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Die Gegenwart · 1869-04-15 · 8 (15.4.1869) · p. Seite 74

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
8 (15.4.1869)
Date
1869-04-15
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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egibt keine größere Satyre auf den Congreß als eben die« seS Institut der Schiedsgerichte.*) Deswegen also, damit anstatt eines ordentlichen Gerichtshöfe-, welcher, wenn er auch nicht immer in der Lage war unsere konfessionellen Berhültnisse genau zu kennen, doch jedenfalls die allgemeiue RechtSkenntniß besitzt, dem Verständniß, Intelligenz und das loyale Bestreben Gerechtigkeit üben zu wollen nicht abgesprachen werden kann, dieses Lottcrie-Jiistitut über unsere heiligsten Angelegenheiten entscheide, wurde dieser Congreß einberufen, deswegen sollen die Gemeinden ihre Autonomie hcrgebcn, deswegen sollen sie einer DistriktSgcmeindeund einer Landeskanzlei untergeordnet sein,deswegen sollen wir außer den Landes- Communalen und Gem.-CultuSsteuern, die ohnedies genug schwer auf unö lasten, noch zwei neue Iudensteuern eine Distrikts- und eine LandeS-CultnSsteuer zahlen! Addirt man noch hinzu die Zwietracht und Feindschaft, welche in Folge des Congrcßes zwischen den religiösen Parteien ausgebrochen und man kann uns zu nnsern Errungenschaften gratuliren. M. «. Roth Nach den Feiertagen. Gottlob^dic Mazeß sind zu Ende und auch die — Fastenpredigten. Beide waren zwar ganz unschädlich; dennoch waren sie ohne Salz und Kraft, beide ein wahres ׳zip לחם eine dürftige armselige Kost, die auf die Länge doch nicht gut zu verdauen wäre. Mazes und Fastenpredigten — es versteht sich von selbst, daß wir nur für uns Juden den Vergleich anftellcn — haben viel Gemeinsames, aber auch viel Berschiedencö. MazcS kommen den Juden theuer zu stehen, noch viel thcuerer sind uns immer die Fastcnpredigtcn zu stehen gekommen. Bei den MazeS am Scderabend dünkt sich jeder Jude ein Fürst סלך, in den Fastenpredigten figurirt er ebenfalls in der Regel als Geldfürst; die Mazes bleiben in der Form schon seit Jahrhunderten sich gleich, werden von keincr Kultur beleckt, auch die Fastenpredigten sind mit wenigen Ausnahmen stereotyp. Wir könnten noch viel Gleichartiges aufzählen, doch wir wollen auch ihre Verschiedenheit ins Auge fassen. Mazeß, wohl nur Wasser und Mehl, aber doch wenigstens reines, durchgescihteS Wasser, frei von jedem Schmutz, und das Mehl ebenfalls, gut durchgcsicbt und gehütet vor jeder Gährung dann gewalkt und geknetet von saubern Händen, können doch noch,den.ÄpetiL-rcizcn, besonders, wenn der Hunger sich cinstcllt und man nichts anderes zn essen hat; aber die Fastcnprcdigten, wie sic in der Residenz zu hören waren, waren z» wässerig, die Materie könnte nicht alles anziehcn, auch nicht ohne bitteren Satz und viel ringeschmuggelten GührungSstosf; die Mazeß werden gewöhnlich von Juden gewalkt, in den Fastenpredigten werden gewöhnlich die Juden selbst gewalkt: jene dürfen beim Walken nicht heruntcrhünge», diese lassen noch immer hcrabhängen —den alten Zopf. Mazeß werden nach dem Walzen durchstochen, dennoch zeigen sie, ans dein heißen Ofen hervorgcgangcn, keine Lücke n; die Fastcnprcdigten ließen selbst in der Gluth des Feuereifers große Lücken. Der jüdische Geldmann kam wohl'auf's Tapet, cS wurde aber nicht erzählt von dem Flcißc und der Ausdauer, von der Sparsamkeit und )Nüchternheit, die dem Juden eigen sind, daß er cs bis zum Geldinannc bringen kann; die jnd. Geldsäckc wurden wohl aus der Kanzel nicht vergessen, vergessen wurde aber zu erwähnen, wie oft der Jude in diese Säcke greift, um cl istlichc Arme zu unterstützen, christliche WohlthätückeitSanstaltci \\\ bedenken. Die MazrS am Scderabend erzählen durch den Mund des HauSvatcrS der ganzen Tischgesellschaft auch alle Geschichten, aber nur von dem alten Pharao, nichts von den Pharaonen des Mittclaltcrö und der jüngstvergangenen Zeit, nichts von den Quälgeistern der Neuzeit, sic lassen die Welt um sich herum •) v« ist übrigens bezeichnend, dag rin ״Zwitterdeputirter" welcher bei der Linke» jast und mit der Rechten stimmte rin gewisser ׳ Herr Brutum aus Zkomorn, in dem