Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 7 (1.4.1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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63 Der kennt nicht bk sogenannten Inspektionsreisen, welche die ehrwürdigen Herren degenannten Institutjahrein, jahraus unternehmen? Kein Dorf und wenn enur einen jüdischen Insassen zählt — der nebenbei ge« sagt, gerade kein Solon sein muß, wenn er nur mit Krösus etwagemein hat — wird bei diesen Strcifzügen unberührt gelassen und gerade auf diesen Reisen pflegen sich die Herren diesechrcnwerthen Collegium in ihren, schönsten Lichte zu zeigen. — Denn um sich für die solenne Aufwartung und die gastfreundliche Aufnahme, deren sich ein solcher Missionar von Seiten seiner Gastgeber״ zu erfreuen hat, nicht undankbar zu zeigen, darf man nicht verfehlen — und selbst auf die Gefahr hin mit der hohen angetretenen Misiion in Widerspruch zu gerathcn — den Ton anzuschlagcn, der den Gehörnerv des Gastgebers und seiner Ehehälfte angenehm kitzelt und in deren Lied cinzustimmm, dessen Grod eben gegessen wird. — lind findet sich bei dem Hof- - - Pächter oder WirthschaftSbesitzcr gerade nicht alles — כדת משד, וישראל pflegt man gern ein Auge zuzudrücken; denn es lässt sich leicht darin ein Verdienst suchen, daß nicht beide geschlossen werden müssen. — Solchen. DankbarkeitSgrfühlcn könnte man cs Haupt-- sächlich zuschrcibcn, wenn mit dem Erthcilen des sogenannten Schlächterdiploms so leichtfertig und freigebig verfahren wird. Wahrlich, wie die Giftpilze der Erde, so könnte man sagen, entspringen in neuester Zeit die Schlächter dem bloßen Willen einzelner Herren Krrisrabbinrr. Und so fuhrt jeder Tag der ohnehin schon genug großen Schlächtcrzunft Dutzende neuer Mitglieder zu, als gelte eö'für irgend ein erhabenes Werk zum allgemeinen Wohle der Menschheit Propaganda zu machen. Beim Ertheilen dieser Schlächterprivilegien pflegt aber selten wählerisch vorgegangen zü werden; denn oft begegnet 2 man mit diesem Amte betrauten Individuen, deren Lebens- Wandel nicht eben musterhaft zu nennen ist und die nach dem allgemeinen Grundsätze: הכל שוחטץ רוץ מחרש שוטה וקטן trotz ihrer Kenntnis des theoretisch-praktischen Schächter dort ein Sopha, rechts und links ein halb Dutzend Stühle, in der Mitte ein Tisch, eingerahmte Bilder gucken zwischen ein Kcröll alter Hausgeräthe, Töpfe, Tiegel, u. st״ w.hervor.E^ fehlt an nichts, was der bescheidene Sinn begehrt. Neue Kattune, abgetragene Damenkleidcr, krummgrbogcne Krinolinen, Hanseaten-Uniformen, Brillen für alle Augen u. s. w. Schuhe und Stiefel, auSgeflickte und auSgcwichstc Sorte, sind ohne Ucbcrtrcibuug zu Tausenden vertreten. Sie liegen haufenweise anfgcschichtet oder hängen zu Dutzenden, an Haken befestigt, vor den Kellerwohnungen der Judcnbörsler; daneben, in innige»! Zusanuncnsein, glänzen baby- Ionisch aufgethürmtc Massen von Flickflccken, abgcriflencn Bändern Schnüren, Borden u. st w. ״Kuddelmuddel I Kuddelmuddel!" schreien die Inhaber der Lumpensanunlungrn den ganzen Tag hindurch, und dabei heben sie mit den Händen, ivie uir Ansicht repräscntirend, die verschössenen Haubenbänder und die besicrn der alten Scidcuschnüre in die Höhe, laßen sie durch die Finger rutschen wie glatte Aale, fangen sie auf während des Sinkens, lasicn wieder die Rutschpartie beginnen und schreien dabei immerfort; ״Kuddelmuddel! Kuddelmuddel I" das heißt so viel wie zusammengewürfelter Kram, Alles untcrcin- Zander. Wenn man einen Arbcitsmann mit einem Rocke unter dem Arm gehen sieht, und es fragt ihn rin Anderer, wo er denselben gekauft habe, kann man der Antwort gewiß sein: ״Dp de Judenbörs." Mütter, die ein Rudel Kinder haben und darum billig kaufen müsien, gehen ״op de Judcnbörs." Fabrikmädchcn, Plätterinnen und die Landbewohnerinncn, sie entnehmen ihren Putz ״op de Judenbörs" Sie hat die billigsten Kleiderhandlungcn, die billigsten Möbelhandlungrn. Sin zwölfjähriger Junge hat hier mehr LebenSpraziS, mehr Weltklugheit als ein in Amt und Ehren grau gewordener Univerl