Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 4 (15.2.1869)
- Date
- 1869-02-15
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4890378-5433914-5433955--231-4890582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 schlagen. Höchstenkönnte der Vorwurf eines unmodernen Vorganges die Gemeinde treffen und eS drängt sich die Frage auf: wenn eine moderne Gemeinde mit einem unmodernen Rabbiner keine glückliche Zusammenpaarung ist, ist sie glücklicher, wenn eine unmoderne Gemeinde nach einem modernen Rabbiner greift? Die moderne Zeit von , einem, halben Jahre wird die Antwort auf die Frage geben. —Sch.— Lin Wort über Werth und Wesen-er geistigen Bildung von Ignatz Baum. (Schluß.) V. Die Leiter der Jugend und der Religionsunterricht. Wozu soviel über Religion sprechen, wird mancher fragen, ist-sie nicht hinlänglich durch da» Gesetz an jeder Lehranstalt gesichert? Ist doch an jedem Lehr- und Erziehungsinstitut ein eigener Religionslchrer angestellt, der die Zöglinge in der Religion zu unterrichten und sie in das moralisch-sittliche Leben einzuführen hat. Wohl wahr, aber da wird die Religion gewöhnlich nur als eine exotische Pflanze betrachtet, die man in den Beredlungögärten der menschlichen Gesellschaft bestehen lässt, ohne sich aber viel um sie zu kümmern. — Muß aber, wie gesagt, Bildung überhaupt, wenn sie zweckentsprechend sein soll, eine den ganzen Menschen durchdringende wissenschaftliche, auf sittlich-moralischem Boden basi« rende sein, so hat dieses nicht bloS der Religionslehrer, sondern alle Lehrer und Lehrerinnen insgesammt haben diesen Zweck anzutreten; aber auch Vater und Mutter müssen daS ihrige beitragen. Denn man vergesse nicht, daß zur zweckmäßigen Bildung nicht blos Lehrer und Lehrbücher, sondern auch Beispiel und Vorbild gehören, Aeltcrn und Lehrer müßen die Leuchte der Jugend lein und soll letztere in der wahren Vervollkommnung fortschreiten, so müßen Aeltern und Lehrer mit guten Beispielen vorangehcn, ihre Handlungsweise soll der Maaßstab für die der Jugend sein. — Dann wenig, oder besser, nichts wirkt eine Lehre, wenn die Jugend an ihren eigenen Leitern und Erziehern — und dieses sind ja die Aeltern in erster Reihe — merkt, daß man sie übertreten darf. — Wenn der Zitherspieler anders spielt und anders singt, entsteht ein MiStou, in den Ohre» de» Zuhörers, lind ein moralischer MiSton ist eS, wenn die Leiter der Jugend anders lehren und anders handeln, d. h. sic gehen daS Bessere, wie Ovid sagt, billigen eS und thnn doch das Schlechtere. — Dder nützt es auch etwa», wenn man der heranzubildenden Jugend voluminöse ReligionSbüchcr in die Hand giebt, deren Inhalt — gewöhnlich in Fragen und Antworten geordnet — sic papageimäßig dem Gedächtnisse cinprägen soll, so muß, ohne sich um dessen Sinn viel kümmern zu brauchen, oder wenn der betreffende RcligionSlehrer auf dem Katheder eine biblische Geschichte vorträgt und erläutert, und der hiezu angcstcllte Prediger ein-, höchstens zweimal der Woche Exhorte in schwungvoller Sprache hält, während die in den Bänken sitzenden Schüler oder Schülerinnen sich zur selben Zeit mit der Lectüre eines — der Jugend oft unerlaubten — Buches, einer Handarbeit, oder überhaupt mit einer für sic mehr Interesse habenden Beschäftigung die Zeit angenehm verkürzen? — Wer der Meinung ist, Religion sei bloß ein Gegenstand, der das Gedächtnis in Anspruch nimmt, oder sie sei eine bloße mechanische Uebung der Sprachorgane und sie bestehe bloß im Ablcsen oder Hcrsagcn, oder in der erzwungenen und erkünstelten Nachahmung mancher Gebräuche und Formalitäten und nicht wisse, daß Religion eine Aufgabe de» Geistes und deö Gemüthe», eine Aufgabe für ernste Uebung ist daß die Religion den ganzen Menschen durchdringen und umschaffcn soll, daß sie die Erkenntnis Gottes verbunden mit dem dieser Erkenntnis entsprechenden Handeln ist; der nur könnte die obige Frage bejahend beantworten. — Die unter