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Die Gegenwart · 1869-02-15 · 4 (15.2.1869) · p. Seite 34

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
4 (15.2.1869)
Date
1869-02-15
Page
Seite 34 (sequence 4)
Language
German
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4 - — 34 - ( Eonceffionen, sie läßt dem Alter die ihm zuträgliche und bequeme Bekleidung und Gewohnheit, sie ist human und drückt ein Auge zu gegen manchen Stand, den sie im Vor« hinein dispensirt, an ihren Triumpfwagen zu ziehen, ja sie ist so liberal, daß sie die Autonomie der verschiedenen Ge« schlechter, Schichten und Stände anerkennt, ist dcccntralistisch .gesinnt und verlangt bloß ein Gruppcnsystem. Modern aber ist der reine starre Zentralismus, zieht alles ohne Aus- .nahmen sein Bereich, hat keine Nachsicht mit Stand und Alter, nimmt keine Rücksicht auf Gewohnheit und Alther« gebrachtes, Alles soll sich seiner Laune beugen und was sich nicht biegt, must brechen, wenigstens wird der Stab über ihn gebrochen. Modern, du süßes, einschmeichelndes Wort, du wirst bitter der dienenden »lasse, die ihr spärliches Einkommen deiner Anforderung opfern muß; du sanftes Wort, du wirst der nngestümc Poltergeist der vornehmen Eliquc, die, um dir zu huldigen, Ucbcrwindung lernen muß, um mit niedriger Stehenden, wie mit ordentlichen Menschen« lindern zu conversiren. Modern, du schönes Wort, du er« scheinst häßlich und schaucrerregcnd dem gewissenhaften Vehrkörpcr, der statt gründliches Wissen und gediegene Bildung auf dein Geheiß hinfällige oder gar gefährliche Treibhaus« pflanzen in die jnngcn Seelen pflanzen soll; modern, du liebes Wort, du zeigst dich wirklich unlieb und hasscnswcrth Denen, die festere Grundsätze in sich aufgenommcn und dem flachen Modern, als dem TagcSgötzen nicht die Anbetung zollen können. Alles soll rosig modrrnisirl sein, von der Kindeswärtcrin bis zur löblichen Repräsentanz ehrwürdiger Gemeinden und Synagogen, von dem tänzelnden Paare auf parquctirlcm Boden bis zum Vertreter und Verfechter religiöser Prinzipien in seiner kleinen Stndirstube mit großcn Folianten. Die letzten Vorgänge einer modernen Gemeindc in einer modernen Stadt ersparen nns weitere Anführungcn, wir können hier Halt machen und als Belege aus der (Gesellschaft jene Schichte hcrausgrcisen, die ihrem Bernfe »ach am wenigsten metantorphosirt werden sollte, um modern zu erscheinen, cS i»'t die Spezies der Rabbis. In der alten Zoologie finden wir folgende Definition: Was zu dieser Gattung von Säugcthicren gezählt werden kann, muß rothrs, warmes; unverfälschtes, rein und lauter sprudclndcS Blut haben, must mit vielen Kenntnissen, vorzüglich mit theologischen, ausgerüstet, von vortrefflichem Eharaktcr und friedlicher Natur sein, die Farbe ist eine bestimmte aus« gesprochene und keine schillernde, es hat Füfic und darf daher niemals kriechen, die Zunge ist wohl spitz, dennoch vcrmundet sic nicht, cs ist weder durch Federn noch durch Wolle vor der Ungunst der Witterung, wenn der Gemcindc-Baro« Nieter fällt, geschützt, doch hat cs gewöhnlich Haare auf den Zahnen und hat mit den Nagethicrcn das gemein, daß eS in der Regel am Hungcrtnchc nagt. In den Zeiten graha- Mischer Erfindung, wo man aus durchsichtigem Wasserstoff undurchsichtiges, Politur fähiges Metall erzeugen kann, ist es auch leicht die alte Zoologie zu rectisizircn und mit die« scr Spezies eine Wandlung vorznnchmcn. Sic stellt sich jetzt dar mit anderer Farbe, die ganz verschwommen ist, mit glänzendem Gefieder, das viel flattert, hat ganz andere cha« raktcristischc Merkmale; sic hat sich auf hohes Verlangen autonomer Gemeinden oder deren Vorstände modcrnisirt. Nun wohl. Die Gemeinden oder die Vorstände verlangen einen modernen Rabbi, und wir haben sic auch, haben sic sogar in Fülle, und das ist auch ganz in der Ordnung; eine moderne Gemeinde mit einem unmodernen Rabbi würde ja keinen ästhetische» Anblick gewähren. Die liebe Unwisscnhcit, die keinen rechten Begriff, keine rechte Vorstellung von dieser Klasse oder Ordnung hat, und sich wundern möge, wir die Häutung so rapid vor sich gehen konnte, wollen wir auf die rechte Fährte leiten, von wo auS sie einen flüchtigen Einblick in den Modcrnisirungs- Prozeß haben kann. Wir wissen zwar nicht, ob wir damit Vob oder Tadel anssprechcn, aber gewiß ist es, daß der Modernisirungstricb nicht immer in der Natur dieser Spezies liegt, daß er mehr auf Eommando sich einstellt und in dem Maße parirt, in welchem er gefordert wird; allenfalls constatircn wir die schöne Etgenschaft der Nachgiebigkeit in allen Stücken. Die wichtige Rolle, die der Name in der alten talmudischen Zeit spielte: ר' מאיר מדייק בשמא hat auch die moderne Zeit nicht auf^ gelassen, und von so vielen Vorurtheilcn sie sich auch losgesagt, שנוי דשם hat sie doch als myhcrn beibchalten; eine schöne Symbolik für die Doppelnatur des Rabbi, der. nun alsRabdinerund Prediger .