblume ein Rabbiner, aber, da rin solcher nur da» Moo» liebt, war mein Glau, den vernichtet und ich fand e» gut, da» Blätter sein müssen, auch wenn sie von Manchen in die Gattung der Klatschblumen gereiht werden. Mein ganze» Wesen ist von solcher Consistenz, daß e» von dem blühenden Unsinn eine» in schwarzer Hülse steckenden Kerne» ganz unberührt bleibt und ich bedaure im Wonnemonate die Prophezeiung zu machen, daß unter der gegenwärtigen Jntereffenvertretung der Gemeinde kein Heil erblühen wird. —M —