Rechenschaftsbericht an seine Wäqlrr allen Ernstes diese« Institut als die glorreichst« der Schöpfungen des EongreheS bezeichnete. in Ruhe und der HauSpatron ladet noch vor Beginn der feierlichen Causerie alle Hungerigen und Bedürftigen freu ndlichst ein am Mahle theilzunehmen; die Fastenpredigten Handeln von den alten Juden und von den neuen, sie lasten keinen ungeschoren und statt einzuladen, stoßen sie ab. Sollen wir auch deren Lieblingsthema ״Judenzeitung* in den Kreis unserer Bemerkungen ziehen? Nein! Aber nicht deßhalb, weil dieser Ausdruck eine BegriffSvn wechslung ist, indem man darunter ja nur Zeitung ausschließlich für Juden versteht und nicht Artikel, deren Verfasser Juden sind; sondern weil wir nur einen Maßstab für Judenzeitung haden, und das . sind die — Mazeß. Sie erzählen nur was buchstäblich wahr ist und nicht erdichtet und erlogen, sie lehrcn und impfen ein die schönsten und herrlichsten Ideen der Freiheit und Sittlichkeit. Sind nun die Blätter, welche die Fastenpredigten erwähnen, solchen Inhaltes, enthalten sie Wahrheit, klären sie das Volk über wahre Freiheit auf, mahnen sie eS dabei in den gesetzlichen Schranken zu bleiben; nur dann sind sie ja wahre Judenzeitung und wir wollen den Fastenpredigern unfern Dank für,die Anerkennung, für die Liberalität, daß sie trotz ihres katholischen Standpunktes der ״Judenzeitung" Gerechtigkeit wiederfahren lasten, daß sie öffentlich der Wahrheit die Ehre geben und die solche bel ch« renden und Aufklärung verbreitenden Blätter bei ihrem r«Hten Namen nennen. Sind die Blätter nicht von solchen Intentionen getragen, enthalten sie nicht nur Wahres, nur Sittliches, nur Freiheitliches, nur Gesetzliches, haben sie nicht dies alles aus ihr Panier geschrieben, um es hochzuhalten über Alles, dann sind sie wohl zu verdammen, aber dann sind sie keine ״Judenzeitung" mehr und die Herrn Prediger haben mit dieser Benennung sich einfach eines FalsnmS schuldig gemacht. Schließlich wollen wir noch den geehrten Lesern der ״Gegenwart," eine Preisfrage geben. Bekanntlich hat H. P. OSzacki in Krakau in seiner Predigt bei der Aufnahme des Israeliten Finger in das Christenthum dem Wiener LiberaliS» muS die Schuld in die Schuhe geschoben, daß noch nicht alle Juden von ihren Jrrthümern bekehrt worden. Nun ist es aber bekannt, wennigstenS uns Juden, daß dieser LiberaliSmuß noch ein ganz jugendliches Alter, hat und nicht von lange her sich datirt; Frage: Wie konnte H. P. OSzacki noch einen Juden taufen, wo sollte dieser in unserer Zeit noch zu finden sein, da doch alle Juden noch bevor der Li-— beraliSmuS in Wien so florirte, schon bekehrt sein müßten?— Wenn wir aber auch keine Antwort auf die gestellte Preisfrage erwarten, so erwarten wir aber doch die Beantwortung einer bescheidenen Interpellation von dem würdigen und strebsamen Hrn. Religionslehrer zu Pardubitz. Herr Lederer fordert den Lehrerverein auf zu einer i33crfamm* lnng, deren Zweck die Besprechung dreier Punkte sein soll, der 3. ist die Behandlung des Themas: Was soll der Religionsunterricht in der israel. Volksschule umfaßen und wie soll er ertheilt werden? Wenn auch ber Verein ausschließlich aus Volksschullehrern besteht, so ist cS doch für jeden, der sich nur etwas für die Schule interestirt, überraschend, zur Beantwortung einer solchen Karoinalfrage keinen Rabbiner eingeladen zu sehen. Haben die Herrn Rabbiner in Böhmen über den ReligionSunterricht kein Votum abzugeben? Verstehen sie nichts von diesem Gegenstände oder haben sie keinen Sinn dafür daß die Herren Lehrer dies bloS unter sich abmachen wollen? Sind nicht viele Rabbiner selbst Religionslehrer, welches Resultat kann der Beschluß dieser ehrenwerthen Versammlnng haben, welche Einheit kann erzielt werden, wenn dann Rabbiner, die den RelionSunterricht ertheilen, diesen Beschlüßen nicht zustimmen sollten? Herr Lederer, von dessen ernsten und ehrlichen Eifer für das Gedeihen der isr. Schule wir unS überzeugt hatten, wird gewiß so freundlich sein, anzugeben, was ihn bewogen hat, diese wichtige in das Judenthum so tief eingreifende Frage ohne Zuziehung der Rabbiner lösen zu wollen. Sch. ,1 wt«

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