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Die Gegenwart · 1869-05-01 · 9 (1.5.1869) · p. Seite 85

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
9 (1.5.1869)
Date
1869-05-01
Page
Seite 85 (sequence 7)
Language
German
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ein besondere- Interesse für seine orientalische» Brüder fühlt, ist gegenwärtig in London, nm sich die Mittel zu verschaffen, eine viel längere und wichtigere Reise als die er eben beendigte, er machte, wie bekannt, eine Reise nach Habesch, um die dortigen FallaschaS näher kennen zu lernen-zu unternehmcu. 'Gr . wünsckit näiulicl, China, Afghanistan, .Per-,., sieu zu durchreisen, sich hieraus nach Mesopotamien zu begeben, die (Gebirge Kurdistans zu überschreiten, die Ebene im Westen dcS Sees Vurmia zu besuchen und dann zum schwarzen Meere zu gelangen, diese Reise wäre gewiß eine hochwichtige, indem sowohl dir soziale als auch die moralische Stellung der dortigen Juden wenig bekannt > ist, so wie man auch nicht weiß, welche Sprache sic sprechen und nach welchem Ritus sic leben. ES wäre sehr zu wünschen, daß dieser nnerschroekcnc und kühne Reisende, die gehörige Unterstützung zur Ausführung seines edlen Vorhabcns finden mochte. — Des Eomitc der „Alliance israelite universelle“ veröffentlicht eine sehr warme Aufforderung zur Gründung einer Ackerbauschule in Jaffa. (Palästina.) Stockholm. In Schweden hat unter der anspruchslosen Benennung „Thilda's Testament" eine kürzlich in dem Alter von 1)8 Jahren verstorbene unverheirathete Dame ihr Vermögen, das sich auf 2‘„ Millionen belaufen soll, zu einem nützlichen Zwecke bestimmt. Die Zinsen sollen nämlich zur Stiftung cmcr Schule für israelitische Kinder in Göteborg verwendet werden; der-Unterricht soll außer den gewöhnlichen Wissenschaften die schwedische, deutsche, französische und englische Sprache umfassen; außer den erforderlichen Hilfslehrern werden 7 bis 8 competcnte Lehrer eingestellt, die Zahl der Zöglinge ist beinahe unbegrenzt; diejenigen, welche die Mittel dazu haben, sollen jährlich 200 Thlr. erlegen, die übrigen aber freien Unterricht genießen. London. In London wurden ans nvv 22.000 Pfund Mazzoth zu Gunsten der einheimischen Armen und 28.000 - Pfd. für fremde Armen (ethik), 22 Tonnen Kartoffeln, 4600 Pfd. Zucker und 2800 Pfd. Kaffee vcrthcilt. (Jsr.) Turin. Banquicr Ottolenghi in Turin wurde zum Richter am Handelsgerichte ernannt. Spanien. Der chrenwerthe Herr H. Gncdalla schreibt dem Jewish Chronicle, daß sich in Ecuta eine israelitische Gemeinde gebildet hat. — Ihre Vorsteher haben sich an unsere Glaubensgenossen gewendet, sie in der Erbauung reitS ein zweites Sepher Thora nach Spanien geschickt. trän (Algier) Unsere Gemeinde und die algicrischc Judenschaft hat einen sehr großen Verlust durch den Tod des Herrn Jacob Lasry dem früher» Präsidenten des Konsistoriums von Dran erlitten. Sydney. In Australien fehlt schon seit längerer Zeit Regen. Tausende von Schafen gehen aus Mangel an Wasser zu Grunde. Herr Rabbiner A. B. Doviö hat ein besonderes Gebet um Regen angeordnet. Mit Ausnahme einiger Tropfen ist der heiß crsihnlc Regen immer noch nicht gekommen. Ein Glaubensgenosse, RamcnS Saul Samuels, ist der Eolonialschatzmeister int Abgcordnctcnhansc. (Jew. Record.) Vom Lüchertische. Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. Politik II von Robert v. Mohl. Tübingen H. Laupp'sche Buchhandlung 1860. — Robert von Mohl wider die Gleichstellung der Juden. Zur Kritik der neuesten Angriffe von einem getauften Juden. Berlin Verlag von W. Adolf & Co. 1869. Robert von Mohl, so nennt sich derjenige, der vom Professor der Staatswissenschaften in Tübingen und Heidelberg zum badischen Gesandten in München avancirt ist und in einem neuen Bande seine- .politische Aufsätze enthaltenden Werkes über Staats- Und Völkerrecht sich gegen die Judencmancipation ansspricht, indem er meint, es sei doch immer gut, wenn manchmal ein Spiegel vorgchalten werde oder der Spötter hinter dem Wagen des Triumphators