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Die Gegenwart · 1868-12-15 · 26 (15.12.1868) · p. Seite 276

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
26 (15.12.1868)
Date
1868-12-15
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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276 deln gauz nach der Vorschrift de» Gesetze», wir geben unseren Lehrern da», wa» sie in ihrem Decrete fixirt haben ohne den geringsten Vorbehalt. Das gibt'S beim Inden nickt. Er ist aus alten Zeiten her gewöhnt, das unerträgliche Gesetz zu umgehen und so treibt er es fort und die liberalste aller Gesetzgebungen, so wie wir sie in Oesterreich unstreitig jetzt besitzen, ist nicht im Stande es anders zu machen. PH. Lederer offenst. israel. Religionelchrrr in Pardubitz. Aede des Ne. Ltbert Hohn an dem Grabe James von Rothschild. Bevor wir thencre Freunde, die sterbliche Hülle Jhre» würdigen und geehrten Vaters in die Wohnung, welche die Menschen als die letzte bezeichnen, einführen, erlauben Sie mir in wenigen Worten, einen Theil seines so edel erfüllten Lebenswandels zu zeichnen; andere Stimmen und angesehenere Personen werden wieder die verschiedenen Phasen seiner ebenso mannigfaltigen, als auch nutzbringenden Thätigkeit zu erkennen geben; ich beschränke mich, ihn als Mensch und als Israelit Ihnen zu zeigen. Geboren in einem kleinen Hanse der Iudengasse in Frankfurt, und jetzt in der Mitte einer so zahlreichen und achtungsvollen Begleitung von Paris zu Grabe getragen, jener Stadt, worin er gelebt, gewirkt, und beinahe scchozig Jahre sich nützlich zu machen wusste, war Jakob, Sohn des Mayer Rothschild ein streng Gläubiger und wahrhaftig human. Im größten Glücke, wie in der Mitte der Proben, die die göttliche Vorsehung ihm zuschickte, unterließ er nie die Worte unseres Erzvaters Jakobs anszurufcn: „Auf Deine Hilfe vertraue ich, o Ewiger!" Diese nicht weniger intelligente, als aufgeklärte Frömmigkeit hat er in der religiösen Erziehung.seines väterlichen Hauses, und in der Erfahrung eines so mächtig bewegten Lebens geschöpft. Seine Religion trug das Gepräge einer wahren Humanität. Gern führe ich Deine eigenen Worte an. theuerer Bruder. Als Du vor fünf Jahren in der reichen Wohnung, die Dir Gott zu erbauen gest attet.', ein Bethaus D e i n e m, unserem Gotte widmetest, so weihetcst Du es ein mit den Worten des heiligen Gesetzes: „Damit Dein Bruder an Deiner Seite leben könne." In den^wichtigsten Angelegenheiten seines Hauses wollte er, daß sein Bruder an flincr Seite leben könne: Reich wie Arm, Jude wie C h r i st, jener der seiner nicht bedurfte und jener, der -seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gcnöthigt war, und besonderedachte er an den letzteren, um ihm das Leben leicht , und angenehm en ma.che.n^_F^1uL—jeder—Uebertreibnng -und j Tlcbcrspänntheit kannte er keine» Groll. James von j Rothschild war der gesunde Menschenverstand j und die Au fr ich ti g k ei t selbst: der gesunde Menschen- I verstand, um die Menschen und die Dinge nach ihrem wah« j ren Werte zu beurtheilen und die Aufrichtigkeit und die l Treue, um die Verpflichtungen, die er eingegangcn, und die Unterhandlungen, die er eingeleitet, anSzuführen. Wohl würde | dieser Ruf Ihnen meinen theueren Freunden, eine schwere i Last sein, wenn er nicht gleichzeitig die solideste Stütze, die j festesten Grundpfeiler Ihres Lebens sein sollte. l „Ich nehme von Dir Abschied, verehrter Bruder, im j Namen aller Unglücklichen, die Du getröstet; — ich nehme i von Dir Abschied im Rainen aller Stiftungen, die Du selbst i ins Leben gerufen oder unterstützt; — ich nehme von Dir > Abschied im Namen all' desjenigen, was Du gethan hast in I Paris, in Jerusalem und überall, wo man zu Dir seine! Zuflucht nahm; — ich rufe Dir ewige Ruhe zu im Ra-! men der allgemeinen Wissenschaft, der israelitischen insbesondere, die Dein edles Herz aufgemnntcrt