Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1869-05-01 · 9 (1.5.1869) · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
9 (1.5.1869)
Date
1869-05-01
Page
Seite 91 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4890378-5433914-5433965--288-4890634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

91 doch nicht so auffaUrnd in'S Gesicht zu schlagen, auch wenn er sich mit süß saueren Phrasen so sehr an den Ehrenpunkt der Gemeinde wetzt, und eS konnte sich gewiß Niemand der Ueberzrugung nerschUeßen, daß der Herr Doktor,-derul- Gememdevertteter viel zu wenig Sympathien besitzt, sich in allen Windungen gegen den nichts als billigen Punkt, die Wahl der drei Wahlgruppen an einem Tage, wehren, aber daß er durch verkehrte Deuteleim sich auS der Schlinge ziehen wolle, daran dachte wohl Niemand. Hat sich nun der Herr Doktor einerseits als Jurist bloß gestellt, so müssen wir ihn anderseits ob seiner politischen Anschauung, mit der er den bisherigen unter dem B a ch« schen Regime geschaffenen Wahlmodus für „liberaler" hält, als einen von der Gemeinde gewünschten, der den liberalen Bestrebungen der Regierung entspricht. Ja! mein lieber Herr Doktor! Die Zeit des Advokatenmonopols ist vorüber und, darum Ihre große Furcht vor einer Coucurrmz in der Re« präsentanz! Halten Sie sich denn für gar so beliebt m der Gemeinde, daß Sie sich als Atlas dünken, auf dessen Schul« lern der ganze Gemeindebau beruht? Das wäre denn doch zu viel! oder sind Sie und Ihre Herren College« für das Judenthum so sehr begeistert, daß Sie bei Ihrer orthodoxen Anschauung in der Wahrung der rituellen Borschriften eine GewiffenSstage erblicken und das Verbleiben in der Repräsentanz als nothwendige Lebensbedingung ansehen? oder fürchten Sie, daß, wenn Sie einmal aus der Repräsentanz ausgeschieden werden. Sie in dieselbe nicht mehr hineingerathen, so wie eS Ihnen bei den Wahlen m die Stadtrepräsentanz geschehen ist? Wir halten Sic gar nicht für so unbescheiden und furchtsam, und wenn Sie die Welt auch dafür hält, sind wir bereit Sie mit unseren Fittigcn zu schützen. ES war freilich Herr Doktor von Ihnen etwas übercilt, daß Sie sich so sehr angestrengt haben, um den Petenten Opposition zu machen, während Sie dieselben mit Sammetpfötchen streichelten und mit frommer Miene, gleich einer alten Betschwester, hinzufügten: „Einer Anzahl achtbarer Gemeindemitglieder gegenüber können wir nicht sagen, für dießmal ist nichts, bis in zwei Jahren, umsomehr als wir nicht ganz ftei vom Verschulden wären; wenn wir sagen: Daß die Herren Einschreiter mit ihrem Begehren zu spät gekommen sind, eS ist bekannt, daß wir rin neues Statut verfassten, worin diese Wahlordnung Platz gefunden hätte, w ir m Affen und so llen Alles thun, um den Petenten gerecht zu werden." Und trotz dieser Liebeserklärung stellten Sie das Amendement, daß die Entscheidung der hochlöblichen k. k. Statthalterei, insofern« sie nicht vor dem Wahltermin herabgelangt sei, nicht abzuwarten und die Wahl nicht weiter hinauszuschieben ist. Diese hohe Behörde jedoch hat vor Allem das Gesetz im Auge gehabt und der Repräsentanz die Ausschreibung der Wahlen in so lange zu sistiren anbefohlen, bis jene von der Entscheidung der angesuchtcn Aende« rung der Wahlordnung verständigt sein wird. Dieses bitt« liche Anliegen der Repräsentanz hat sich mit dem am 3. v. M. eingebrachten Rekurs gegen die ihrer Form wegen denkwürdige Erledigung der Repräsentanz begegnet, und so harren beide, sowohl das Bittgesuch der Repräsentanz als der Rekurs ihrer Erledigung. Wir erwarten, daß die hochlöbliche k. k. Statthalterei in Anbetracht der nur billigen, gerechten und dem Gesetze nicht nur nicht widersprechenden, sondern vollkommen entsprechenden Anforderung jener 180 achtbaren Gemeindemitglieder auch dann Rechnung tragen werde, wenn auch die Mitglieder der Repräsentanz, grade in jenen die Intelligenz nicht suchen, welche erstens gleiches Recht für Alle haben wollen, sodann einen nach Absolutismus riechenden Wahlmodus perhorreSciren, der geeignet ist, eine Gemeinde nicht nur ins Lächerliche zu ziehen, sondern unerlaubten Wahlumtrieben