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Die Gegenwart · 1869-05-01 · 9 (1.5.1869) · p. Seite 92

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
9 (1.5.1869)
Date
1869-05-01
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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92 Diskussion einließ,;um Schlüsse dem modernen ArchimedeS als Sieger weichen musste: ״Eminenz, Sie. sind wohl Cardinal, aber Mathematiker sind Sie nicht." Die beiden Herrcn, die wir, nicht zu beurtheilen wissen, noch es wagen ob sic Mathematiker sind, belieben obigen Satr folgender Maaßcn zu substitüircn: ״Mediziner und Juristen sind wir wohl, aber Pädagogen sind wir nicht." Cs ist wohl recht schön, wenn man das Bestreben hat, und den Drang in sich fühlt, Alles sein zu wollen, zu dem man nicht geschaffen ist, man möge aber auch bedenken, daß solche Existenzfragen mit dem Gewissen zu sehr kollidiren, und man erst in der Praxis die Erfahrung macht, daß man ein Amt nicht hätte annehmen sollen, zu dem man das Zeug gar nicht besitzt. Schätzt man jedoch die materielle Seite höher als die moralische, so suche man Posten, denen man von Natur aus, durch fachgemäßes Wissen, di.ch eine klare Anschauting der Dinge gewachsen ist. Grade ij. eS die Medizin, die das exporientia docet scharf im Auge hat, die als empirische Wissenschaft, jede Hypothese verwerfen soll und sich zum größten Theile aus die Ersahrung stützt, wcßhalb ein Mediziner nicht so leichtfertig mit der Annahme eines Postens verfahren soll, der unbedingt Erfahrung und Sachkenntnis voraussetzt. WaS den Juristen betrifft, so wird er grade, so fern es sich um die Besetzung eines Advokaten- und eines SchulrathSpostcns handeln sollte, nmro jure entscheiden müssen, den Advokatenposten mit einem Juristen, die Schulrathftcllc mit einem Manne zu besetzen, der Zeit seines Gebens sich mit der Pädagogik und dem Unterrichte der Jugend abgegeben bat. ES mangelt in der intelligenten Hauptstadt Prag nicht an tüchtigen Berufs« männern, die ihr Leben der Jugend geweiht haben, und eben dcßwegcn ist cs Pflicht einer jüdischen Jntercsscnvcrtretung Männer in Vorschlag zu bringen, die vor Allem jüdisches Wissen haben, die sich nicht mit Medizin und Rechtslehre, sondern sich ausschließlich nur mit der Pflege der Jugend und des Unterrichtes abgegeben haben. Und so wie der pragcr Eorrcspondcnt der neuen freien Presse einen Eandidatcn dem gründliche Kenntnisse aller Zweige der profanen Wissenschaften, nnd Unterrichtsmethode innewohnen, gegenüber einem alten Schulrathe aus dem Grunde aufstellt, weil letzterer in seiner bisherigen Stellung ein gutes Einkommen hat nnd in Mücksichf dessen dem crsteren den Vorrang einräumen soll, so. glaube:-: wir, waö wir eben der neuen freien Presse nachsagen, nich» zu fehlen, wenn wir wünschen, daß Männer, die vor Allem keine pädagogischen Autoritäten sind, dabei ein reichliches Einkommens haben, nicht so selbstsüchtig sein mögen, um Männern, die im Schweiße ihres Angesichtes sich Jahr aus Jahr ein für die Jugend geplagt haben, eine Existenz zu sichern. Wir sind fest überzeugt, daß das hohe k. k. Ministerium für Cultuönnd Unterricht den klaren gewissenhaften Auseinandersetzungen zweier Männer gegenüber, die die Neberzeugnnghaben, keine Schulmänner zu sein, diesen gewissenhaften Männern, einen Posten nicht aufdrängen werde, von dem das Wohl der israelitischen Jugend lhcilweise abhängig gemacht u>trb. — e — Zur Leschnriduugssragc. Das 2. Quartalhest der Zeitschrift ״Jcschurun" das diese Woche erschien, bringt eine von vr. Naftali Hirsch verfaßte Beleuchtung einer zu Ende vorigen Jahres von 60 wiener Ärzten au den dortigen EultuSgemeinde-Vorstand gerichtete Eingabe contra die Bcschncidung. Wir wurden bei dem Lesen dieses Artikels mehrfach überrascht. 1. Erfuhren wir erst jetzt von dem Vorhandensein dieser Eingabe nachdem sie schon vor Monaten das Licht der Welt erblickt hatte? 