Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 7 (1.4.1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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«2 Wahlen für die politischen Gemeindevertretungskörper maßgebend bleiben muß, in zweiter Richtung aber der bisherige Modus als ein entschieden freisinnigerer sich darstellt und gerade durch dessen Festhaltung die Möglichkeit gewahrt wird, den von der großen Mehrheit der Gemeinde gewünschten Persönlichkeiten trotz aller Agitationen den Ehrensitz zu sichern. Für die Richtigkeit dieses Vorganges sprechen Erfahrungen sowohl in unserem engeren Kreise als auch bei Wahlen im politischen Leben. ad III. DaS Verlangen, bah von nun an bei der Wahl der Repräsentanz nur einfache (soll wohl heißen: „absolute") Majorität und nicht wie bisher die relative maßgebend sein und da-, wie sich dieübrigens bei Annahme des Prinzips der abkoluten Ltinnnenmehrheit von selbst versteht, die Ersatzmänner weg. fallen sollen, so daim Falle als ein Rcpräsentanzmitglied als solche» sein Mandat niedcrlegt oder mit Tode abgcht, eine Neuwahl für die erledigte Stelle stattzufinden hätte, wurde als ein zweckentsprechendes und nach den gemachten Erfahrungen wohl bc> gründete» anerkannt, weßhalb die mit der Revision des Wahlstat,«, tes betraute Kommission cö nicht unterlassen wird, deniselbcu gebührendc Rechnung zu tragen. Was den Aufschub der Wahlen anbclangt, so konnte darauf nicht eingegangen ivcrdcn, jedoch wird die hochortige Gcnehmigniig degeänderten WahlmoduS sofort nach der nächsten Sitzung angesucht und angestrebt werden, dah die Erledigung noch rechtzeitig vor der bevorstehenden Ergänzungswahl hcrablange. Ich behalte mir vor, Euer Wohlgeboren von den Beschlüssen der nächsten Sitzung Mittheilung zu machen und zeichne hochachtungsvoll Prag am 22. März . 1869. Präses-Stellvertreter. Dr. Wiener m. p. (folgt die ZustcllungSadresfc.) * * * Eine Erledigung, die im Punkt II das Gepräge der Selbstüberhebung der Repräsentanz, der Herabsetzung einer ganzen Gemeinde, durch die die Repräsentanz entstanden ist, an sich trägt und eine Sprache führt, wie sie nur von jenen zu erwarten wäre, die man mit .anmaßend" bezeichnet, eine Ltznliäw Erledigung dürfte noch Niemanden zu Gesichte 11 1 .. .1 dr», RührrndrS. Wenn ich sic erklingen höre, diese hebräischen Gesänge, wird mir so weh umS Herz, c» ist als tauche daS untergegangcne Volk aus feinen Gräbern auf, es ist als sehe ich Jcrusalem erstehen, al» hörte ich die Pauken und Trompeten des jüngsten Gericht» ertönen und al» stürzten die Mauern ZionS znsammen. Der altjüdische Glaube, wie er noch im Hainburgcr Judenviertel und speziell in den Etrasien der Judenbörse bcibehalten, birgt eiuc Romantik in feinen herkömmlichen Gebräuchen, die unS die Pietät und Eingebung bcgreistich inachcn, mit welchem der jüngcre Nachwuchs de» alten Geschlecht» immer noch an den väterlichen Sitten hängt. Da» Umhängen der Leichcngewänder in der „langen Nacht,', die vielen Hundcltc von Geistergestalten mit bcdeckten Häuptern vor ihren Betstühlen in sich versnnken, stehen zu sehen, da» geräuschlose Auftreten der Ankonuncndcn in ihren Tuchschuhen — all die» erweckt sanunt den murmelnden Franengesichtern hoch oben hinter abgrschlosienem Eiscngitter, in einem poetisch gestimmten Gemüth seltsame Gefühle, cs erweckt Gedanken an ein unbcstimintcS, unbegränztc» Etwa»; versunken ist unS die Welt,- in drii düstersten Klängen geht unsere Seele auf, Sehnsucht nach einem neuen AuSzuge au» Egypten erfaßt un», nach all den Gefahren und Abenteuern, die Mose» Kinder einst durchgemacht. Wir chcn die Judith mit dem blutenden Haupte deS Holofernes vor stehen, wir versenken un» im Geiste in die Hrldenkämpfe der bäer, wir sind nicht inehr unser Selbst, wir sind rin Glied ihr» Völkerrasie, die ihrem Gotte trotz Schweinefleisch und > treu geblieben — ach