überall prangt. Wie es aber nun in der Natur liegt, daß שתים נעשו שלש so tritt auch plötzlich der dritte in den Bund, der moderne Rabbiner ist zum Doktor geschlagen. Die böse Welt, die giftigen Zungen, die alles mit׳ ihrem Geifer besudeln, sagen zwar, cs kostet 30 Thalcr, und wenn auch? alle guten Dinge sind 3, wa« rum soll man nicht 30 Thaler hingcbcn, um ein gutes Ding zu construircn? warum nicht der Gemeinde diesen kleinen Dienst erweisen? Freilich hat der Eandidat. wenn er bei der Eoncnrrenz durchfäüt, die Auslagen umsonst; doch dem wäre ja leicht vorzubeugen, wenn der Aspirant statt deS Doktordiploms 30 Th. dem Eompetenzgesuche beilegen möchte; fällt er durch, so hat er wenigstens sein Geld zurück und erspart noch bei dem eurrieulum vitae mit der Wahrhastigkcit in EoUiiion zu kommen. Der H. Doktor, Rabbiner und Prediger ist in der Thal eine moderne Erscheinung, nicht minder aber auch in der Qualität, die in Folge des Zusammenwirkens und dcö Wetteifers beiderseitiger Kräfte sich als ganz rcspcctabcl modern heransstellt. Die Gemeinden oder Vorstände thun bescheiden, doch der H. Doktor Rabbiner und Prediger überragt sie in dieser Tugend noch um Vieles. Die Vorstände verlangen vom Rabbiner nicht mehr so viele talmndische Kenntnisse, vom Prediger nicht mehr die alte Bigotterie, vom Doktor nicht mehr die Befangenheit und das Hangen an Althergebrachtem; nun der moderne Rabbi zeigt sich noch viel bescheidener: er ist in der That weniger Talmndist, aber dcßhalb nicht gelehrter, er ist weniger bigott, aber dcßhalb nicht religiöser, weniger abergläubisch, aber nicht rechtglänbigcr, phrascnrcichcr aber nicht aufrichtiger. Und weil die Bescheidenheit in beiden modcrncn lagern so tiefe Wurzel gefasst, so zeitigen auch schnell die körnigen und saftigen Früchte zur Labung und Süttigung für die jüd. Gemeinden, und das moderne Judcnthum kann sich erfreuen an das magische Schaustück, wie cin'Ehascnchcn, das in einer Synagoge mit seiner Stimme nicht durchdringcn konnte, sich in unserem Oesterreich plötzlich als Doktor, Rabbiner und Prediger entpuppt; rin Wnndrrspiel der Natnr! plötzlich wird auch die Stimme klangvoll und schreit in die Welt hinaus, man möge versichert sein, daß er bei allem liberalen Fortschritt theologisch corrcct verfahren werde. Welche Garantie er für das correetc Verfahren dietct? der liebe Gott möge cs wissen, er weiß es nicht, in den Noten steht kein Wort von Theologie. Auch die Art und Weise der Aufnahme, selbst die Zeitdaucr ist von dein Modernen angehaucht und beeinflusst worden. Die alten verrotteten Gemeinden waren so wenig praktisch, daß sic einen Rabbiner auch ohne Probcvortrag lebenslänglich ausnahmrn; die modernen Gemeinden sind viel vorsichtiger, sie nehmen den modernen Rabbiner, Prediger und Doktor erst nach zweimaligem Probcvortragc, wenn auch_picht ans lebenslänglich so doch auf ein ganzes — halbes Jahr auf. Eine Köchin wird zwar in der Regel auch nur auf ein halbes Jahr acceptirt, doch sie wird nicht gewürdigt vorher eine doppelte Production ihrer Kunst vorzunehmen, coram populo ihre Virtuosität zu zeigen. Viele Stimmcu wollen zwar einen Doktor, Rabbiner und Pre« diger, der die Gnade einer Acquisition ans ein halbes Jahr annimmt, nicht für ganz modern halten; doch diese Leute sind nicht maßgebend, sic sind in einem Jrrlhum befangen, sic haben gar nicht überlegt: wie würde ein moderner Vorstand einer modernen Gemeinde in einer modernen Zeit sich entschließen, einen unmodernen Rabbiner zu nehmen? Den alten unmodernen Rabbis sind gar nicht solche schöne Au« träge gemacht worden, sie hätten sich darin gar nicht zu sinden gewusst, und sie in ihrer Kurzsichtigkeit gewiß auSge-

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