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Die Gegenwart · 1869-03-01 · 5 (1.3.1869) · p. Seite 42

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
5 (1.3.1869)
Date
1869-03-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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1 42 fast zu sagen, die intelligenteste israelitische Bevölkerung in Len vsterreich. ungarischen Ländern, sind theildurch historische- Ueberkommen, theildurch die politischen und geographischen Verhältnisse viel zu sehr von den kosmopolitischen TageSfragen occupirt, um noch solche, die speeifisch religiöser Natur und geeignet sind, dem Frieden in dm Gemeinden einen offenen Krieg zu erklärm, auf ihre Schultern zu laden. Der Friede, der alein den wechselseitigen Verkehr umschlingendes Band, die hie und da von einander abweichenden Religion- Anschauungen nicht bitur totalen Divergenz bringt, .ist eben ein integrirender Theil der jüdischen Religion, und so dieser Friede gelockert oder gar gestört würde, wäre an eine Verschmelzung der Ideen nie zu denken und da- Resume wird Zerklüftung und Zwiespalt hervorgerufmer Partheien, die heute in Böhmen verschwindend klein find. Die böhmischen Israeliten im Vergleiche zu denen beispielsweise Polens oder Ungarns stehen auf der Höhe der Cultur, die von sich da« Gewand alter Gewohnheiten von selbst abgestreifd haben und noch abstreifen werden, ohne daß je eine Synode ihnen Gesetze octroirt hätte, und der böhmische Israelit« geht unter den vielen Wegen, die ihm Gott, die Natur, die Vernunft vorgezeichnet, eben den Weg, der ihm auf Grund des ihm von Gott verliehenen freien Willens als der beste dünckt, und wenn auch die verschiedenen Bahnen der Anschauungen, einem Schienennetze gleich, von einander abweichcn, sie finden in Einem Punkte dennoch ihre Vereinigung. _ ES möge von den Herren Philipsohn, Adler und Consorten ——■——— all in ähnlichen Füllen ähnlich gewirkt haben smögen. Sein Groß, vater, der geborene Italiener verkehrte wenig mit seinen englischen Glaubensgenossen und war im besten Falle gleichgiltig gegen sie; die Triebfeder deS endlichen Bruches war seine Gemahlin. „Meine Großmutter," sagt der Minister-Präsidcnt, „die schöne Tochter einer Familie, welche viel durch Bersolgung gelitten, hatte jenen Widerwillen gegen ihre,» Stamm ringcsogcn, den die Ehrgeizigen nur zu sehr geneigt sind, zu fassen, nachdem sie die Erfahrung gemacht, daß ihre Geburt sie zu einer niederen Stellung in der Gesellschaft vrrurtheilt. Daö Gefühl der Erbitterung, das eigentlich dem Verfolger allein gelten sollte, wird, wo die Empsindlichkeit bis zu eimm gewissen Grade gereift ist, nur zu oft an den Verfolgten ausgelassen. und die Ursache der Verletzung, die man empfindet, wird nicht sowohl in der Bornirthrit und dem bösen Willen deS GegnerS, al« in der Ucberzcugung und dem Gewissen deS unschuldig Leidenden gesucht." Es dauerte jedoch dieser innere Widerspruch in der Familie DiSraeli siebzehn Jahre, bis dieselbe den Entschluß faßte, ihr bisherig;- religiöses Band aufzngrbcn. Im Jahre 1782 fand ihr Uebertritt zum Ehristenthume statt. Benjamin DiSraeli, der Großvater, war inzwischen zu einem für die damalige Zeit sehr großen Vermögen gelangt und erwarb in der Nähe von London ein Gut, daS er mit einem Park im italienischen Geschmack auSstattcte, und wo er im achtzehnten wie in» neunzehnten Jahrhundert, seine vornehmen, seine literarischen und seine künstlerische» Freunde (Sir Horacc Mann George Eanning. Charles Lamb, Coleridge u. A.) empfing, italienifchc Canzioncttcn sang und (nach der Darstellung seines Enkels) „trotz einer Gattin, die ihm niemals seinen Name» verzieh, und eines SohncS, der alle seine in Bezug auf ihn gemachten Finanz. Pläne vereitelte, eines langen ungestörten Glückes genoß. Jur Jahre 1817 starb er. fast neunzig Jahre alt, mit Befriedigung auf sein umfassendes Leben znrückblickcnd." Der vorgedachte Sohn deS älteren Benjamin DiSraeli, „dem Vater bis zur letzten Stunde seines Lebens ein Räthsel," war Isaak DiSraeli, einer der liebenswürdigsten Literaten und Kulturhistorikcr, der Verfasser, der in zahlreichen Auflagen über England, Amerika und die ganze ftulturrcclt verbreiteten wCuriosities of Literature,“ die einen wahren Schatz von Belehrung enthalten und die obwohl ihr wissenschaftlicher Standpunkt durch dir Forschungen und Entdeckungen des letzten Drittel-Jahrhundert» weit überholt ist, noch lange