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Die Gegenwart · 1868-12-15 · 26 (15.12.1868) · p. Seite 274

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
26 (15.12.1868)
Date
1868-12-15
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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platze jener Unthaten 'beordert; jedoch die Kommission ist durch mehrere nicht näher zu erörternde Umstände ift der vollen Entfaltung ihrer Thätigkeit gehindert, und daher sahen sich auch Prcßbnrgcr und Milchdorfer Gemeinden genöthigt, die energische und unparteiische Untersuchung dieser Angelegenheit beim Ministerium zu erbitten, das auch einer bezüglichen Deputation die weitgehendste Unterstützung bereitwilligst zusagic. Nur durch die Entsendung eines königlichen Eommissärs, dessen Schritten durch mehrere hundert Mann Besatzung Nachdruck verliehen wird — kann wenigstens die fernere Sicherheit der Person und des Gebens der dortigen Juden gesichert werden." So brklagen'>wcrth dieser tragische Borfall ist, so ist der primitive Enlturzustand jener Menschen, die mit' der Freiheit Fangball spielen um so bedaucrnSwerther als von solchen Akten mittelalterlicher Rohheit auch solche Individuen nicht ausgeschlossen werden, die gemäss ihrer Stellung auf Intelligenz Sluspruch machen wollen. Finden wir es mit dem Geiste der Zeit milder Höhe der Zivilisation unvereinbar, daß die Freiheit, die den geknechteten Inden znm freien Bürger eines Landes machte durch Aexihicbe und Todtschläge inaugnrirt werde, so muß cs uns unbegreiflich erscheinen, daß die ungarische Regierung bei schon so oft vorgekommene» Fällen nicht mit Energie cinschrrite, um der barbarischen Wuth eine- Betharhaufens, der mit Ezikosgclänfigkcit mir nichts dir nichts ei» Menschenleben aus der Welt peitscht, ein Ziel zu setzen. Für eine solche freiheitliche Errungenschaft mag sich der elendste der Sklaven bedanken, die für ihn keinen andern Werth hat, als sein und das Vebcn der Sein!gen stets in Gefahr zu sehen. Der Jude wird zwar nicht verbrannt, aber er wird zuweilen zu Tode geprügelt und dieß Alles weil die freiheitlichen Institutionell, die sich auf alle Menschen erstrckkrn sollen, mit den eingewurzelten Bornrthcilcn mancher Berkomincncr und moralisch Gesunkenen nicht ttbcrcinstimmen. Und in der Thal, wenn cs so fort geht, daß bald ein Jude Zug herannahe»; stille und träge bewegte er sich vorwärts dieser Zug mit lebendigen Reichen. Arsicl batte Mühe sich aufrecht zu erhalten, erst die Aufmunterung des Schiffers veranlasite ihn, mit ihm in die Barke zu steige». Drei Tragbahren kamen Hera», auf jeder befand sich ein zngenähtrr Lack, anS dem ceitwcisc ein dumpfer Aufschrei zu vernchmrn war.'Die Eiiimcheii srtztrii ihre traurige Saft in der Nähe der- Brandung ab und der Aufseher trat an die Barke Hera». ,Du solltest ja allein sein, Mann!" rief er dein Schiffer zu, alS er einen zweite» im 'Uiliu bcnierkte. „Wohl, Herr, ich nahm eine» Gehilfen mit. daNlit er daö Fahrzeug gegen den Strom halte, während ich die Säcke in den Fluß werfe." „Wut denn," enigegnete der Wächter, von dieser Auskunft befriedigt lind gab den Sklaven ein Zeichen, das diese verstanden. Die Arbeit begann. Der erste Sack wurde in den Kahn gehoben, die Schiffer stiestcn damit vom Ufer ab. Arsicl» Herz klopfte in lauten Schlägen, er ries' Aziza S Namen, erhielt aber keine Autwort. Der Schiffer vollbrachte sei» Werk, ein leiser