sitätsprofeflor. Einen Blick in unser Auge und er weiß, mit wem 1 nach denstDhek Israel gewiß eher zu allem Andern al» zu diesem Amte befähigt sind. — Denn wenn sie auch mit zwei Ohren begabt sind, so pflegst die Stimme des Glaubens doch selten Gehör bet ihnen zu finden. Oft zentnerschwer am Gewicht, pflegt ihr Sinn doch federleicht zu sein und wenn sie an Körpergröße dem Herkules nicht nachstündcn, findet man sie am Eha« rakter oft sehr klein und,, niedrig. — Jünglinge, dem Knabenalter kaum entsprungen, W irthschafter, sogenannte HauSjungcn, die, von Arroganz und Ignoranz, überfüllt, allem Menschlichen und G ö t tl i ch c n Hohn sprechen, denen nicht selten das Riem - und Sattelzeug der Zngthiere statt der Zizis. und Tephilin und der frivole Scher; mit irgend einer niedrigen Stalldirne statt des Gebetes zu dienen pflegt, sicht man häufig mit die! n Schlächtcrprivilegicn Misbrauch treiben. — Wenn cs sich bei diesem Amte nur um das Befördern vom Leben zum Tode oder nm das Inshandwerkpfuschen jedem Alltagsmetzger handeln sollte, dann soll das löbl. KreiSrabbinat seine Stimme erheben und gegen die srevelnde Feder den Banustrahl schlendern, die cs wagt, die Mängel eines so heiligen Institutes "so nachsichtslos zu entblößen; die aber immerhin zur Rechtfertigung entgegnen könnte: ״Die Wahrheit gilt mirmehr als Plato und Ari« stotcleS." Freilich, könnte hie und da einer der ehrwürdigen Herren gleichsam zn seiner Rechtfertigung die Frage anfwerfen: Habe ich nicht auf meiner letzten InspectionSrcisc einem derartigen Individuum die Fähigkeit zu einem solchen Amte abgesprochcn, weil ihm trotz der von meinem AmtScollegen £. demselben ertheiltcu קבלה nicht nur jeder Funke von theoretischem Wissen auf diesem Gebiete abgegangen war, avcr auch, weil er von mir zu leichtfertig befunden wurde?— Alle Hochachtung, ehrwürdiger Herr! Aber bitte nicht zu vergessen, daß Ihnen von Ihrem Herrn AmtSgcnossen L. jüngst ebenfalls ein solcher Dienst erwiesen wurde. — Diese und derartige Unkonsequenzen sind die Brand rakctcn die in das Lager unserer Religion von den eigenen er es zu thun hat, welche Saiten er aufzuzichen, welche UcbcrrcdungSkünste er anznwcndcn^iat.Ec hängt sich wie eine Klette unS fl»T er hält uiwamRockzipfel fest, schreit u»S die Ohren von der Güte seiner Waarcn voll. Diese letzteren sind immer ״direct ans Paris," oder ״ganz neu auf der Leipziger Messe eingekauft." wir können uns nicht loswinden von ihren Händen, wir müsien zurück an ihre Waarenlagcrstättc, wir müsien Einsicht »ehinen von Allem, was er ״Neues״ und ״noch nie Dagewesencs" Kat, und ist nichts darunter, was unsere Kauflust erregt und uns den Beutel ziehen läßt, packt er ruhig seinen Kram wieder zusammen, wirft unS einen nichtssagenden, gar nicht bösen, gar nicht unwilligen Blick zu, sondern kehrt u»S nur den Rücken und probirt dasselbe Manöver an einer andern Person. Ein christlicher Haukrer würde hinter unS herfchiinpfc», ein jüdischer thut dies nie. Denn er verfolgt das richtige Princip: derselbe Mann, der mich heute nicht in Nahrung setzt, kau», erfreut durch die Bereitwilligkeit, mit der ich ihm meine uv» gezeigt, ein ander mal doch etwas brauchen, was mir ei» Stuck lKeld einbringt. Wir haben cs in dieser Börse mit raffinirten Köpfen zu thun, sic ״beschummeln" vor unser» Augen, es heißt dies nicht ״betrügen," sondern sie verstehen darunter t^cschäftsprazis. Sie kcnnen nur einen Lebcnsfactor, dies ist der Prosit. Sie wollen nicht» geschenkt, sie wollen nichts unverdienterwcise haben. Sie geben alle« auf ZinS und nehmen auch nur Alles auf Zinsen. Sie rühren keine Hand an für Etwas, da» ihnen nichts einbringt, sie lieben nur die ״kleinen Gefälligkeiten" und verlangen auch von ihrem Nächsten nicht» BeffereS. ES drilckt sie. bei rrwiesenen Diensten ewig dankbare Schuldner zu sein, sic suchen sich abznfinden. je eher desto besier für ihre Ruhe; sie wollen sich gefällig erweisen in allen Nöthen und Dingen. In der Hainburger Börse können wir LebenSphilosophie studiren. * 1 1