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Die Gegenwart · 1869-03-01 · 5 (1.3.1869) · p. Seite 44

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
5 (1.3.1869)
Date
1869-03-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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anerkannt. Es ist dieß derselbe Standpunkt, welcher von dem zum königl. Commissär, behufs Untersuchung der Kaschauer Gemeindestreitigkeiten, ernannten, im Congreffe zur Fortschrittspartei gehörigen Rabbiner M. Hirsch aus Altofen vorgeschlagen und von Sr. Exc. dem CultuSministcr acceptirt wurde, in Folge dessen das Gesuch der Kaschauer GemeindeminoritLt, weil nicht im Schulchan-Aruch begründet, abgewiesen wurde. Der andere von uns als naturrechtliche bezeichnete Standpunkt steht dem Prinzipe der freien Kirche im freien Staate am nächsten, er stellt die Berechtigung eine« wie immer gearteten Zwange« in Abrede, läßt die unbedingteste Freiheit hinsichtlich deS Gemeinde-Verbandeö walten, er anerkennt weder ein bestimmtes Gesetz wie den Schulchan Aruch als Grundlage der Gemeinde, noch ist ihm die „Gcmeindeeinheit" ein unantastbares Dogma, nach diesem Standpunkte ist die Befriedigung deS religiösen BedürfnißeS das einzige und maßgebende Moment zur Bildung und Erhaltung der jüdischen ReligionSgemeindc, ohne Rücksicht darauf, welcher Art diese religiösen Bedürfniße sind und auf welche Weise sie befriedigt werden. Die voreiligen Vcfcr glauben nun ganz unfehlbar daö Richtige getroffen zu haben, wenn sie ersteren Standpunkt als den der Orthodoxen, letzteren als den der Liberalen annehmen. Fehl geschossen meine Herren! Sie f)a* hrti hif „ngnrischtttp,,grfß^gik q„f welcheziirü^znknmmkn i ich noch mehrmals die Ehre haben werde, nicht studirt und dürfen daher nicht voreilig rathcn. Das ungarische hochorthodoxe Organ „Magyar Zsidö“ kämpfte beinahe ein volles Jahr bis zur Eröffnung des Eongreßes, fast ausschließlich für eine liberale Gemcindcversassung ohne Grundlage deS Schulch.-Aruch ohne .^inhcitSzwang." Die Organe der Fortschrittspartei schwuren hoch und theuer, es gäbe in ganz Ungarn keinen Israeliten, der nicht den Schulchan-Aruch wenigstens im Prinzipe anerkennt, cs falle Niemanden ein und dürfe auch nicht cinfallen, den Boden des mosaifch-rabbinischen JudenthumcS anzuzwcifcln und ohne die Gemeinde- Einheit in einem Orte sei ein jüdisches Gcmeindewcsen gar nicht denkbar. Um diese Verkehrtheit in ihrem ganzen Umfange zu erfassen, möge man bedenken, daß die Fortschrittspartei in ihrer Ansicht, daß beim Eongrcsse daS MajoritätSprincip zur Geltung kommen müßc. verharrend, jede auch nur im entferntesten das religiöse Gebiet tan« girendc Frage außerhalb der Eompetenz deS Kongreßes erklärte, consequentcr Weise nur den liberalen Standpunkt in der Gcmeiudcfrage hätte einnehmen könncn. da sie sonst uolcus voluns —wle dies auch thalsächlich geschehen ist — bei der Definirung des Begriffes „jüdische Rcligionsgcmeinde" das religiöse Gebiet berühre» müßte. Da« Hauptargument, welche» für den „Einheitszwang" vorgcbracht wurde, war, daß die Zwcitheilung der Gemeinde» — zum Schisma führe, was von der großen Menge um so gläubiger nachgebctet wurde, als der Vertreter dieses Prinzipe«, der Redakteur de» '„Magyar Zsido“ in der Thal anfangs in der Konferenz der Vertrauensmänner ein förmliches Schisma befürwortete. Unserer Ansicht nach sollte dies schon zu den „überwundenen Standpunkten" gehören; denn nicht nur ist das angeführlc Argument nicht stichhältig, sondern cs spricht gerade gegen dasjenige, was es beweisen wollte, wir behaupten zuversichtlich: fall« sich die Inden Ungarn« und Siebenbürgen« zu eili c m gr ^ß^z»^G?