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Die Gegenwart · 1869-01-15 · 2 (15.1.1869) · p. Seite 12

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
2 (15.1.1869)
Date
1869-01-15
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 tuftgefxn, was analog ist mit: wir haben nichts, eS bleibt beim Alten. Doch, daß die Vertretung keine ernste Miene machte, nach dem Willen der Gemeinde zu handeln, beweist «nS neuerdingdas Präliminare pro 1869, das uns ver- 'anlaßt dieser löblich denkenden löblichen Vertretung ein nur zu l so lange zuzurufen, als die gutm-thig« Gemeinde den Nacken herborgt, auf de» der Fuß der Willkühr gestemmt wird. Um offen zu gestehen, waren wir auf ein zugestutzteS Präliminare gefaßt, bedauern aber, uns beim Anblicke der präliminirten Summen sehr getäuscht zu haben, die jede Illusion in barbarischer Weise zu Nichte gemacht, und so sehen wir getrost der Genehmigung des Präliminares von Seite der hohen k. k. Statthalterei entgegen, letztere damit entschuldigend, daß sie die israelitischen Gemeindeverhältnisse zu weoig kennt. Nachdem wir das Unvermeidliche nicht ändern, daß noli we taogsre der Repräsentanz vor der Hand nicht umstoßen können, begnügen wir unS heute die Quintessenz deS Ziffernkomplexe-, der sich uns als Budget vorstellt, herauSzuziehen, beseelt von dem Tröste, eine Plage bringt oft , Heilung. Wir gelangen somit zum ersten Posten von 600 fl., der für einen anzustellenden Oberrabbiner eingestellt ist. Ohne unS erst darauf einzulassen, ob wir einen solchen bcnöthigen, oder nicht, glauben wir nicht zu fehlen, wenn wir, als im verfloffenen Jahre dasselbe Manöver gemacht wurde, auf die Worte deSBorsitzenden der Repräsentanz aufmerksam machen, die die ganze'Sachlage etwas genauer charakterisircn dürften. In einer Anwandlung von Frömmigkeit, die vielleicht überrascht hatte, hat dieser in asketischer Weise, gegen den Antrag, eine« RcpräsentanzmitgliedeS einen Posten aus dem Prälibci der Messe begleitete», vernahm. Der Ruf deS kleinen Oppenheim drang selbst in das Kloster und wurden fast täglich im Refectorium Gegenstand deS Gespräches. Die Kirche — hieß eS unter Anderem würde an den» jungen Judcnknabcn eine feste Säule erhalten, denn fein ganzes Wese» vcrräth den Geist und wenn er die Geduld und die Zähigkeit, die diesem Volke eigen sind, besitzt, und die Anlagen seines BatcrS ererbt hat, so könnte er mit der Zeit eine Zierde des LhristenthumS werden. Einst geschah es, daß die fromme Gattin des edlen Rabbi den muntern David zu einer Muhme schickte, ohne auf etwas anderes als auf dessen baldige Rückkehr zu schließen. Allein welche Täuschung, welche düstere Erfahrung I Die Sonne ging allmälig unter, der Tag neigte sich der Rächt zu, und mit ihr drang Fiustcrniß in das Gcmüth des besorgte» Rabbi, der wehklagend einen Schrei nach dem andern aussticß, während die zitternde Mutter Thränen im Stillen vergoß, in denen gleichsam der bittere Wermuth der Schuld, die sie an der Bcsorgniß trug, lag. Der Himmel begann sich nach und nach zu verfinstern und das dräuende Gewölk schien ein Gewitter zu entladen, und daS dumpfe Rollen des Donners, das Echo des geschchenen Unglücks zu verkünden. David Oppenheim, so stellte sich erst später heraus, nahm, nichts ArgeS vorauöfehend, seinen Weg vor dem Kloster vorbei, in welchem er erblickt, in dasselbe geführt und nach Art deS jungen Mortara der Erziehung der Jesuiten übergeben wurde. Während sich so der greise Oppenheim im Vertrauen auf den höchsten, seinem Schicksale ergab und Rebekka Thräneu in daS gekränkte Herz geweint, wuchs der junge Oppenheim heran, bis.er eine feste Stütze der Kirche wurde und durch Kopf und Fleiß die neue Lehre so erfaßte, daß er unter dem Ranien ProSpcr die Kanzel in der Kirche bestieg und sich den Ruf eines heiligen Manne« erwarb. Bald drang sein Raine in die Hofkrcisc und so kam es, daß er ein Günstling derselben wurde. — - — So wie siel» die Zufälle im Leben oft begegnen, und oft manches Unglück Glück bringt, so ivurdc dieses in der neuen Stellung de» Pater ProSpcr erst recht zur Wahrheit, als er am Hofe gewahr wurde, daß die Austreibung der Juden und die KonfiSeirung ihrer Güter eine beschlossene Thatsache sei. Nicht ohne Wirkung konnte diese Nachricht für ihn sein und eingedenk seines greisen Vaters, seiner nunmehr erblindeten Mutter, von. denen