solchen falschen Maximen herangebild.'te Jugend pflegt — kaum flügge geworden — um'ihre irreligiösen Gesinnungen zu verbergen, sich unter die schützenden Fittige deS Zeitgeistes zu stellen und mit der gleichgesinnten Welt über Bigotterie sich ihrer Handlungsweise zu vcrtheidigcn. Denn eS ist^-sehr cheqnenn tnr^waS"rtTTcitT nicht zusagt mit dem Interdikt zu belegen und als dem Zeitgeist widersprechend, in den Almarach des Aberglaubens zu setzen. — In der Vorrede zu Schiller» Räuber sagt der Herausgeber : Auch ist es jetzt der große Geschmack, seinen Witz auf »osten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr passirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten hcrumtummcln läfft. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten Witzköpfcn mishandeln und ins Lächerliche verzerren lassen, denn was ist so heilig und ernst, da» wenn man eS falsch verdreht, nicht belacht werden kann?"— Auch die Eitelkeit pflegt in dieser Beziehung Vieles bei» zutragcn, denn, um vor der Welt zu glänzen und allseitig gebildet zu erscheinen, suchen derartige JrreligiüsilätS Kandidaten und Kandidatincn in geselligen Zirkeln darzuthnn, daß sie viel gelesen haben und mit allen möglichen Autoren vertraut seien. Religion ist ihnen nur etwas Traditionelle» und Veraltete», weshalb sie jeder Anspielung, die das Vorhandensein einer religiösen Gesinnung bekunden könnte, sorgfältig auSweichen. Alles auf diesem Gebiete scheint ihnen gering und verächtlich, vergessen aber dabei, daß sic dadurch die Achtung und das Ansehen deren ihre Person von Seite Anderer sich zu erfreuen hat, untergraben und daß sic sich deS schönen Namen» „Mensch" unwürdig zeigen. -- Denn gerade darin zeigt sich ja der Mensch in seiner wahren Würde und erhebt sich über die vernnnftlose Schöpfung, daß er da» anerkannt Gute stets anstrcbt und ungeachtet aller Hindernisse und alles Widerstreites von Seiten seiner Sinnlichkeit zu realisiren sich bemüht. „Was ihr den Geist der Zeiten nennt," sagt Göthe, „das ist im Grunde der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln." — Bon dem großen Newton wird erzählt, daß, so oft er den Namen Gottes aussprach, er jedesmal sein Haupt ehrerbietig entblößte. Als einst einer seiner Freunde ihn um die Ursache fragte, gab er zur Antwort, daß es ihm unmöglich sei, den Himmel aufmerksam zu beobachten, ohne mit Ehrfurcht-sür^dus höchste Wesen «füllt zu werden. Und sind denn die für unsere Lehr und Erziehungsanstalten vorgcschricbcnen Lchrgcgrnständc so steril und trocken, daß sic einen jeden Gedanken an das Ucbcrsinnlichc anöschließen? Wahrlich, traurig für den Menschen, der so kurzsichtig ist, nm den ErzichnngSplan Gottes in-Bezug auf das Menschengeschlecht nicht in der Geschichte mn Gotte» Macht Weisheit und Güte nicht in der Natur zu sehen. Sehr traurig, wenn uns die Größe des Weltalls, die Verschiedenheit der mannigfaltigen Geschöpfe, die Regelmäßigkeit und allscitige Uibcreinftiinmnng der Schöpfung zu keinem andern Gedanken führen, als sei alle», so wie der Mensch selbst, nur durch einen bloßen Znfall entstanden, und weil der Mensch zufällig mit höheren Anlagen versehen ist, so könne er sich der übrigen Geschöpfe zu seinem Nutzen bedienen. „Lehr' und lerne Wissenschaft, Fehlst dir des Gefühles .Lraft llnd des Herzens frommer Sinn; Alles füllt zum Staube hin!" Wahre Religion hat daher noch nie die Wissenschaft /fo wie wahres Wissen noch nie Religion beeinträchtigt hat. Aber >o wie mit der Jrreligiösität und dem Materialismus, so verhält cs sich auch mit der Bigotterie und dem re- I ligiösen Fanatismus. So wie jene, führen auch diese zum Untergänge einzelner Individuen, wie ganzer Staaten. Denn wo man dem Lichte da, wo c» leuchtet, oder leuchten sollte, hemmend cntgcgcntritt und wo man die geistige Schwäche i oder die Heuchelei mit dem schönen Kleide wahrer Andacht und Tugend ziert, da sind Wahrheit und Gerechtigkeit un-