Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1869-01-15 · 2 (15.1.1869) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
2 (15.1.1869)
Date
1869-01-15
Page
Seite 11 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4890378-5433914-5433951--205-4890558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Halbjährige- Aboantmtnl für Prag uud die Provinz iaNufive Zustellung iuS HauS oder Postverfeuduug ö. W.. . 1 fl. 40 ft. für'S Ausland IThIr. fürAmerika 2 Dollar. Inserate werden billigst berechnet. Die Gegenwart. Organ für die Interessen des Judentums. Redaktion uud Ad ministratiou Ritter- ' gaffe Rro. 408—1 wohin alle Briefe n. Gtldfendungeu z« richten sind. Die „Gegenwart" erscheint am 1. uud 15. eines jeden Monates. Nro. 2. Prag 15. ISner 1869. H. Jahrg. Inhalt: Leitartikel: Nur zu. — Präliminare der pragrr Eultusgemeinde. — Ein Dammregiment. — Ein Wort über Werth uud We>en der geistigen Bildung. Corref-oudeuz r Prag, Prag, Pardubitz, Au« dem westlichen Böhmen. LoraleS. — Auswärtiges. — Feuilleton.— Inserate. Nur -«! Obschon die Besprechung der wirthschaftlichen Zustände in der prager Jsraeliten-Gemeinde einer Danaidenarbeit gleicht, so müssen wir schou im Interesse der Gemeinde und kraft unseres ProgrammeS unsere Aufgabe erfüllen, um in nicht ermüdender Weise auf die Uebelstände und Gebresten/ unter denen die Gemeinde leidet, aufmerksam zu machen. Laufen wir auch zuweilen Gefahr, des schwarzgesärbten Pessimismus geziehen zu werden, so werden gewiß auch jeye, die vielleicht besser denken denn wir, doch nicht so kurzsichtig sein, die Dinge so rosenfarbig zu sehen, wie sie in der That nicht sind. Da wir aber gewohnt sind, die Situation zu beurtheitheilen, wie sie ist und nicht wie sie scheint, so sind wir, ohne etwa von einer gewissen höhern Intuition geleitet, schon Feuilleton. Der alle Oppenheim. Eine historische Skizz». I. Als Rudolf II. auf der alten Königsburg zu Prag trostlos die Entsagungsurkunde auf die Krone Böhmens unterschrieb und gebrochenen Herzens unter dem Ausrufe: „Israel .hat doch noch Gott zum Trost I" seinen Geist aufgegeben hat und gewittcrschwere Wolken über Oesterreich und Deutschland sich zusammenzogen, nahm der Zwiespalt der bürgerlichen Rcligionsthrile in Deutschland zu, der von Augsburg her sich über alle Gaue immer mehr und mehr verbreitete. Um diese Zeit lebte in Wien, das von den Wellen der Parthcikämpfe gleichfalls bespült war, in der Judenstadt ein Mann, der durch seine wahre Hingebung zu Gott, durch sein menschenfreundliches Benehmen nicht nur seinen Glaubensgenossen, sondern auch seinen Gegnern die Achtung abzuringen und sich seines Amtes als Obcrrabbiner würdig zu machen wußte. In einem unansehnlichen mehr barakenähnlichen Häuschen wohnte dieser Greis, desien silbcrwelligcS Haar, deffcn gefurchte Stirne und blendend weißer Bart, ebenso aus den großen Denker, wie den besorgten und dennoch aus Gott vertrauenden Menschen schließen ließ. Einsam an seinem Studirtische sitzend, sah er sich förmlich von den bestaubten Folianten belagert, in denen er seine einzige Labe fand; doch vergaß er nie seiner trauten Gattin, in der er sein zweites Ich erblickte und die in ihrer seltenen Ehrfurcht vor ihrem Gatten sich kaum wagte, ein überflüffiges Wort zu sprechen. Rur bedacht, sich ihr Thruerstes zu erhalten, dessen Tage nunmehr gezählt wamit uns einig, daß