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Die Gegenwart · 1869-01-01 · 1 (1.1.1869) · p. Seite 4

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
1 (1.1.1869)
Date
1869-01-01
Page
Seite 4 (sequence 10)
Language
German
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4 I Wenn aber nirgends so gilt hier der Grundsatz medicc cura te ips um (Arzt hilf Dir selbst^ denn uns wird , von nirgends Heil und Hilfe kommen u. z. von der hohen Regierung nicht, denn sie weift cS ja nicht, von den Gemeinden viel weniger, da sic sich nicht so^leicht eines Privilegiums cntäuZcrn werden. Wo also Hilfe suchen, in der Eintracht, „Eintracht gibt Macht," lautet ein bekannter Spruch; indem wir alle wie Ein Mann unsere Stimmen zur hohen Regierung erheben. Auf welche Art ist dicft also möglich? Wenn die Vdjrcr noii dem Vereinsgcsctzc den bc stcn Gebrauch machen, der ihnen bisher unbekannt war. Unbeachtet des materiellen Ankens ist cs aber ein noch schö ncrer und erhabener Zweck in den Vereinen. Wenn-ich nicht irre, sagt Aristoteles irgendwo einmal: der Mensch ist ein geselliges Thier. Er gründet nicht nur den gesellschaftlichen Verein der Familie und des Staates, sondern im Staate schließen sich wieder glcichstrcbcndc zu Ständen und Gciiosscnschastcn zusammen und in dieser corporaliven Organisation beruht die Leben und Entwickclungskraft des Staates als der Bereinigung der bcsondcrn GcsellschaftSabtheilungc» oder Vereine. Das eonstitutioncllc Staatsrecht stellt daher auch das VcrcinSrccht unter die Grund- -r-- rechte. Den Lehrern allgemein und dem jüdischen ganz besonders hat man dasselbe verkümmert. Bon der andern Seite hat die BolkSwirthschaftslehrc theoretisch und praktisch gezeigt, welche gewaltige produktive Kraft in den Vereinen liegt, da sic entweder Kapitalien oder Arbeitskräfte ansammcln, »m Großes zu erreichen, welches die Kraft und Lc« bcnszcit des Einzelnen weit übersteigt. Wenn Industrielle Geld und Einsicht zu einer Unternehmung zusammenlcgcn, so fühlt anch der Lehrer das Bedürfnis, das Kapital der Erfahrungen und die Masse der Einsicht seines Standes zu vereinigen, um dadurch die Aufgabe seines Gebens und Strcbcnö zu fördern. Er fühlt das Verlangen, mit Eollcgcn Ansichten auszutauschen, Erfahrungen mitznihcilcn, schwierige Fragen zu überlegen, um sich durch diesen Austausch an Einsicht z» bereichern, sich anrcgcn zu lassen und zur Selbstkritik seiner Ansichten und Lchrwcisc zu gelangen. Die Ralur seines Amtes macht ihm solchen Verkehr zum Bedürfnis, denn nichts ist peinigender und mislichcr als ein einseitiger Lehrer, der sich in gewissen irrigen Ansichten scslgcrannl und keine Gelegenheit gefunden hat, diesen Fehler zu bemerken. In dieser Lage befinden sich die isr. Lehrer da ihrer selten mehrere beisammen sind. Sie gerathen aus der geistigen Strömung heraus, bleiben regungslos stehen, altern in geistiger Beziehung vor der Zeit, werden Pedanten, streitsüchtige eigensinnige Schulmeister und ulv< solche eine Plage für die mnntcre, frischaufftrebendc Jü gcnd, die Anregungen eines LchrcrvcrcincS, in welcher sich verschiedene Meinungen begegne», bringen einen frischen Lichtzug in daS stagnierende Lehrerlebcn. Veljvci lu'vcinc sind die wirksamsten Mittel für die Fort bildnng des Lehrers; sic erfrischen und verjüngen ihn. erheitern ihm das Amt, bringen in sein einförmiges Leben belebenden dlkciz. Denn außer den Verhandlungen, wirkt der gesellige Verlehr mit Kollegen wohlihätig, cs treten Gleichgesinnte einander näher ver'.biedcne Schulen messen ihre Kräfte und nvthige» zur Vergleichung, inan lernt Akünncr persönlich tenncn, die als tüchtig belaunt sind, erhält über dieses oder jenes weitere Auslünft. '»ur wer einmal solchen Versamnilnngc» beiwohnte, der wird jene Tage des Vei sannncnscins zu den schönsten seines Gebens zählen, zugleich aber auch die Bereicherung siines Wissens, die Befruchtung seines Strebens lies cinpsinden. Die knapp beniesscnen Ge chaltc mögen einen guten Theil der Schuld an der unerfreulichen Wirlnng tragen, daß wir bisher keinen Verein besitzen. In der Zeitschrift, welche der Lehrer liest, wird bloß die eine Richtung vertrelen, und wenn ja eine Gegenansicht