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Die Gegenwart · 1869-05-01 · 9 (1.5.1869) · p. Seite 93

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
9 (1.5.1869)
Date
1869-05-01
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
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schreitet oft langsamer vor als bei der Beschneidung; hier schweigt die Humanität, gegen die Eitelkeit sind die Herrn Doktoren mäuschenstill, wissen sie nichts vorzubringen, das zarte schöne Geschlecht geben sie den Schmerzen preis, wiewohl sie da einen größer» Kreis für ihre Humanität finden mochten, die Philantropie würde da sich ja auf Juden und Nichtjuden erstrecken; aber die Beschneidung, docb nein, nicht die Beschneidung, das biblische Gebot, das Bundeszeichcn das schmerzt die 66 Herren Doktoren darum der Erguß ihrer Salbadereien Sch. Eine Iudendebatte im spanischen Parlament. lA»S dem „Osten") In der Versammlung der Madrider CorteS hat der Herr CanonicuS Monterola den vorgelegten Verfassungs- Entwurf angegriffen und insbesondere sich gegen die Bestimmungen bezüglich der religiösen Toleranz verwahrt. Dabei ging Herr Monterola vor Allem den Juden;n Leibe. Nach ihm haben die Juden nie etwas für die allgemeine Gesittung und Bildung geleistet; die Juden sind nur fähig, Pantoffeln zu machen (Anspielung auf die dort hausirenden jüdischen Pantoffel-Verkäufer aus Marokko); die frühern Juden-Versolgungen waren nur die gerechte Strafe für die von ihnen ausgeübten Gräuel und Bedrückungen; der Talmud befiehlt den Juden, dreimal des Tages die Christen zu verfluchen, ihnen durch List und Gewalt Güter und Leben zu nehmen: die Juden haben viele Kinder auf barbarische Weise geopfert. Nachdem mit der Revolution der Cancan Eingang in Spanien gefunden, würde die Trennung von Staat und Kirche den MohamedaniSmuS, die Vielweiberei, heidnische Culte uud Pagoden bringen. Monterola, stellte am Schluß seiner dreistündigen Predigt daö Dilemma entweder KatholicismuS als Staatsreligion oder Atheismus. Im Namen der liberalen, der republikanischen Partei antwortete Emilio Castelar. Jedermann fühlte sich wie von einem Alp erlöst, als Castelar das Wort verlangte und mit steigender Aufmerksamkeit, mit immer mächtiger wachsendem .Beifall folgte die ganze Kammer dem großen Redner, der ein Argument seines Gegners nach dem andern zerstörte, alle seine geschichtlichen Fälschungen widerlegte, seinen Anecdoten sogar der Reihe nach neue entgegengesetzte und in improvisirter Rede den Grundsatz der Glaubensfreiheit ebenso glänzend als erschöpfend vertheidigtc. Unterstützt von seinem seltenen Gedächtniß, berief er sich bald auf die Kirchenväter, bald auf die Männer der französischen Revolution, um alle Citate Monterolas aus dem Felde zu schlagen. Da dieser behauptet hatte, die katholische Kirche habe zuerst und immer den Grundsatz der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufgestellt, so führte Castelar daS Inventar des Klosters von San Damian an, in welchem als Besitz zuerst 50 Stuten, dann 30 Mauren und 20 Maurinnen registrirt waren. Gegenüber der Behauptung, nicht die Kirche, sondern die Civilgewalt habe die Ketzer getödtet, rief Castelar unter allgemeinem Beifall auö: „Dies ist, wie wenn ein des Mordes Angeklagter sagen wollte, nicht er, sondern sein Dolch habe gemordet; Die Inquisition war der Dolch der Kirche!" Monterola hatte gemeint, wenn Castelar in Rom gewesen wäre, so würde er anders von Rom denken; darauf entgegnete er: „Ja, ich bin in Rom gewesen und habe dort Folgendes gesehen : In dem vom Baffari gemalten königlichen Saale befindet sich eiue FreSce. auf der die Abgesandten des Königs “ von Frankreich gemalt sind, welche dem Papste daS Haupt Coligny's überbringcn; dort befindet sich neben andern Kirchen-Berühmtheiten die Apotheose der Henker und Mörder der Bartholomäusnacht." Er sagte, die katholische Kirche dürfe sich nicht, wie Monterola meine, eine« Malebranche, LartesiuS und OrigineS rühmen, da sie dieselben verfolgt Rabe, oder nicht mehr als die Ihrigen anerkenne. -i i ...i i i ■-.