die Folgen einer mit dem Wunsche der Gemeinde nicht übereinstimmenden Vertretung keine ersprießlichen sein können und der Schluß der ganzen Komödie ein trauriger sein dürfte. Die Welt wird, um mit des DichierS Worten zu sprechen, alt und wieder jung und hofft stets auf Besserung, und so wiegten wir uns auch beim Schlüsse des varangegangenen Jahres, in der verlockenden Hoffnung, daß die israelitische Vertretung von unseren redlichen Winken und Enthüllungen Notiz nehmen werde. Da aber der Begriff der Presse als das Sprachrohr der öffentlichen Meinung der Vertretung noch nicht klar geworden zu sein scheint, so mußten wir wenigstens annehmen, daß ihre eigene Einsicht, die Erfahrung sie zur Hebung so vieler Uibelstände veranlaßt haben dürfte. Wir dachten, dieselbe habe sich die begangenen Fehler, seien sie aus Unkenntniß der Sachlage oder aus einer an Eigeudünkcl grenzenden Lässigkeit hcrvorgegangen, zu Gemüthe geführt und sich einem Wendekreise genähert, der Besserung der Dinge in Aussicht stellen, Regelung der finanziellen Verhältnisse, Einziehung überflüssiger Posten, kurz eine Erleichterung im Steuersysteme mit sich im Gefolge haben dürfte; wir haben uns bitter getäuscht, und sind mit dem ersten Tage dcS neuen Jahres um eine Erfahrung reicher geworden, um eine Erfahrung, die nichts Anderes heißt, als: wir haben Geld ausgegeben, wir werden noch mehr ren, kümmerte sie sich „ut nicht um die Außenwelt, und fand oft hierin ihre einzige Abwechslung durch die von Blei eingefaßten Scheibenreste der Fenster zu sehen, ob ihr einziger von mehreren Kindern am Leben gebliebener Knabe David nach Hause komme. So oft sie dieser ihrer Hoffnung, auf die sic ihre Zukunft stützte, um den Rest ihrer Tage in süßeren Stunden zu verbringen, ansichtig ivnrde, wurden die Träume, die sic hatte, immer lebhafter, und die Illusionen, in dem jungen Oppenheim ejust das Ebenbild dcS großen Rabbi zu sehen, traten in ihr immer mehr in den Vordergrund. Ui» den schmukken Knaben zu schildern, indem ein Meer von Hoffnungen, eine Fülle von Freuden verborgen zu fein schien, bedarf mainvahrlich Hogartho Pinsel um ihn zu zeichnen wie edel die Züge waren, die seinem von de» Farben der Unschuld eingcrahmtcn Antlitze ausgeprägt waren, wie geschmeidig sein ganzes Wesen, wie sicher sein Auftreten war, wie hell sein Auge leuchtete. Konnte es dann nicht Wunder nehmen, wenn der greise Vater in den karg zugcmcffcncn Stunden seine einzige Hoffnung in die Arme schloß und seine innige Liebe zu dem einzig geliebten Kinde mit einem Kuß auf dessen blendende Stirne besiegelte. Doch so wie im Leben überhaupt das Schönste und Edelste ihre Schattirung haben, so konnte sic auch da nicht fehlen, wo bange Ahnung das Gcmüth des gelehrten GottcsmanneS beschlich, wenn er sich im Geiste das junge Bäumchen vorstcllte, wie leicht es dein leisesten Windhauche anSgcsctzt, Gefahr laufe sich so lange zu beugen, bis cs unter Wanken und Schwanken hoffnungslos zusainmenbricht. , II. Einen seltenen Eontrast. zu dem einförmigen, baufälligen HäuS. chcn des edlen Oppenheim, der an seiner Studirstube gebannt, keine andere Gesellschaft empfing, als wißbegierige Schüler, bildete daß Schottenkloster, auS welchem man stets die Klosterherren durch die Fenster blicken sah und zuweilen die Orgeltönr, welche den Ehor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.