ausgesprochen wird, so geschieht dies; erst nach Wo chen und Monaten. ..Man rennt sich wenn man nur wenige Zeitschriften liest - und in dickem Falle sind die meisten Lehrer — sehr leicht in gewisse Ansichten fest, die bald auch zu Vorurthrilen werden. Wie anders wirken die Ver- , sammlungen! — Der Lchrcrbcruf ist vorzugsweise besonders geeignet, das Leben;» verbittern, zu verkürzen und zu verstimmen. Es gehört eine große Selbstüberwindung dazu, denselben Stoff zeitlebens zu lehren, dieselbe Leichtfertigkeit und Nngczogcnheit zu bekämpfen mit demselben Eifer, mit derselben Ruhe mit Geduld nnd Milde zu thun. Wie viel Verdruß hat ein Lehrer zu ertragen! Wie hartnäckig muß er gegen den Unverstand der Eltern ankämpfcn, Undank ertragen, und muß sich nach geistig 'abstnmpfendcr Arbeit manche harte Entbehrung auferlegen. Ihm ist eine Erheiterung dcS Gcmüths, eine Anregung, die ihn äuS dem Triebrade der AlltagSarbcit heraus lockt, mehr ein Bedürfnis als jedem andern Arbeiter. Wer Stunden lang nur mit Kindern verkehrt, fühlt das dringende Bcdürfniß, auch einmal mit erfahrenen und gebildeten Männern zu reden und deren Wissen sich anzneigncn. Ich könnte Bogen beschreiben mit der Rothwendigkeit und Wichtigkeit der Lchrervereine und besonders der jüdischen, allein ich will hier das bisher angeführte resümieren und cs wirft sich noIen8 volens die Frage auf: Wenn nun die hohe Regierung mittelst SraatSgrnndgcsctzvom 21. Dezember 18(57 Gleichheit aller Staatsbürger wozu auch der jüd. Lehrer gehört, ausspricht und uns also anch der Gebrauch deS BcreinSgcsctzcS zustcht, welchen Gebrauch machen die jüd. Lehrer Böhmens? Die Antwort mag der am 17. Mai 18(58 gewählte Vorstand geben. A. Stein Lehrer In Neweklau. Me gehalten am 28. September 18(58 im israelitischen Tempel zu Tuben voi^Louis Ttcrnau Goldschmidt.*) Auf meinem Lager, in den NächllN, suchte ich, den meine Seele liebt, ich suchte Ihn, bis daß ich Ihn gefunden, den meine Seele liebt! Meine geliebten Freunde! Das Her; pocht im Busen, wenn cö sich des Augenblickes bewusst ist, welcher hier eben vorüberzog; ich habe die Wichtigkeit dieses Schrittes erforscht, ich habe genau überlegt die That und gefunden, daß ich dafür, was jetzt geschehen, nicht nur den Menschen, sondern Gott Rechenschaft schulde. — Vor Gott jedoch bedarf cs keiner Rechtfertigung, der Ewige prüft Herz und Nieren, er, der Allmächtige weiß die Ursache, — aber Menschen gegenüber muß und will ich die Gründe auScinandcrlegcn, welche mich zu diesem hochwichtigen Schritte bestimmten. *) Gewesener Herausgeber der „Allg. es!er. HandelSzeitnng," mit dem Schrijsteilcrnomen Loniü Sternau, seil 17. Dezember 1H(>7 in der f. k. Haitanslalt siir gebildete Sträflinge, wegen mehrerer verübter Prcßprozesse inhafiirt, trat daselbst znm Iudentbnme über. Goldschmid-Stcr» unit ist einer angesehene» i'raclitü'chen Familie entsprossen, welche sich in den 3«»er Jahren in Wie» ansiedc!''. Xureb den enorm n Druck, welchen damals die Juden zu erdulden ballen, folgten aber die Eltcen desselben dem Ralhc der Jesnilen, w-lche ihnen siir die Ziüunit alle Rechte und Freiheiten in Aussicht stellten, so zwar, daß "Rater. Mutter der Knabe Morilr und die TocbterZnlie am 18. Mai I8N> in der .Kirche,,;n de» 'J Ehören der Engel" am Hofe zu Wien, znm Christen Imme über traten. Die Feier des Nebertriltes im Gesangcnhansc zu Sude» w r eine höchst erbebende. Niedrere Hundert Gefangene waren versammelt, an deccn Lpihc sich der "Rc.waltcr der Anstalt befand. Tic Feier wurde von dem Rabbiner und Prediger zn Li»z, Herrn Dr. Wilhelm Stern geleitet, ^iach dem üblichen SchachrcSgrbetc verrichtete Goldschmid znm ersten Male den Segen (Lrochn) über die Thora, worauf Herr Dr. Slcr» eine ergreifende Rede in schwungvoller Sprache hielt. Sodann betrat Goldschmid gleichfalls die Kanzel und hielt eine Abschicdsrcde an seine chü'tlichen Glaubensgenossen, in welcher er die Motive seines Ne bcrtrilleS darlegt und welche Rede so sehr berührte, baß viele Augen mit Thränen grsüllt waren. Die Frier schloß mit einem von Goldschm. gesprochenem Gebete für den Kaiser und die östcrccich. Volksvertretung.

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