seine Stimme hören läßt. Es obliegt uns hier weniger, das Sam- .mcümt.. des—Rechtsgrlehrten odcrdic demselben entgegen gestellten Beschlüsse zu kritisircn, um nicht etwa einer Parthcilichtcit geziehen zu werden, da wir uns als Juden bewegen, und uns seldsteerstäiidlich mit dein gelehrten Herrn Mohl in einer Weise begegnen müßten, wie sic sich eben mit unserer Ansicht verträgt, ohne Rücksicht darauf zu nehinen ob wir es mit einem badischen Gesandten oder mit einem Professor der Staatswtsscnschasten zu thnn haben. Wir wollen den objektivsten Standpunkt cinnchmen, und als fixes Cent rnm den Kreislauf zweier Kämpfenden verfolgen, von denen der Eine rin Christ, der anbeic ein christlicher, oder wie man sich anszudrncken pflegt, ein gelauster Jude ist. Nachdem Herr v. Mohl die Judcnemaneipation nicht nur im „Princip" ein „Grundrecht" „sondern eine Thatsache, ja eine Art von Lieblingsgcgenstand der Gegenwart" hinstcllt und zngibt, daß an ein Znrückgchcn zu früher« Zuständen nicht mehr zu denken sei, im Gegcniheile sich die folgen immermehr und mehr entwickeln und befestigen werden, meint dennoch dieser gcsaudschaftliche. Gelehrte, „sei es erlaubt, die Frage anfzuwcrfc», ob man in dieser Frage vollkommen rich - tig verfahren ist, ob nicht eine falsche Auffassung nnd in Feige dessen eine Ucbcreiliing slattgcfunden hat. „Die Urheber und Anhänger der Judencmaneipation," führt er fort, seien mit ihrer Beweisführung für die Richtigkeit und sittliche Rothmendigkcit der Sache kurz fertig. Im Grunde hestehen sic in einer Wiederholung der schon von Shhlock vorgcbrachtcn Sätze. Ist der Jude, .so sagt man, nicht ein Mensch wie wir'? Trägt er nicht alle Verbindlichkeiten und Lasten der übrigen Staatsangehörigen? Soll nicht Rcligivnsvcrschiedenheit nach allgemein zugegebencn Grundsätze kein Hindcrniß für die Ausübung eines bürgerlichen Rechtes fein, überhaupt keinen Unterschied im Staatslcben machen? Mit welchem Scheine von Recht können wir den. Juden vollkommene rechtliche Gleichheit mit uns verweigern? die möglichst schnelle Anerkennung und praktische Bcthätigung ist aber eine unerläßliche, leider sehr späte Sühne eines mehrtausendjährigen Unrechts, übcrdieß das einzige Mittel zur allmäligen Beseitigung der üblen . Folgen-jo ckauger Unterdrückung." Vortrefflich argumcntirt antwortet darauf von! Mohl, wenn die Vordersätze richtig sind; wenn cs namentlich vollständig wahr ist, daß die Juden, mit einziger Ausnahme der Religion, der übrigen Bevölkerung wesentlich gleichartig sind. Allein dies muß in zwei wichtigen Punkten geleugnet, deshalb aber die Behauptung ausgestellt werden, daß man übereilt gehandelt hat, zn wcit gegangcu ist. ES habe allerdings nicht an Solchen gefehlt welche daran erinnert haben; allein sic sind nicht gehört, sind übcrschriccn worden. — Mohl stellt in seiner Widerlegung der Shhlockschcn Aussprüche unter Anderem die Behauptnng'nuf, daß der Jude (nota bene in Deutschland) nicht deutscher allein, sondern auch Jude ist, daß er dieses sogar vor Allem sei und c h e er Deutscher ist und sich als solcher fühlt. Man sagt nicht ein jüdischer Dentschcr, Franzose u. s. w. sondern ein deutscher, französischer, Jude. Auf 'die Juden wird der Accent gelegt, weil man weiß, daß diese Nationalität die wahre, die vorherrschende Eigenschaft, die andere unr eine leichte Modificirung derselben ist. Diesolle keineswegs ein Vorwurf sein, sondern es ist nur die Feststellung einer Thatsache, welche ihrerseits durch Reinabstammung und Geschichte ganz natürlich begründet ist. — Wenn ein deutscher, ein holländischer und ein englischer Jude zusammentrcffen, betrachten und behandeln sie sich nicht zuerst als Stammesgenossen, als Angehörige der jüdischen Rationalität? und dann erst, sehr in zweiter Linie, wenn überhaupt, gewähren sie ihren europäischen Rationalitäten einen Einfluß? In dieser Betrachtung über die Doppelnationalität de- Juden plaidirt er zuerst für die volle Gleichberechtigung

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