Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 1 (1.1.1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 11)
- Language
- German
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5 Meine Freunde! Wer nur immer die Geschichte des JudcnthümS kennt, wird mir zugcstehcn, daß Rang und Ehrsucht von mir ferne waren, denn daö kleine Häuflein Volk, Juden genannt, ist zerstreut am ganzen Erdbälle, ja von Millionen noch verachtet und den Unvernünftigen ein Gegenstand deS Spottes! Bis heute gehörte ich einer welt gebietenden Kirche an, zu welcher die Menschen der Erde sich zumeist bekennen, einer Religion, welche hier zu Lande die Staatsrcligion ist und welche durch menschliche Gesetze erhaben gehalten wird über Alle! Bon diesem Reichthume nun, steige ich nieder zur Armuth, vom Mächtigen, steige ich herab zum Unmächtigen, vom Anerkannten zum Verkannten und hier kann cs nicht Ehrsucht sein, sondern im Gegcntheile nur ein Verachten aller irdischen äußerlichen Macht, an welcher die innere fühlende Seele nicht hängt. — Mein Entschluß war frei, nicht ein Wort der Überredung, nicht eine Vorstellung wurde mir gemacht, ja, man versuchte cS sogar mir die Schwierigkeiten des Ucbertrittes Seitens des JudenthumeS zu beweisen, und nichts konnte mich von meiner Uebcrzeugung abbringen. Irdische Motive waren ferne von mir. Denn nicht wie eS öfters der Fall, daß LiebeSangelegenheitcn hiezu treiben, war es bei mir gewesen, ich besitze 8 Jahre eine Frau, welche ich nie verlassen werde, und welche ich im Geiste noch an dieser heiligen Stätte von neuem Treue schwöre, und, daß Geld oder andere Ursachen mich nicht bestimmten, zeigt Ihnen meine Freunde, daß ich diesen Akt hier als Gefangener vornehme, arm und verlassen — aller Hilfe bloß — von den Staatsgesetzen verfolgt! — Aber eben diese Lage, in welcher Ihr geliebten Freunde, Euch alle jetzt mit mir befindet, hat mein Vorhaben am meisten bestärkt; denn gerade im Unglücke — von allen Menschen verlassen — arm und hilflos braucht, man den Trost der Religion, hier! da hier in der Gefangenschaft! ist der einzige, wahre Freund nur Gott, der ewige, allbarmhcrzige Vater! — Diesem Gotte glaube ich mich zu nähern, wenn ich das Bekenntnis meiner Väter annehme, meiner Väter aus dem Stamme Lcvi, welchen Moseö angehörte, jener Mann, welcher von allen Zungen der Welt, — von allen Rationen ünd Religionen als der weiseste Gesetzgeber genannt wird, und welcher durch besondere Eingebung einer höhcrn Macht Gebothe gegeben hat, die unverfälscht sich Jahrtausende erhalten, und noch sich halten werden, bis ans Ende der Welt. Der wichtigste Einwurf, welche mir meines Rücktrittes wegen gemacht werden wird, wird gewiß jener sein, daß sehr viele sagen werden, daß cS heutzutage, im 19. Jahrhundert nicht nüthig sei, einen ReligionSwcchscl vorzunehmen,— dast jeder Mensch ja ohncdieß glauben könne, waS er wolle, daß eS eine eigentliche Religion gar nicht gebe, und cs gleich sei, Jude oder Ehrist zu sein und sich kein „Aufgeklärter" über und wegen der Religion zu kümmern habe. — Meine Herren! Gestatten Sic mir, bei dein einzigen Worte „Aufgeklärter" stehen zu bleiben! Wer sind, frage ich, die sogenannten „Aufgeklärten" unserer Zeit oder vielmehr, wer sind jene, welche sich aufgeklärt nennen? Peisoncn, welche sich m den Strudel des Lebens hincingcworfcn, welche keinen Begriff won Wissen schäften haben, — oder die Schale einiges Wissens nur äußerlich beleckten, — Personen, welche im Rausche des Wcltgcrümmcls die mahnende Stimme der Ratur und Gottheit unterdrücken wollten, — solche Menschen nennen sich dann hochtrabend „Aufgeklärte" und werfen das unbequeme l^ewand der Religion von sich! Ich, verehrten Freunde, will behaupten, daß gerade die Wissenschaft zur Religion führt, gerade die Wissenschaft cindringt in das Wesen der Schöpfung und dem Schöpfer den Plan ablanscht, welchen er bei der Gestaltung der Erde verfolgte. Je tiefer wir eindringen in die Wunder der Schöpfung, je mehr wir forschen nach der Entstehung