Vorschub zu leisten. Ohne jedoch auf den Werth jener Intelligenz einzugelhen, wie sie von jener Clique, die sich fürchtet, den Bodm unte^ sich zu verlieren, aufgefasit und als Motiv angeführt wird» weßhalb man einen mit Zopfthum und alten Moder verpesteten Wahlmodus beibehalten soll, wollen wir nur die Frage aufwerfen, auf welcher Seite die Intelligenz ist, ob auf der jener, die mit Hilfsmitteln der verschiedensten Kategorie in die Repräsentanz hineinzukommen trachten, die Männer daar alles WisienS aller Lokal- und Personal kenntniS nur darum in die Steuerkommission wählen, weil sie in der Ernennung eine Verbindlichkeit zu finden glauben, welche „geschäftlichem" Interesse nothwendiger Weise folgen muß, die sich mit untergeordneten Subjekten liiren, welche fürchten, eine neue Ordnung und rin neues System könnten ihre Stellung erschüttern und eben deßwegen die perfidesten Verläumdungen in die Welt hinau-schreien, die nur durch Verwendung von Familien ohne Rücksicht auf Antecedentien, beim Mangel an jeder glorreichen Vergangenheit, sich von dem Nicht« bedeutenden Etwas zu Existenzen verhelfen oder auf der Seite jener, die Vereiufachung in der bisher so kostspieligen Verwaltung, eine Reform des zum Bettelwefen herabgefunkcnen und von der Laune ehrgeitziger Herumschlcnderer abhängig gemachten ArmenwesenS, einen freisinnigeren aber gerechten BesteuerungSmoduS statt der bisherigen Bemessung, welche von solchen vorgenommen wird, die sich unter den Juden gar nicht bewegen und ohne alle Personalkenntnis nur nach Art eines Fuhrmann» auf da« ohne hin von der Gemeinde in Anspruch genommene Gemeindemitglied eine Ziffer aufladen, während sie auf sich selbst Rücksicht nehmen, ihre Tasche für die Leere im Raume nicht empfindlich zu machen, — mit Einem Worte die in gerechter Würdigung der Zeit und der zerrütteten Derhältnifse in der Gemeinde Anstalten treffen wollen, denen jede Selbstsucht ferne liegt und die nur Reorganisation verlangen, welche die Zeit erfordert. B. Lin jüdischer Lan-erschulrath. Bekanntlich werden nach dem neuen Volk-schulaufsicht»« gesetzt in Böhmen drei LandeSschulräthe ernannt, welche die verschiedenen Eonfeffionen repräsentiren sollen, um so die Jugend und deren Unterricht zu überwachen. Vor einiger Zeit wurde nun die Frage ventilirt, wer soll jüdischer LandeSschulrath werden, und eS steht in Aussicht, diese Frage in einer Weise erledigt zu sehen, wie sie eben der richtigen Logik widerspricht und dem Zwecke, den Volks - Unterricht zu heben, nicht accomodirt. Es dürfte hier nicht bloß die Erfahrung lehren, sondern auch dix^Aussprüche großer Pädagogen von Pestalozzi angefangen bis hinunter zum Kindrrgärtner Frödel bestätigen, daß, um die Jugend strenge zu deurtheilen, Modelle und Vorschriften für einen systematischen Unterricht zu empfehlen, nur Männer vorhanden' sein müssm, die nicht nur die Theorie besitzen, Lehrmittel zu wählen, sondern sich auch die Praxis, die Erfahrung nämlich, und diese nur durch den langjährigen Umgang mit der Jugend erworben haben. Da» sind die Hauptpfeiler, auf denen sich das ^Interrichtssystem, die Methode stützt. Wo diese fehlen, fehlen die Kardinalpunktc als die Bedingungen der guten Leitung der Jugend, de» richtigen systematischen Unterrichte». Wie uns nach authentischer Quelle mitgetheilt wird, hat die Prager israel. CultuS- Gemeinde« Repräsentanz gemäß Aufforderung der hochl. k. k. Statthalterei, zwei Männer dem h. k. k. Ministerium für CultuS und Unterricht in Vorschlag gebracht, von denen der eine rin Doktor der Mediün, der andere ein Doktor der Rechte ist. E» ist nicht unsere Aufgabe zu bestreiten, ob jener ein tüchtiger Mediziner, dieser ein gewiegter Jurist ist, so viel scheint und ist gewiß, daß beide keine Pädagogen sind, beide sich nie mit der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend abgegeben haben. Ein alter bereit» den Tobten angehörige Professor der Mathematik, deffen Name beiden Herren bekannt sein dürste, sagte einst bei Gelegenheit al» sich ein bereits verstorbener Erzbischof mit ihm in eine machematisch«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.