Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 9 (1.5.1869)
- Date
- 1869-05-01
- Page
- Seite 86 (sequence 8)
- Language
- German
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und freie Religionsausübung der Juden, und gelangt dennoch zum Schlüße, „eine Grenze sollte dennoch eingehalten werden/ „Es gebe," meint der Verfasser, „Funktionen im Staatsleben, welche ein unget heikles, vaterländisches Gefühl und ein einheitliches Interesse an dem deut scheu Wesen und Staate fordern, welche den ganz?» und nicht bloß den halben Mann v c r l a n j c b cj_ welck>kmr schon ein Michtraucri!_iTf1>ic ins:ion alc Richtung ein ll » g l ü cf i ft.“ Ausgaben dieser Art sollten aber nur Männern «»vertrant sein, weiche b l o s; Deutsche sind. Auch diese den Inden eröffnet zu baden, erachten wir nickt für oolitisch rlebtla—Hub win lasse» dieser^ Ansicht, namentlich auch nicht durch die Hinweisung ans diesen oder jene» trefflichen Mann irre machen, gegen dessen einheitliche deutsche Gesinnung nichts eingewendct werden kann. Gesetze werden nicht für Ausnahmen gemacht. Sodann '.oricht Mohl den Inden die Fähigkeit ab, sich zu neutraliliren, indem er behauptet, der Rachkomme eines französischen Rcfugie sei in Berlin durchaus Preuße, in Amsterdam ein Holländer, in London ein Engländer, die Berliner, Frankfurter, Manheimer Juden sind vor Allein noch Inden, wenn sic auch deutsch sprechen.“ Vcffcn wir nun den Kritiker des Mohl'schen Werkes sprechen, der sich uns als getaufter Jude präsentirt. Er macht sich cS vorerst zur Aufgabe dem Verfasser die Einwendung gegen die völlig Gleichberechtigung der Juden zu widerlegen, sodann dessen Unterstellung einer völlig gleichen Menschennatur der Juden, nach Ansicht des Herrn v. Mohl als unrichtig hinzustcllen. die letzterer an der entschiedenen Scheu der Juden von gerade denjenigen Arbeiten anknüpft, auf welchen die Gesellschaft vorzugsweise beruht, nämlich vor Ackerbau und vor jedem eine starke Körperkraft erfordernden Handwerke. Indem der Kritiker darauf hinweist, daß in Preußen, das wol nicht zu den einigen halbbarbarischen Ländern im Osten von Europa auf die Mohl den Ton legt, gehört, die Emancipation der Juden nicht ihrem vollem Umfange nach existirt, suchte er den Einwand der D o p p e l n a t i o n a l i t ä t zu entkräften, den der gcsandtschastlichc Professor gleichsam als ein eingewurzeltes llcbcl hinstellt. Wir gestehen, sagt der als getaufter Jude sich gerircnde Kritiker, wir staunen über die Unbedachtsamkeit des sonst so. besonnenen und so nüchternen Mannes, mit welcher er hier Tbatsachcn nnd Gründe je nach der Eonvcnirung der momentanen Behauptung hin nnd her wirft. In einer förmlichen Etschüttcrung des Gemüthes widerlegt er den geistreichen Gelehrten mit den Worten: War cs ihnen doch verboten, sich unter die Andern als Deutsche zu mischen im Verkehr des Tages, wie in den Geschäften des Staats. Wo aber einmal die Schranke fiel, für Einzelne oder für Alle, da zeigte sich in gleichem Maaße, daß jene Begeisterung und Treue, welche man zwei döse Jahrtausende dem alten Jchovah gehalten, auch für das Vaterland, für Deutschland vorhanden war. Als Preußen im Jahre IHK* seine Söhne znin FreiheitSkampfc aufrief, war eine ansehnliche Zahl Juden darunter, welhe mit allen Andern in einem Bewußtsein für die Ehre de - Vaterlandes, für die Adscküttelung des fremden Joches st.itten, sich gegenüber hatten sie n cht bloß die e tammcsgenossen im Heere Napoleon'-, ihnen war auch glei r Genuß aller bürgerlicher Rechte unter französischer Herrschaft gesichert, a'.S deutsche Juden hatten sie sehr thöricht gehaudett, als jüdische Deutsche kannten sie edlere Beweggründe als eine solche Berechnung. Glaubt Herr v. Mohl wirklich, frägl der Kritiker, daß die Refugies in Berlin. Amsterdam, London, wenn tnan sic eben so freundlich behandelt hätte, wie die Juden vor zwei Jahrhunderten glaubt er wirklich, daß sie heute so gute Preußen, Holländer, Engländer wären? Um sie apf gleichen Fuß zu stellen, mußten sie vor allen Dingen von der übrigen Bevölkerung abgeschlossen werden, durch Schranken der Religion zunächst: und die Religion war egerade, welche die Refugicoffene Arme in Preußen, Holland,' England finden ließ. Wahrlich nicht eine Macht, die zu herrschen ausgegangen, und sich zur Herrschaft zusammcnschließt, sondern das Leiden hat die Jaden verbunden. Und wer ' möchte einen deutschen Juden de- 18. Jahrhunderts oder gar des Mittelalters zum Vorwurf machen, daß er dem gehetzten Glaubensgenossen auS Holland, England oder Frankreich sich im g meinsämcu Unglücke näher verwandt fühlte, als dem deutschen Vaterlandc, daohnehin keine sichere Eri- . stenz chatte.