Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 2 (15.1.1869)
- Date
- 1869-01-15
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
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btt jüdischen Jugend so wuchert und groß gezogen wird' ES ist eine esu8e eeledre, daß in Ungarn und Mähren die jüdischen Schulen blühen, ja die meisten Musterschulen sind, nur in Prag und im übrigen Böhmen, das gar oft wegen der kleinen Gemeindm Winkelschulen aufzuweisen hat, die jüdischen Schulen verkümmern und förmlich hinfiechen. In Wien wird von der CultuSrepräsentanz mit der größten Wärme für den Aufschwung, für die Pflege des hebräischrn Unterrichteeine Lanze eingelegt; ja diese wahren Männer de- IudenttzumS die KönigSwarter, Kompert, Kuranda, Neustadt, sich wohl bewusst, wodurch sie groß geworden, gehen jetzt daran einen eigenen Gottesdienst für diejüdische Schuljugend einzuführen. Was geschieht nun in Prag? was leisten jene, die nur dann den Juden spielen, wenn sie den Juden brauchen? NichrS! Die jüdischen Schüler christlicher Volksschulen haben so viel wie gar keinen ReligionSunterricht; denn eS wäre gradezu thöricht, zu glauben, daß zwei Stunden in der Woche zum Unterrichte für die sämmtliche christliche Schulen besuchende jüdische Schuljugend hinreiche. Nicht viel besser ist der Religionsunterricht an Mittelschulen, denn auch für diesen sind nur zwei Stunden in der Woche viel zu wenig. Nun wird Mancher ftagen, warum wirken die Prediger auf der Kanzel herab nicht gegen diese Uebelstände? Die Antwort liegt in dem Umstande, daß die hiesigen Prediger erstlich ihres Amtes nur metter- "artig walten, sodann nur int Solde von Corporationen siehend, nicht von der CultuS - Repräsentanz,*) sondern von den Vorstehern der Synagoge abhängig sind. Die ganze Schuld wisst sonach die Männer, welche berufen sind, die Interessen der CultuSgeineinde zu vertteten. Anstatt eine Talmud-Thora zu einem Gymnasium für 4**) Schüler umzustalten, wäre eS eher an der Zeit und nothwendiger gewesen, eine gute Religionsschule einzurichten und Normen in^den Leistungen des hebräischen Wissens für die verschiedenen Klassen fest, zusctzen. Mögen diese Herren bedenken, daß eine Jugend ohne guten Religionsunterricht einst charakterlose Gemeindemitglieder, charakterlose Menschen werden! Pardubitz 10. Jäner (0.- K.) Der religiöse Unterricht in der israelitischen Bolkrschnle. Indem ich eine rein didaktische Frage in diesem beliebt gewordenen Blatte bespreche, hoffe ich damit nicht nur Lehrcrn und Rabbinern, sondern auch Schul- und Kultusvorstehcrn, überhaupt allen, die an der Schule und-ihrem innern Organismus Theil nehmen, Stoff zum Nachdenken zu bieten. Der Gegenstand, obwohl vielseitig besprochen, ist noch lange nicht erschöpfend behandelt und bietet noch immer große Schwierigkeiten. Diese letzteren sind verschiedenartiger Natur und zwar: 1) Die Unwissenheit vieler Lehrer. 2) Der JndissercntiSmuS der meisten Gemeinden. 3) Die Unzulänglichkeit der gebotenen Hilfsmittel beim Unterrichte. 4. Die verschiedenartige mehr oder weniger unrichtige Auffassung des Gegenstandes Mbst, wie dieser zu behandeln sei. Wir wollen auf jede dieser Fragen speziell eingehen und sie erörtern. Bis zum heutigen Tage besteht für die Kenntnis der isracl. Religion an Lehrerbildungsanstalten keine Norm und dennoch erhält jeder Kandidat eine mehr oder minder günstige Klasse ans diesem ersten, obenanstehenden Gegenstände seines Zeugnisses. Die Ursache dieser stiefmütterlichen Behandlung der mosaischen Religion ist ganz einfach die, daß alle bisher in Böhmen existierenden LchrerbildungSanstatten einen rein katholischen Charakter haben und die Iuden in denselben nach dem Ausspruche deweiland LehrerbildncrS Herrmann nur als geduldete Fremdlinge betrachtet werden, wo man also hübsch bescheiden in seinen Ansprüchen sein muß. CS bringt also jeder Candidat alljährlich ein Zeugnis von dem israel. Religionslehrer bei, oder, wenn dieß in *) Meinen Sie die wiener oder Prager? (D. Red.) •*) ffia« thäten die fünf Commission-mitglieder wenn sie nicht mit vieren fahren möchten? Sie müßten anihören, Vorsteher zu sein