hat, sei es durch Unterstützung ihrer Geistesprodukte, sei eS durch Erleichterung des Lebens jener, die denselben ihre Zeit und ihr Mühen widmeten. Und jetzt, indem Sie die Eitelkeit jeder irdischen Größe anerkennen, mögen Sie, gestärkt durch den trostbringenden Gedanken, daß das auf Erden gestiftete Gute nicht verloren geht, mehr als jemals sich an jenen halten, der für Sie der liebreichste Mittelpunkt Ihrer Bestrebungen und Berathnngen bleibt. Eins in Herz und Seele werden Sie fortfahrcn dem edlen Vorbilde, das Ihr edler Vater Ihnen gewesen, zu folgen; denn er schlägt nun seine Wohn - Auch die Gerichtssitzung ging ohne Störung vorüber, — Konig Salonua^war Justiz:,,nüster geworden, der Oberpräsidcut des Gerichts mar Friedrich Wilhelm der (Gerechte, — die Richter waren verschiedene berühmte christliche, muhamcdanischc »nd heidnische Rechtsgelehrte, und als Advokaten der verschiedenen Parteien traten Cicero, Demosthenes und Maimonidcs anf. Im Hintergründe des Saales stand ein deutscher dichter, — der knirschte mit de» Zähne» und sagte: „Das jüdische Clement mischt sich in Alles!" Aber ein Anderer, grünenden Lorbeer um die gedankenreiche Stirn tragend, trat aus ihn zu, klopfte ihm aus die Schulter und sprach: „dieses Clement mischt sich in Alles, nur nicht in deine Gedanken; denn eS fehlt ihnen der Weift und die Gerechtigkeit I" - Dann ging er stolz weiter, und die Engel neigten sich vor ihm und sprachen: „Sei uns gegrüßt, Ludwig Baruch Börne I" Die Seele» eilten in die verschiedenen Hörsälc; denn cs waren Vorlesungen angckündigt worden. Maut sprach über seine , Mritik der reinen Vernunft," und Spinoza redete von den Lehren des Glaubens. So ging es fort, und die Harsäle waren sämmtlich bcvölkcrt. obgleich in einem derselben sogar ConfnciuS seine Ideen der Verehrung GottcS zum Vesten gab. Die Hörer waren mit den gehaltenen Vorträgen sehr zufrieden, und einem der Vortragenden, dem Philosophen Mendelssohn, wurde auf Ansuchen seiner Schaller, unter denen sich auch Joseph II. befand, von dem Concertmei. ster — König David — ei» Sländchen gebracht, bei dem man einige neuere Composttionen Mendclssohn-Vartholdi'S auf Harfen vortrug. Eo kain die Mittagszeit heran, und die Börsenglocke wurde gezogen. — Die handeltreibenden Rationen versainmelten sich und Engländer, HoÜänder, Phönizier Amerikaner. Inden re., zogen im bunten Gemisch durch einander. Ich konnte der Juden durchaus nicht mehr als andere Leute, erblicken, obgleich ich Einzelne dieser Nation ganz besonders beschäftigt sah, — dagegen bemerkte ich sehr viele ehrliche Deutsche, welche sehr still niid verstohlen ihre Schäfchen — oft mit Wnchcrzinsc» in's Trockene brachten. Hcimann Levh'o trübselig komische Figur konnte ich nirgend entdecken, obgleich ein Alstutherancr-Conunerzienrath, dcsien Religion der Geldbeutel war, mir versicherte, daß er erst unlängst durch Lcvy's allznlauteS- „Was zn handeln?" in seinen Bcrechnungeu gestört worden sei. Dann begann die Mittagstafel; — man hatte sich in bunte Reihen gesetzt, und ich hörte, daß diese Sitte hier schon seit Jahrtausenden eingeführt sei. Ein jüdischer Dichter des »cunzchnten Jahrhunderts kam an mich bcran. „Guten Tag!" sagte er mich begrüßend, „Friede sei. mit Dir — lieber College. — sei »nS willkommen i» diesen heilige, i Hallen I" „Danke, danke I". erwicderte ich. — „ihr habt hier bessere Tage alS wir da unten, — eS könnte sich Mancher ein Beispiel nehmen I" „Hier ist gut wohnen I" sagte der jüdische Dichter, „keine Censur, — die Juden totalitcr rmaneipirt, — sogar die Mischehen sind ertaubt! Mein Herz begann laut zu pochen, — da bin ich — leider, ach leider, — erwacht I Vor mir auf dem Tische lag der Entwurf zu einem neuen Jndcngesctz in de» Aschen Staaten, und ich hatte nach Lesung de», selben Schwefeläther eingcathinet — um meinen Schmerz zu betäuben.

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