* Er berief sich auf Spinoza, DiSraeli, Daniel Manin, Abkömmlinge der spanischen Inden, um die Befähigung dieser Race zu beweisen. In. Livorno habe er Inden gcfnndcn, die heute noch spanisch sprechen und das undankbare Spanien nach vier Jahrhunderten der Ungerechtigkeit noch al» ihr Vaterland ansehen. Castelar schloß mit folgenden Worten: „Glaubt Herr Monterola an das furchtbare Dogma, daß die Söhne verantwortlich seien für die Sünden der Väter? Glaubt er. daß die Juden von heute Christus gemordet haben? Ich glaube dies nicht, ich bin ein besserer Christ. Groß ist Gott auf Sinai im Rollen des Donners und im Erdbeben, aber noch größer ist der dcmüthigc Gott am Kreuz auf dem Oelberg, der Verzeihung für seine Feinde erbittet, die nicht wissen, was sie thun. Groß ist die Religion der Macht, aber größer ist die Religion der Liebe, groß ist die Religion der unversöhnlichen Gerechtigkeit, aber »och größer ist die Religion des Mitleids und des Verzeihen- und ich komme im Namen dieser Religion, welche die eurige sein sollte, im Namen eures Evangeliums, um von euch zu verlangen, daß ihr an die Spitze eures Gesetzbuches die Religions-Freiheit scheibt, d. h. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit für alle Menschen! Ein unbeschreiblicher Auftritt erfolgte hierauf. Tapete brach vor Freude in lautes Weinen aus. Serrano und Prim erhoben sich, um Beifall zu rufen, Figuerola eilte durch den Saal die Treppen der Linken hinauf und umarmte Castelar ebenso Sagasta: die ganze Mehrheit, RioS Rosas selbst erhob sich von dem Sitze und ging zur Linken hinüber, nm Castelar die Hand zu drücken. Posada Herera rief aus: „Seit vierzig Jahren parlamentarischen Lebens habe ich einen solchen Triumph nicht gesehen." Die Mitglieder der Mehrheit verlangten, man solle eine Million Abdrücke von der Rede Castelar'S im ganzen Lande vertheilen. Inzwischen war Monterola mit zwei Bischöfen und drei ander« Mitgliedern der ultramontanen Partei ganz allein auf den Bänken der Rechten geblieben. Rach einigem Zögern erhoben auch sie sich, und verließen die Hände faltend und gesenkten Hauptes den Saal. Das Uebergcwicht der republikanischen Partei im spanischen Parlamente scheint nun endgiltig besiegelt zu sein. |____ __ Milvaukee 15. April 186'.). (0,- K.) Meine Sympathien, die ich Ihrem gediegenen Blatte zolle, veranlassen mich Ihnen in Kürze über die hiesigen Zustände des Judenthums zu rcfcrircn. Milvaukee zählt bei seiner großen Population im Ganzen 1500 Juden, unter denen 'zehn wohlhabende Kaufleute zu verzeichnen. Diese- Häuflein scheint theilö seine Religion am Contincnt zurückgelassen, IheilS dieselbe über'S Bord geworfen zu haben. Sie verrichten zwar keine Fettischdienstc, doch haben sie einen eigenen Gottesdienst geschaffen, der vom Erhabenen zum Lächerlichen nur einen Schritt hat. Bon Religiosität ist keine Spur vorhanden, dagegen besitzen die au« allen Enden Europa'« zusanlinengewürfelten 1500 Juden einen schönen Tempel mit Orgel lversehen, in welchem bei mpy njoef gesessen und beim Vorlesen der Thora bloß einer vorgerufen wird. Der Vorbetcr steht mit dem Gesichte zur Gemeinde gekehrt, der Chor ist nur aus Christcnmädchcn, worunter kein Jude, zusammengesetzt. Daß in dem Opernartigen Gebäude keine Andacht herrscht, können Sie glauben und Niemand ist da, der Abhilfe schafft; denn die Gemeinde hat nicht einmal einen Rabbiner. Es bedarf keines weitern Commentars, daß die materiellen Zustände hierzulande sehr traurig sind und ich rathe Niemanden, selbst wenn cS ihm in Europa noch so schlecht geht, in Amerika ein Asyl zu suchen.

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