und da« widerstrebt ihrem Srsühle. (D. Red.) der Provinz ist, von irgend einem Rabbiner, aus welchem die Klaffe in das allgemeine Zeugnis eingetragen wird, und diese Klaffe befähigt den Inhaber derselben, an jeder Gemeinde als Religionslchrer angestellt zu werden. Diese Klaffe beruht aber auf die Kenntnis von Religionsbüchern, von denen die in Oesterreich zum Unterricht als zulässig erkannt sind. Nun aber ist eS männiglich bekannt, daß einer daganze Compendium von Weffeli,. Johlsyn, Breuer etc. etc. | Wort für Wort auswendig wissen kann, ohne auch nur eine j Paraschah des Pentateuch fehlerfrei zu übersetzen oder auch! ohne das punktierte Ebräisch fehlerfrei zu lesen. Man wird es also leicht begreiflich finden, wenn ich bemerke, daß eS Lehrer an öffentlichen hebräisch, deutschen Schulen gibt, die die einfachsten Gebetstücke für jeden Tag nur dann zu ttadieren im Stande sind, wenn man ihnen einige Dutzend grober Fehler nachsteht, die mitunter laufen. DaS ist aber nicht eine Ausnahme von der Regel, sondern im Gegentheil findet e« ein Lehrer in Ungarn als eine Merkwürdigkeit von einem Lehrer Böhmens einen Brief in der heiligen Ursprache zu lesen und drückt sein Erstaunen darüber folgender Maßen aus: ... . וחנה לא אכחד תחת לשוני כי שמחתי כפולה ומכופלת בעבור מכתבך היקר, אשר לא פללתי ראיתי, לא האמנתי כי נם בערי הפדוי בארץ בעהמן נמצאים מורים אע1ר ,כותבים בשפת ציון זך ונקי, כאשר הראתני לדעת, וכגפן במדבר מצאתיך, ואת המורה הגדול מהו׳ משה גאלדמאן בעיר נאחוד, נם הוא כבדני זה באמים רבים במליצה צחה ונשגבה בשפת כץ אמוץ החווה, מי יתן וירבו -כמוכם מורים בישראל! Es ist wohl überflüssig die weiteren Folgen auscinanderzusetzcn, die die Unkenntnis der Religion von Seiten des Lehrers mit sich bringt, denn רבי לא שנה חייא מני לן, zu Deutsch lautet dieser didaktische Lehrsatz: Was einer selber nicht weiß, das lehrt er nimmermehr seine Schüler und wenn er es lehrt, so lehrt er eS eben nur so, wie er eS kann oder nicht kann. Hier fällt mir eben die originelle Weise ein, wie ein derartiger Lehrer an einer hebräisch-deutschen Volksschule seinen Schülern die Bibel erläutert hat: ״Merket Kinder, wie das erste Wort in euerer Bibel lautet; ich schreibe cs jetzt an die Tafel. WelcheS sind die ersten Buchstaben dieses Wortes? — Richtig ברא — Nun, wie lautet das zweite Wort? — Richtig זביא’, — Uebersetzet nun dieses Wort auf deutsch. — Ganz richtig, erschuf. Nun merket weiter. DaS Wort ברא heißt so viel als erschaffen; wenn man etwas schafft, so fängt man an zu wirken und so ist aus dem Worte ברא erschaffen durch Anhängung der Silbe ית® das Wort לאשייז.? entstanden. Zur Ergänzung dieses Histörchens sei nun noch bemerkt, daß dieser Lehrer einer hebräischdeutschen Volksschule auch einen jünger» Bruder hatte, der mittelst Ahn's Lehrgang sich die französische Sprache zu eigen gemacht. Diesen schickt er ebenfalls nach Prag, um dort Lehrer zu werden; denn, meint unser Held, bist Du einmal als Lehrer geprüft, nnd kannst französisch, so erhälst Du dann leicht einen Posten als Religionslehrer und hast ausgesorgt. Obwohl nun dieser neue Candidat in religiösem Wissen unter seinem Bruder stand, denn dieser war sein Meister und Lehrer, so geht er dennoch nach Prag, erwirkt sich von der Landesjudenrepräsentanz durch zwei Jahre das Stipendium und — ist heute wirklich ein tüchtiger jüdischer Lehrer im Sinne unsereS HeroS. — Was ich hier sage, ist nicht Illusion, sondcrn aus dem Leben gegriffene Wahrheit und jeder, dem es darum zü thun ist, kann sich von dieser nackten Thatsache gründlichst überzeugen. Ist es aber recht, solche Thatsachen zur öffentlichen Kenntnis zu bringen? Schadet man nicht dadurch dem Lehrcrstande im allgemeinen? מה וה ועל מה וה werden viele ftagen? — Gut, wir wollen auch darüber sprechen. Ich gehe von dem Grundsätze aus, daß ein Gebrechen erst dann gründlich geheilt werden kann, wenn man eS früher genau kenn! und diese hier angeführten Exempel lassen sich ins Unendliche vervielfältigen und wenn dicß so fort geht — und cs geht wirklich so fort — was soll dann aus der jüdischen Schule werden? — Durchmustern und suchen wir unter den Candidaten und Lehrern der neuen und