des Menschen und des Weltalls je näher kommen wir einem Punkte, und dieser gipfelt sich in dem Satze, welcher lautet: Hier muß ein Schöpfer gewesen sein, welcher die Urstosfe in scinev Ordnung schuf. Ich, meine Freunde, will sogar noch weiter gehen, und Ihnen bekennen, daß ich aus der Wissenschaft die Religion geschöpft. — — I a! daß ich aus G rü »den d er W i s s c n s ch a f t h e n t c; u m Jude nthumc übertrete, denn nicht religiöser Fanatismus trieb mich^hiezu, sondern wahres Denken. Kühlen und Erkennen! — Freunde I ich kann mir eine wahre Bildung ohne Religion nicht' denken, ich kann mir keinen Aufgeklärten cinbilden, welcher keine Religion besitzt, und, wenn ich sagte, daß die Aufklärung mich zum Jnd.'nthumc trieb, so verfechte ich diesen Ausspruch damit, weil ich die Satznngcn des Indenthumcs allcin'Jzanz begreifen kann, weil das Gnmd Dogma aller jüdischen Rcligionsbegrisfe darin besteht; in dem Satze: E» gibt nur einen einzigen einigen Gott — und weil ich diese einfache Vehrc so gut und klar begreife, als die Lehre der Ratur, welche von dem Gesetze der Schwere, der Ansdch - nung, oder der Elcetricitüt handelt! Ich wage cs nicht die christliche Religion anzutasten, der Gott welcher die Erde als Wunder schuf» — der Gott, welcher u irS göttliche Wunder zur Erde brachte, hat auch die Kraft andere Wunder zu wirken — demnach achte ich die Dogmen der katholischen Kirche, und werde nie an das Gebäude derselben rütteln. — da ich Ihnen meine Freunde! aber sagte, daß ich meine religiöse Ucbcrzengung aus der Wissenschaft schöpfte, so konnte ich — mich nur Begriffen nähern, welche mein Verstand zu fassen vermag, und mußte für meine — Person, nach meinen schwachen Begriffen alles was außer der Lehre des einzigen — einigen — Gottes war — bezweifeln!!.'. und besser ist cs dieser Religion ^janz zu entsagen, als m i t ihr und i n ihr zu leben — es dünkt mir dieses eben so als es besser ist einen Freund ganz zu verlassen alS mit demselben fortznlcbcn, wenn man Zweifel an seiner Wahrheit, Ehre und Aufrichtigkeit hegt! Den Glauben aber an einen einigen einzigen Gott habe ich von meinen Eltern ererbt. Selbst als Jude geboren, als Kind von Jahren, gewaltsam dem Ehristcnthumc überliefert, habe ich dennoch den Glauben Israels cingcsogcn, und mein Her; hing an demselben wie an meiner Mutter! - — - Dieser Glaube an den wahren einzigen Gott leitete mich bis her und, wenn ich znrttckblicke als ein wildes Ehaos diese Welt gewesen, — und die Meere sich absondcrtcn um daS Land, welches Menschen bewohnen, den Strahlen der Sonne auSzusctztn, — wenn ich zurnckschaue wie der Schöpfer der kleinen Anzahl Urstosfe, seit die Erde besteht ein Amt angewiesen, damit jedes sich'verbinde zu den Millionen Arten von Körpern, wie alles nur für uns Menschen hier ist zum Rutz und Frommen, — jeder Stein arbeitet für die Menschen; dann muß ich begeistert ansrnfcn: “Jchi Schein Adonai inoworach ineatoli weat onlain.14 Und nun meine christlichen Freunde, »icinc gewesenen Glaubensgenossen! nachdem ich die (Gründe meines Ucbcr« trittcs darlegte, bitte ich meiner nicht zu zürnen! Sie, meine Freunde, find zu gebildet, zu sehr vom Geiste der Rcnzeit beseelt, als daß Sie einen Unterschied zwischen dem Men scheu „Ehrist"! und den Menschen „Jude" machen sollten. Die Religion läßt sich nach Erkennen wechseln, der? ^Mensch wechselt sich nie. Berücksichtige» Sic besonders, daß i ich^M' geborener Jude gewesen und das nur wurde, was vjchwar —Hind demnach bitte ich diejenigen Freunde, welche mir lsier nur int Unglücke gewogen waren, mir auch ferner freund-"- lich^zu bleiben. Haben sich vielleicht durch Mißverständnisse oder wie immer Vorurtheilc wider mich gesammelt, so bc rücksichtigcn Sic, daß wir alle hier aufgeregt sind, alle durch unsere traurige Lage beeinflusst werden, und wir draußen in - der Freiheit und mit mehr Offenheit entgegen kommen werden und können, Rehmen Sie aber hier an dieser heiligen Stätte die aufrichtige Versicherung, daß „der Jude-Sternau-