eine LicblingSlecturc und ein Nachschlagcbuch der Engländer bleiben werden. Isaak DiSraeli starb im Jahre 1848, 82 Jahre alt. auf seinem Landsitze Bradenham in Buckinghamshirc, wo der I recht löblich gedacht sein, der jüdischen Religion einen neuen Schnitt zu gebm, sie wie der taiUeur de mode nach einem neuen Schulchan-Aruch Journal, der Zeit und dem Culturgrade anpaffend zu machen, haben sie jedoch darüber nachgedacht', daß Epigonen die Philipsohn Adler'sche Mode wieder umstoße» könnten, veil diese mit ihrer Zeit nicht mehr parallel laufen würden? Dieser Gedanke würde in der That die erhitzte Masse in der Phantasie etwaabkühlen , die reformatorischen Gelüste ein wenig abschwächen und die neuen Ideeneroberer zu dem Entschluffe führen, die reformatorische Diktatur nicht für sich in Anspruch zu nehmen, die heute weniger an der Tagesordnung ist als vor 400 Jahren. Recht schön mag sich davon den modernen Religionscäsaren entworfene Bild machen, wir halten es nur für ein solche-,-dasich durch die Brechung der Lichtstrahlen auf einer Seifenblase formirt, die plötzlich vor dem Auge de- Beobachters zerplatzt. Edürftm wohl unter den böhm. Israeliten solche geben, welche eine recht-gläubigere und widerum solche, .welche eine aufgeklärtere Richtung in ihren Religion-begriffen einschlagen, glaubt man etwa durch eine Synode oder ein durch dieselbe erfolgte- Octroi diese freiwilligen Denker auf einen andern Weg zn lenken? Wahröse Kluft zu schaffen, die gottlob heut ein Böhmen noch nicht existirt, oder einen Vulkan zu kreiren, deffen Krater Zwietracht und Feindseligkeit in feuerströmender Lava spuckt. Die Conscquenzen einesolchen Concilkönnen leicht einen Congreß in unserem Baterlande zur Folge haben, der gleich dem in junge Benjamin DiSraeli, unter Erinnerungen an John Hampden, den großen Verth eidiger der Volk-rechte und der parlamentarischen Regierung deffen Tochter einst Besitzerin diese- Gutewar, aufgewachsen und erzogen worden ist. ES waren inzwischen nicht die politischen Nachfolger John Hampden'S, sondem die aristokratischen ToricS der Grafschaft, mit welchen der Verfasser der OuriositieZ ok I^iterature hauptsächlich verkehrte, und so machte sich auch der junge DiSraeli bereitftüh mit den Prinzipien der englischen Conservativen vertraut, deren sittliche und Rechtsanschauungen allerdingS nicht mit denen der Partei, welche sich in Preußen und Oesterreich „conscrvativ" nennt, verwechselt werden dürfen. Benjamin DiSraeli. wiewohl er als Politiker, wie alS Roman-Schriftsteller, seiner Vorliebe für dahistorische StandeSrecht und die überlieferte Romantik deS Mittelalterstet» treu gebliebem hat doch auch niemals seine Anhänglichkeit an die Volksrechte und" an die Freiheit Altenglands verleugnet. Ebensowenig hat er jemals die Schwäche gehabt, sich seiner jüdischen Abkunst zu schämen; vielmehr bezeigen sowohl sein .EoningSby" und andere seiner schriftstellerischen Arbeiten, alS feine Abstimmungen im Parlament, sowie seine Wirksamkeit im Derby-Ministcriuni, dem er angehörte, daß er die seit zwei Jahrtausenden über daS Volk, auS welchem daS Ehristenthum hervorgegangen, gehäufte Schmach und Schande tief empfunden, und zu dem humanen Bestreben der Zeit, dieses Unrecht gut zu machen, redlich daS ©einige gcthan hat. Der Großvater deS Großkanzlers, der auS Italien in England eingewandcrte Sephardi, obwohl der Gründer deS RufeS der DiSraeli in diesem Lande, mag doch bei seinem Ableben vor einem halben Jahrhundert noch keine Ahnung von dieser Richtung und Stellung seines Enkels gehabt haben. Ihn hatte eS geschmerzt, daß sein Sohn nicht in die HandelSfußtapfen seiner Borfahren hat eintreten und dadurch die Familie zu noch größerem Reichthum hat bringen wollen. Sohn und Enkel des alten Benjamin wußten sich auf andern Wegen größere- Ansehen zu erwerben, alman dukch bloße Rcichthümer zu erlangen vermag. An die Stelle der Di-raeli S und der am Londoner Geldmartte biS dahin herrschend gewesenen sephardischen Namen traten die NothschildS, die GoldfmithS u. s. w., und daS Seeptcr de» GeldfürstenthumS der Lon- ‘ doner Börse ging auS ,den Händen der spanisch portugiesischen in die der deutschen Israeliten über. „GS war die» nicht unsere Bestimmung," sagt mit ironischer Bescheidenheit der jetzige Premierminister Englands in den LrbenSabriffen, die er von seinem Großvater und seinem Vater geliefert hat,

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