ja. rin Stück jener Gottesfurcht, aubensschauders vor den Strafen bis ins dritte und vierte gekommm sein. Nachdem die Pachtgesellschaft der Repräsmtanz durchausihren .Ehren"sitz gesichert haben will, und jedem den Handschuh wirft, der nur Gelüste nach diesem Ehrensitz hat, bedarf die Erledigung keines weiteren CommentarS. Wie man sich aber unterstehen kan», in Punkt III den Wortlaut .einfache" mit .absolut" deuten zu wollen, können wir kaum begreifen und wir muffen unS dieses in folgender Weise erklären in der jenes Wort von den Wortführern der Repräsentanz ansgefaßtworden sein mag: ..Wir verstehenden Ausdruck einfach so gut als die Herren Petenten, nur könnte unS bei einfacher Majorität ein Gemeindemitglied in die Repräsentanz kommen. daS uns den ganzen Spaß verdirbt, und das mögen wir nicht. So begriffsstützig sind wir denn doch nicht, um zwischen .einfach" und .absolut" nicht den Unterschied finden zu können."" Bei einer solchen Stilisirnng einer Erledigung, wie wir sie einem Untergyinnasiasten nicht einmal zumuthcn dürfen, must eS uns nur befremden, daß der Advokatenkammer-Präsident Herr J. U. Dr. Friedrich Wiener seine Unterschrift au derselben verschwendet hat. Das Kreisrabbinat und das Schlachteramt. »Die Lust zu reden kommt zur rechten Stunde, und wahrhaft fließt das Wort au» Herz und Munde." (Göihe.) Gar vieles ist über dieses unliebsame Thema schon gesprochen, geschrieben und gedruckt worden — der Kopf schwirrt einem, wenn man daran denkt — nnd doch ist bisher nichts dadurch bezweckt worden, als daß Worte verschwendet, Druckerschwärze vergeudet und das Kreiörabb inat in ein Licht gestellt wurde, wodurch dieses Institut zu allem eher als zu Ehren gelangt. — Ein Correspondent hat in einer frühcrn Nummer dieses Blattes die Behauptung ausgesprochen, daß wenn vom KreiSrabbinat in Böhmen irgendwie oder irgendwo die Rede ist, so erwarte jeder von vornherein eine Schmähung. Aber nein^eS soll dießmal keiner solchen gelten, d. h. nur insofern angeführte Thalsachen sich nicht mit Schmähungen idcntificiren lassen können, wenn mau sich deS bekannten Spruches, erinnert: ^Rach ihren Thaten sollen sie gerichtet werden." — Glied schleicht sich in unsere Seele, wir sind froh, wenn die „lange Nacht" zu Ende und wir wieder frische, von Christen und Juden zugleich in Anspruch genommene Luft schöpfen können. Für die weniger strcngläubigen Juden hat die lange Nacht einen mehr förmlichen Charakter, sic beten inechanisch und wünschen im Stillen die Effcnsstundc herbei. Ich habe gesehen, daß ältere Juden vom Fasten und Beten während der ganzen Nacht hindurch so kraftlos waren, daß sie sich von der Sqnagoge in Droschken nach Hause fahren ließen. Aber sie wollen ihre Gebote halten, und kommen der Erfüllung buchstäblich nach. Eine eigene Feierlichkeit ist auf den Gesichtern der Israeliten, wenn sie ihre Festtage haben. Im Werttagsleben fließe» die Jntereffen von Juden und Christen so ziemlich zusannne», sic haben ein Bcdürfniß, einen Gedanke», ein Ziel: das deS Gewinnes; aber der SchabbcS trennt sie auf vicrundzwaiizig Stunden streng von einander, und der Dümmste selbst umgibt sich an eincin solchen Tage mit einem Rimbus von SyiiagogciiwciShcit und schlägt mit feierlicher Miene da» hebräische Gebetbuch auf. Hebräisch nämlich verstehen die Wenigsten, aber in der tobten Sprache geschriebene Gebetbücher haben sie Alle. Das ist einmal Brauch und Sitte. Ein mühseliges Leben führen die die Judenbörse bevölkernden Israeliten. Frau und Kinder müssen ihre Kräfte aufbietcn, um zum, Lebensunterhalte beizutragcn. Sic haben Alle» und Jede» in ihr'geschäftliche» Bereich gezogen. Selbst als Heiratsvermittler kündigen sie sich an. Sie sorgen für complete Hausstände, und gehen Brautleute nur zu einem solchen „Börsrnbewohner" : direkt auf der Sttaße hat er die Möbelgegenstände aufgepflanzt, hier dal Bett,