ihn sein neuer Glaube für immer trennte, sann er darauf, die Gefahr, die seinem bedrängtat ehemaligen Glaubensgenossen wie ein Damoklesschwert drohte ajruct und venaat i minare zu streichen, der nicht hineingehöre, indem ^gegenwärtig kein Oberrabbiner da ist, gestimmt, und folgendes in pietistifcher Weise gesprochen: „ES geht durchaus nicht anzunehmen, daß wir der Gemeinde gegenüber erklären, wir wollen oder können keinen Oberrabbiner anstellen, das ist eine Sache der UnmögliOeit. Wenn eine Gemeinde, wie die Prager ein Jahr l-ng ohne Oberrabbincr lebte, so könnte dieß auch im 2. und im 8. Jahre stattfinden. Es ergäbe sich daraus, daß wir keinen Obcrrabbincr brauchten. Gehen wir aber davon aus, daß wir ein:» Oberrabbiner anstellen müssen, so müssen wir die Summe von 600 fl. ins Präliminare entstellen." Wie die Alten brummen, so die Jungen summen, und so wurde im Vorjahre dieser Betrag mS Budget eingestellt. Wußte doch damals die Repräsentanz was der Tenor ihres Vorsitzenden zu bedeuten hatte, wußte sie wol, daß bei einer Besoldung des 2. Rabbiner« mit 800 (pro 1869 1000) der Oberrabbiner unmöglich mit 600 fl. angestellt werden könnte, so mußte im Vorgefühle etwaiger Verwendung dieses Betrages, ein noch in der Sphäre des Zweifels exksti« render Oberrabbiner der Sündenbock sein, und 600 fl. für unvorhergesehene Zwecke reservwt werden; ist jedoch die Repräsentanz des VcrmögenSfondes von 45812 fl. 19'/« kr. eingedenk, so wird sie ebenso herzlich lachen, als sich ein auf das Obcrrabbinat reflektirender Gelehrte schämen müßte, wenn er sich im Vorhinein so bloß gestellt wüßte. Man hat nun da« Jahr unter manchen Mühsehligkeiten verlebt, man hat ohne Obcrrabbincr gewirthschaftet und die bloße Idee an denselben hat belehrt, daß 600 fl. da waren, heute aber, so weit der der Gemeinde nicht zu Gebote stehende'Budgetetat abzuwenden und die Schreckenscene, die grade nach den 10 Bußtagen erfolgen sollte, zu verhüten. Das menschlich -Fühlen fing an sich in der Brust des strengen Geistlichen zu steigern und der Gedanke an sein fiommes Eltemhaus an seinen angestammten Glaubcn stählte ihn in seinen Vorhaben. In einer stillen Rächt, in der die Sterne am Himel erglänzten und der Mond die Straßen in ein bleiches Gewand gekleidet, stahl er sich ohne bemerkt zu werden, aus dem Kloster hinweg, um seinen frühem Glaubensbrüdern als ein rettender Genius zu erscheinen. Es war, gerade am Borabcnde des Versöhnungstages, den die Gemeinde in dem Bethause beging. Die Jammcrtöne in demselben, daS Schluchzen der An- -- dächtigcn verlockte den Mönch immer mehr und mehr seine Schritte dahin zu lenken. In förmlicher Heiligkeit war der innere Raum des Bcthauscs gekleidet, die Strahlen der Lichter schienen in sein Herz zu dringen, das zusammengepresst nicht einmal gestattete, seinen Thränen freien Lauf zn lassen. Die schncewelhen Sterbegewänder, in denen die Andächtigen gehüllt waren, erinnerten ihn an de« Lcbcus Ziel und der Sang der heiligen Lieder, der wie dumpfer Klagcton auö dem Munde des greisen Rabbi erscholl, drängte ihn in das Gotteshaus einzutrcten. — — — — — — Pater Prosper war cingetrctcn, ein heiliger Schauer überllef * seinen Leib, tausend Erinnerungen aus seiner goldenen Jugendzeit tauchten in seiner Seele auf, er stürzte auf den Kuien und unter heftigem Schluchzen rief er: „Schema Jisroel.“ Im Augenblick war er von den Gemeindeglicdcrn umgeben, die in ihm den jun. gen Oppenheim erkannten, der seinem väterlichen Glauben untteu geworden. Der greise Rabbi verließ seinen Platz nicht, um sich in seiner heiligen Handlung nicht zu unterbrechen, und als er befragt wurde, was mit dem reuigen Sünder zu geschehen habe, gab er daS Zeichen, daß ihm nichts leides widerfahren möge. Die Gemeinde that so, wie ihr befohlen und der Mönch legte feierlich mit lauter Stimme sein Sündcnbekenntniß ab. Während dieser Procedur drangen tunniltuircnde Studenten in daS BcchauS, wo sie gleichsam der gewaltige Arm GotteS vor Entweihung deS Hauses zurückhielt. Der Mönch verlor sich durch das Gewühl der Menschenmenge und brachte seine Reue dadurch zum Ausdruck, daß er durch seine Fürbitte beim Hofe daS mittelalterliche Editt rückgängig machte. Der greise Oppenheim starb noch in derselben Rächt, dem sein traute» Weib bald nachfolgte. ö. J. X

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