Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 1 (1.1.1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 12)
- Language
- German
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Goldschmid" Ihnen vom ganzen Herzen Freund sein wird, und gerne allen dienm, wo Sie es verlangen. Und Sie meine israelitischen Freunde und Glaubensbrüder! betrachten Sie mich während der kurzen Zeit unsereS traurigen Beisammenseins als Ihren Bruder nach den Satzungen unserer Religion, zeigen Sie mir, daß ich einer kleinen unglücklichen Gemeinde hier angchöre, welche im festen Bertraucn auf den Ewigen zusammenhält wie der Kie . ^sel in der Schöpfung. Nehmen Lie den auf, der hier schwört zu glauben: An eiuen einigen, einzigen Gott, an den Gesehen Mose-, welche wahr, rein und unverfälscht sind, und an eine ewige Pergeltung Gotte-, und seien Tie mir Freunde zur Ehre Gottes des Herrn und Schöpfers Israels. Zum Schlüsse aber will ich dessen gedenken, der in seincr erhabenen Weisheit Gesetze gegeben, welche cs möglich machen seinen Glauben frei und selbst in der Gefangenschaft zu manifestircn, nähmlich unseres erhabenen Kaisers Franz Josef des I. und des weisen RathcS der Volksvertretung. Die Fackel der Aufklärung wurde durch sic in unserem Paterlandc angezündct, Gottes- und Menschenrechte achten gelernt, dafür stimmen Sic meine Brüder jetzt mit ein in dem feierlichen Gebete für unseren erhabenen Monarchen: (Hier folgte das Gebet für Sr. Majestät, welches gewöhnlich in allen Synagogen gesprochen wird.) * * * Wir schließen a» voranstehcndcr Webe: ein von Voiti# Stcrnau an einen seiner i» Prag lebenden Freunde gcrich tttcs Schreiben ddato <>. Rovcmbcr I«s<;s au. Es lautet: Wenn Tu Tein Staunen darüber ansdrückst, daß ich, so inng de» Iudcnthnme entrissen, mit so viel Feuer und Wärme in und für dasselbe eintrete; so ist diese Bewunderung wohl eine gerechte zu nennen, allein der freie, denlende und ,chafsendc Geist des Menschen, die geläuterte Per nunst, drangt den Menschen und drängte mich in die Bah neu jener Anschauungen hinein, ja, ich will sogar behaupten, daß viele Personen cs geben dürste, welche gleich mit mir dachten und einpfanden, wo aber früher die Schrantcn der Gesetze — jetzt vielleicht andere sociale Verhältnisse nur abhalten. _Rieb« Fanalisinns, nicht vielleicht ein der allgemeinen menschlichen Sitlenlehre zuwidc, lausender t^cdante, als sei der Jude allein nur als Mensch anznsehcn, — nicht die nackten Formeln und lalte» Eernionicn trieben mich zum Rücktritte, sondern ein wahre, idiellc Auffassung, eine reine, metaphisijche Idee von der Existenz des gelobten einigen einzigen Gottes. Ich fußte mich nicht allein ans den Whreu der Religion lind RcligionSgeschichte, ich griff tiefer in die allgemeine Weiigcschichle, ries: hier das Iudenthnin wel ches enge seine Staats mit der Religionsgeschichte vcrbnn den ha», heraus, und sah, das: selbst die lalle ,.)beschichte der Zeit" die Religion meiner Räter anertenncn und ehren müsse. Tort aber, wo die religiöse Ueberzeugung so tiesei! T.nellen entsprungen, ist es wahre innig gesuhlte Reli gion, welche sich nicht an äußere Formeln znrechtfindct, son der» seinen Sitz im Geiste ha׳, tvelchcr der Ausfluß des allmächtigen (Lottes ist! Tazn bat mich der Schöpfer mit poetischem Geiste, mit weichem, für Edles tind Schönes empfindsamen Gemülhe begabt, und der poetische Geist schwingt sieb hinaus in nuerschante Aelherhöhen und schöpft sich Ideale, welche er dann für lvahrhaft wirtlich hält, wenn seine Bernuilst ,hm von deren Existenz überzeugte und des:- halb lebe ich nun glücklich als Jude, und werde diesen Ramen stolz gm Paniere meines Gebens schreiben, und tiefer durch Studien eindringen in die Geschichte meiner crhabe neu Religion, und wo sich mir als Journalist und Schrift stcller Gelegenheit bieten wird, dieselbe mit der Feder zu verthcidigen, werde ich selbst mit Aufopferung meines Sein es thun.