- Ist cschentzutage, meint -er Kritiker^ Mlter gebildeten reuten unanständig, ein Vorurthcil wider die Juden zu äußer», so ist cs nun nichts weniger Brauch, stillschweigend ein solches zu tragen. Und mit allen solchen angenehmen Bediiigungcn. mit so freicm-Entgcgenkommen süer Meise haben^die hartnäckigen Juden ihre Stammeigenthümlichkcit noch nicht aufgegeben! Ist aber in der Masse der Juden auch vielfach ein Widerstreben zu finden, ein Hängen am Stamme mehr als am deutschen Vaterlandc. so werfe man einen Blick auf die Masse des deutschen Volkes und höre die rohen Spässe, die Brutalität, welche sich im Namen des Deutschthums an die Pforte stellt, die neuen Brüder zu empfangen. Wo aber noch heute leidenden GlanbenSgcnosscn zu helfen ist, wer" möchte eS den Juden verargen, wenn sie hier ihre Pflicht thun, und wer möchte ein Zu viel der Sorgfalt, ein Extrem befürchten, wie Herr von Mohl thut, wenn gegen empörende MiShandlungcn von Juden sich auch die großen Regierungen zur Abhife zusammenthun. WaS die Fraktionen im Staatsleben betrifft, von denen der Verfasser der Ansicht ist, daß sic ein ungetheilte«, vaterländische- Gefühl u. s. w. erheischen, führt der Kritiker an, daß unter den Gesandten und den Generalen und unter den deutschen Fürsten auch nicht gerade Juden zu finden und cnoch nicht sonderlich der Minister viele in Deutschland gebe, welche Juden sind. ES blieben also nur die Stündekammcrn übrig, welche Herr v. Mohl ganz * direkt glaubt, nur zu schüchtern gewesen, da-so offen heraus zu sagen. Da sucht der Kritiker, den staatsrechtlichen Verfasser dainit zu beruhigen, daß die in die Ständckammer gewählten Inden nicht von jüdischer, sondern von christlich germanischer Majorität gewählt wurden. Nun geht der Kritiker aus daö vom Herrn v. Mohl betonte Moment der StammeSeigenthümlichkeit über, indem er denselben für zu nüchtern hält, um zu glauben, daß ein deutscher Jude durch die Taufe ein christlicher Deutscher werde, wenn er es noch ist. Die Ansicht des Herrn v. Mohl, daß die Juden vor gerade denjenigen Arbeiten eine entschiedene Scheu mani, scstircn, auf welchen die Gesellschaft vorzugsweise beruht, nämlich vor Ackerbau und vor jeder Körperkraft erforderndem Handwerke, sucht der Kritiker thcilS durch die Macht des Beharrens zu widerlegen, welche fast jedes Volk an gewisse altgewohnte Beschäftignngcn fesselt, so zwar, daß cschwer ist, ein vorwiegend Ackerbau treibende- Volk zur Industrie zu gewöhnen, nomadisircnde Völkerschaften zu einem stetigen, fcsshaften Leben zu bringen, thcils durch Beweise, daß die Juden keineswegs eine entschiedene Schcn vor hartarbeitender Thätigkcit haben, so fern nur eben Antrieb und Freiheit dazu da ist. Da- Krieg-Handwerk, sagt Kritiker unter Anderem, gehört anch nicht gerade zu den leichtarbeitenden Thätigkeiten, wenn anch die Gesellschaft nicht darauf beruht, so scheint cdoch, als ob Staaten darauf beruhen. Gelegenheitlich dieser Reflexionen hebt er die Tapferkeit der Juden hervor. Daß Herr v. Mohl als deutscher Gelehrter den Inden den Vorwurf der Verneigung zum Handel macht und ncbstdcm die verhältnismäßige bedeutende Betheiligung an W is s e n s ch a f t f n und K ü u st e hervorhcbt, verargt ihm der Kritiker sehr und beruft sich auf die gemeinste TageSliteratur in Berlin, die ausschließlich von Nichtjuden producirt wird. Eine irgend starke Polenik, findet Kritiker nur möglich von einem ganz andern Standpunkte als dem des Herrn v. Mohl, nämlich von dem confeff ioncllcn. Fortsetzung in der OciUtb.)