2. Glaubten wir immer, daß die Herrn Aerzte sich nur um unsere Krankheiten kümmern und sehen nun, wie sie auch um unsere Gesundheit besorgt sind. 6. Staunten wir zu hören, wie 66 sage sechs und sechzig Männer der Heilkunst in der Residenz sich plötzlich in Theologen metamorphosirten. Die größte Ueberraschung hat uns aber jene Stelle des Memorandum bereitet, die da spricht von der Einwilligung und dem Entgegenstemmen der Rabbiner. Aufrichtig gestanden, wir hatten keine Ahnung von der mächtigen Ge« walt der Rabbiner in unserer Zeit; wir wußten gar nicht daß sie auch eine Macht zu binwn und zu lösen haben und das ganze BeschneidungSgesctz nur von dem Belieben der Rabbiner abhängt. sobald sie ihr non possumus aufgeben. Nachdem die Ueberraschung sich gelegt und daS ruhige unbefangene Denken wieder in Fluß kam. waren wir zweifelhaft, ob wir cs bedauern sollen, daß nur Auszüge zu unserer Kenntniß gekommen sind, oder ob wir nicht vielmehr froh sein sollen, nicht das ganze Machwerk vor uns zu haben, das wir ja dann hätten ganz dnrchlesen mäßen: 'Schwer, das muß man gestehen, haben diese Herrn die Kritik über ihr Werk nicht gemacht und cS hätte nicht erst bedurft, des Scharfsinnes eines Juristen wie Herr vr. Naftali Hirsch, um die 66 Direktoren der Medizin ad absurdum zu führen. Natürlich, da nur Auszüge dieser Eingabe uns vorliegen, können wir uns nicht anmaßen, diese Schrift auch unserer Kritik zu unterziehen; aber v.'rh.'lsie.i wul.-n wir den Lesern dieses Blattes nicht, daß wir sämmtliche Herrn 66 Doktores stark in Verdacht haben, daß sie wenigstens den Pessach vor der Eingabe gar keinen Sedcr gegeben haben. Denn in ihrer Eingabe heißt es: ״Aber wir können es nicht ״unterlaffen einem löblichen Vorstand auf den Widerspruch ״aufmerksam zu machen, in den unsere Seelsorger durch ihre ״Auffassung mit dem Stifter und Gesetzgeber unserer Re- ״ligion, mit MoseS selbst, gcrathcn. Lüge der Kern der mo- ״saischen Religion und des JndenthumS wirklich und vor ״Allem in der Bcschneidung, dann wären unsere Voreltern ״von denen wir Alle unmittelbar abstammen, keine Inden ״gewesen: da MoseS während der 40jährigen Wanderung ״durch die Wüste die Ausübung der Beschneidung aus ״SanitätS« oder OpportunitätSgründen untersagte." Hät« ״ten die Herrn Doktoren den Scder gegeben, wür« den ihnen die Worte der Hagada doch im Gedächtniß geblieben sein: מתחלה עובדי עבודה זרה היו אביתינו ועכשיו קרבנו 0ס"המקום לעבודתו... ואקח את אביכם את «ברדס| unsere Vorelteilt wirklich keine Juden waren. WaS uns aber besonders wundert, ist, daß die 66 Hrn. Doktoren den Vorstand zu Wien blos auf den Widerspruch, in den unsere Seelsorger mit Moses gcrathcn, aufmerksam machen, daß sie nicht weiter zurückgrcifcn und Moses selbst einen Widerspruch Nachweisen vorerst gebietet er die so ge* jährlich sein sollende Beschncidung und dann sagt er wieder ועשיתם אחם וחי בהם nnd die inhumanen, eigensinnigen alten Rabbinen intcrpretircn noch dazu ולא שימות בהם ist däK nicht ein Widerspruch? Wir glauben aber, dieser eine Satz spricht für die Meinung jener Autoritäten der Heilkunst, die der Bcschneidung einen günstigen sanitären Einfluß zuschreiben, und schnellt hinauf die Wagschale mit allen 66 Dok« toten, die die Bcschneidung als gefährlich auSgcben und den Eigensinn der Rabbiner bedauern. Ja, die Rabbiner müßen kein Herz und kein väterliches Gefühl haben; denn sie verlangen nicht bloS, daß andere Väter ihre neugcbornen Kna« den der Bcschneidung unterziehen, sie sind sogar so hartherzig ihre eigenen Söhne beschneiden zu lassen — wie gcfühl- und herzlos! Aber auch auf Hrn. Dr. Naftali Hirsch befremdet uns, daß er diesen Herrn Doktoren die Impfung entgcgenhielt, die doch eine Prävention gegen eine schwere Krankheit ist; warum nicht mit dem allgemeinen Gebrauch des Ohrenstcchen? daS doch ebenfalls im zarten Alter geschieht und gleichfalls wie die Herrn Doktoren sich auSdrücken, ״in Anbetracht der jfrüher nicht zu bestimmenden Zufälligkeiten und Vorkommnisse und in Anbetracht der verschiedenartigsten / Dispositionen drS kindlichen Organismus niemals gleichgültig s ist?" DaS Ohrenstechcn ist doch kein biblische- Gebot. daS.Kind l leidet bei und nach der Operation ebenfalls Schmerzen,die Heilung l

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