^am intkörpcr organisiren u»d zwischen dknsclbcn solche^Mei nungsdiffcrcnzcn obwalten sollten, welche möglicherweise zu einem Schisma führen könnten — denn ist die« nicht der Fall, so >st eine schismatische, Theilnng. selbst wen» der eine oder der andere Theil sich mit einer chinesischen Mauer umgeben sollte, nicht :u fürchten — ist die Dezentralisation, da« g r ö ß t in ö g I i ch st c A u « in a a ß der den einzelnen Gliedern gewährten Freiheiten da« einzige und si ch c r st e M i t t cl da« L ä, i s m a zu verhüt he». Um diese unsere Ansicht zu erhärten, weisen wir nur auf die jüngste Geschichte der österreichisch - ungarischcnMonarchie hin.Da behauptete» auch die Zentralisten, verschiedenartige heterogene Elemente der Monarchie wären nur durch Zentralisation zusammenzuhalten, durch Dezentralisation werde das Reich in seine Atome zerfallen. Die Erfahrung hat diese Ansicht aufs enschiedenste widerlegt, sie hat gezeigt, daß eine sttamme Zentralisation heterogener, einander abstoßender Elemente zum Zerfalle und zur Auflösung führt und nur^dadürch, daß den einzelnen Theilen innerhalb des Reichsverbandes Gelegenheit und Spielraum gebothen wird, ihre Individualitäten zur Geltung zu bringen, durch Dezentralisation die Monarchie zusammengehalten und zu einem starken lebenskräftigen Körper gebildet werden kann und was sich dort im Großen bewährt hat, paßt hier im Kleinen auf einHaar. Und was geschah nun nach Eröffnung des CongreßeS? Eines schönen Morgens erscheint ein Blatt deS „Magyar Zsidö“, in welchem uns angezeigt wird, daß der bisherige Kampf gegen den „Einheitszwang" aufgegeben werde — der Redakteur Herr Sigmund Kraus wich der von beidm Seiten auf ihn geübten Preßion und stimmte, zu unserem Bedauern, gegen seine tiefere Ueberzeugung, aus Oppsrtu« nitätSgründen in den nun allgemeinen Chorus der Gemeindeeinheit mit. Die beste unabweiSliche Folge davon war, daß sich der Congreß hinsichtlich der Competenz-Frage in eine Sackgaffe verrannte, da in allen Elaboraten die „Gemeindceinheit" als oberstes Prinzip hingestellt, mußte man follage definiren — und man steckte mit beiden Füßen schon tief in der Religionsfrage. Es ist wahrhaft komisch, wie der Präsident sein gegebenes Versprechen darüber zu wachen, daß keine Rcligionsfragcn zur Sprache kommen werden, zu erfüllen trachtete. Schon in der Generaldebatte, wenn ein Redner über die ersten §8 der Elaborate sprach und bei Hervorhebung des Unterschiedes des Entwurfes der Majorität, ' welche das religiöse Bedürfniß und den der Minorität, welcher den Schulchan-Aruch als Grundlage des Gemeindcstatuts darstellt, das Wort „Schulchan-Aruch" erwähnte, schellte das Präsidentenglöcklein als ob eS von einem electrischen Schlage getroffen worden wäre, worauf die stereotype Phrase deS Präsidenten folgte: Ich ersuche den Herrn Redner dieses Buch nicht zu erwähnen, da der Congreß nicht kompetent ist, über religiöse Dinge zu verhandeln." Damit man uns nicht etwa beschuldige, daß wir die Berichte tendenziös färben, geben wir hier einen wörtlichen Auszug aus dem „Pester Lloyd" aus der Sitzung vom 5. Februar, „Rabbiner Weiße bemerkt vor Allem, daß die „Freiheit des Menschen, der freie Wille zu denjenigen Hei- „ligthümern gehöre, welche die Thora enthalte" („ES ist „dies eine Erwiderung' auf die Behauptung eines Rab- „biners! daß Schulchan-Aruch und Gewissensfreiheit einander „ausschließcn!") „Wenn.Redner kommt auf die „Entstehung deS Schulch.-Aruch zu sprechen, wird hierbei „jedoch von dem Präsidenten mit der Hinweisung darauf, „daß dieß schon an daS religiöse Gebittstreife zur Ordnung gern- „fcn. Rabbiner Weiße entgegnet darauf, daß die ersten Para« „graphe beider Entwürfe, doch die religiöse Gemeinde bchan- „dclit und da diese Paragraphe schwarz auf weiß gedruckt „stehen, so sehe er nicht ein, wieso da« religiöse Gebiet ein „noli me tangere sein könne. Er sei ja nicht im Stande „diese Paragraphe zu besprechen, wenn er absolut das religiöse Gebiet vermeiden müße, Präsident: Wie Sie daS „anstellen ist ihre Sache. Ich muß Ihnen das Betreten „des religiösen Gebiete» verwehren, wie ich eS auch bei den „Rednern der andern Seite gethan." u. s. w. Also der Präsident kann es nicht in Abrede stellen, daß die ersten 88 ein religiöse« Moment enthalten, nur sprechen dürfe man da-- rüber nicht! da haben Sie wieder Congreß-Logik, weil der Congreß in religiösen Dingen incompetcnt ist, ergo müßen die Beschlüsse über Religion en bloc angenommen werden. In einer Synode könnten die Beschlüsse einer DiScussion unterzogen werden, der Congreß aber ist incompetent, daher 18*" er Beschlüsse über RcligionSangelcgenheiten von seinen Co Missionen dcerctiren. Widersprechen, Gott behüte, über " ligionsangelcgenhcitcn darf nicht gesprochen werden, der C-

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