- Ueber Selbstmord. Bon Dr. A. Raber, Rabbiner und Prediger. (Schluß.) רבי אלעור הקםר אומי הקנאה והתאוה והכבוד מוציאין את האדם מן העולם"der Neid, die Lust und die Ehrsucht bringen den Menschen aus der Welt." Und in der That ist jede dieser Leidenschaften geeignet, auf den Glauben des Menschen' schädlich einzuwirkcn, seinen frühzeitigen Tod herbeizuführen .-״ ’ ורקב עצמות קנאDer Neid ist ein wahrer Beinfraß" (Sprüche 14. 30.) Den Thoren tobtet der Zorn, den Einfältigen bringt der Neid um. (Hiob 5. 2.) Und vergleichet man die zuverlässigsten Nachrichten von Selbstmördern, so offenbart sich, daß ungetreue Gcldverwaltung, unbesonnenes Schuldenmachen, Verbrechen, worauf harte beschimpfende Strafen gesetzt sind, Verschwendung, auf welche Armuth, ausschweifende Lebensarten und falsche Ideale von Lebcnsglückseligkeit, auf welche Melancholie, Hypochondrie und Lebensüberdruß folgt, folglich immer unmoralische Zustände cS waren, die den Selbstmord veranlasst haben. ״ בטלה מביאה לידי שיעמוםNutzlose Dinge führen zur Melancholie." Kant sagt: Man dürfe dem Selbstmörder dreist in daS Gesicht spucken. Folgende von grundfalschen Voraussetzungen herausgehendc Schlüsse sind die Vorläufer des Entschlusses zum Selbstmorde. ״Die wirklichen oder bevorstehenden Leiden sind ganz unausstehlich, mein Leben hat weder für mich, noch für andcrc mehr einen Werth. Dicß ist die Sprache der Kurzsichtigen, der verzweifelnden Feigheit." Denn meint er etwa, seine Leiden durch das Verbrechen zu mindern, wenn er seine Erdcnhttllc zerstört. Kann er denn sich selber vernichten, vernichten seinen Menschengeist und dem Gerichte entgehen, das dort seiner wartet? ואל יבטיחך יצרך שהשאול בית מנוס לך שעל כרחך. אתה נוצר ועל כרחך אתה נולד ועל ניחך אתה דד ועל. כרהך אתה מת ואל נדחך אתה עתיד ליתן דין וחשבון לפני ממיר. הקב״ה- ,^Lasse dich von der bösen Begierde nicht bereden in einen, freiwilligen Tode Zuflucht zu suchen; denn du bist ohne deine Wtllkühr geboren und gebildet worden, lebst ohne deine Bestimmung, musst daher a״ch nur einen dir verhängten Tod abwarten, wo du Rechenschaft ablege,l musst, vor dem Könige aller Könige, gelobt sei er. Wie abschreckend ist der Selbstmord, wenn wir mit dem hohen Rabbi bedenken, daß ein ewiges von keiner einseitigen Ansicht getrübtes Gericht uns erwarte, das nnS für jede mißgcdcntcte oder untcrgrabcnc Vorherbcstimmnug verantwortlich mache. So wir bedenken,-daß uns Menschen die Pflicht zu leben und das Leben zu fördern auferlcgt ist, daher wir selbst in den erschüttersten LcbenSnächten und SchicksalStrübungcn warten _ niüsscn, bis cs der Allweisheit gefüllt, uns von dem stürmisch bedrohten Posten abzuruscn, und uns für die Mühscligkeitcn dieser kurzen Zeit dem unbegrenzten Reiche des Königs aller Könige vielfacher Lose zu Thcil wird. Der Mensch, der ein gutes Gewissen hat, der von der wahren und ganzen Würde des Menschen überzeugt ist, ״nd sich in allen Lagen dieser Ueberzeugung gemäß verhält, kann das hürlestc Schicksal ertragen; cs mangelt ihm weder Kraft noch Muth dazu; jene gewährt ihm die Ueberlegcnheit sei- »er Vernunft über seine Sinnlichkeit, diese die frohe Aussicht, die ihm seine Vernunft und Rechtschaffenheit unter Gotcs Regierung offen hält. Dieses Leben ist gut oder übel nicht durch seine Freuden oder Leiden, sondern durch sein Vcrhältnifi zu seinem Zwecke nämlich zur!noralischen Gcsinnilllg, die keine Leiden unmöglich machen oder aufhcbcn können. Ferner: ״die Leiden, die mich foltern, können nur durch den beschleunigte» Tod geendigt werden; xS ist Geistesgröße, es ist Muth dem grausamen Schicksale auf diese Weise aus dem Wege zu gehen. Auch dieß ist Feigheit, die sich die Miene des Muthes gibt. Welcher Sterbliche kennt die