Aufschrei, ein dumpfer Schlag der Welle, daS war alles — und ein Me», schenlcbcn war vernichtet. Die Beiden kehrten an s Ufer zurück, luden den' ziveitcn Sack in den Kalm.v derselbe Ruf Arsiels, dieselbe Erfolglosigkeit und daSselbe Schicksal der llnglücklichcn. Die gierige Fluth machte einen raschen Kreisel um ihre neue Beute und rauschte wie vorbei» dahm. Noch ein ^pfer" befand sich am Ufer, cs mußte Aziza sein! Es dunkelte bereits stark, als der Kahn znm dritten Mal in den Fluh trieb i Arsiel rief;u»i dritten Mal de» thcucrn Namen, eine gebrochene Stimme rntgegnctc Arsiel! Sic war eS. Der Schiffer fuhr mit kräftigem Ruderschlag weit in den Fluh hinein. Arsicl schlang den Gurt um. den Sack stürzte sich mit ihm in die Fluth und schwamm mit seiner theuern Last unter Anstrengung der Bcrzivcistung dein jenseitigen Ufer zu. Mit Mühe war eS ihm gelungen, wieder Boden zu faffen, und alS er da- Ufer hinanklimmte, kam ihm eine weinende Gestalt entgegen. et war Zeinab. u,,. vom Stuhlrichter zur Prügelstrafe verurtheilt, bald einem jüdischen Arzte, der zu einem christlichen Kranken geholt, eine Nacht hindurch der Aufenthalt in einem Sumpfe vergönnt, bald wieder es ans Menschenleben oder Rippenbrüche abgesehen wird, dann freilich wird und muß den ungarischen Juden die Freiheit als ein grünender Baum erscheinen, dessen Zweige zu Prügelinstrumenten benützt werden. Oie jüdische Schule und der jüdische Lehrer Böhmens. Wir kommen heute auf ein Thema zu sprechen, das schon so vielfach in den verschiedenen Journalen aller Färbung vent>liert worden ist, daß kaum noch etwas gesagt werden könnte, was nicht schon da gewesen wäre. Wenn wir dennoch das Wort ergreifen und die breit getretene Strasse neuerdings betreten, so geschieht dieß darum, weil cs jetzt an" ist, während im Ministerium eifrig über die Vorlagen zu den neuen Schulgesetzen gearbeitet wird, auch ein Wort über das Wesen der jüdischen Schule in die Ocffcntlichkeit z» schicken. Merkwürdig und bcachtenswerth erscheint der Umstand, daß bei dem unverkennbaren Fortschritte des Unterrichtes, bei dem unbestrittenen zeitgemäßen Aufschwünge der Schule, Eines sich dennoch gleich geblieben: Die elende Stellung des jüdischcn 9 chrcrs. Ich weiß wohl, daß ich bei Berührung dieser Frage in ein Wespennest steche, bin mir ferner bewusst, daß die schwache, unvedentcnde Kraft meiner Feder-ckanm einen moralischen Einfluß zu üben im Stande sein wird: dennoch nehme ich keinen Anstand, das öffenilich zu sagen, was noch als Brandmal, als Schandfleck auf uns lastet, und wären cs auch „Dank, Dank, mein Gebieter! Ich wußte ja, Du würdest meine Herrin retten, ich baute auf Dich, so wie ich auf Allah baue. Daß er Dir dafür lohne und Dir sein Hinunelreich öffne." Während dieser Hcrzcnsergießungen der Sklavin, denen Arsiel wenig Beachtung schenkte, entledigten sic Aziza ihres leinenen Sarge» nnd fanden sie leblos, der Todcsschrcck und die Kälte hatten sic starr gemacht. Sie trugen die—Dhnmächtigc irr den—Pavillon, der einige hundert Schritte entfernt war und wendeten ihr alle Sorgfalt zu. Nach vieler Anstrengung wurde Arsiel s Mühe belohnt, denn ihre LebenSgcistcr kehrten lvicdcr. Sie schlug die Augen auf nnd Arsicl fühlte einen zitternden Kuß auf seiner Hand. Dir rbränen, die sich ans ihren Augen perlten, sollten der Dollmctschcr' fein, für das. was sie für ihren Lebensretter empfand — ein Blick, eine Throne sind ja so reich--an Worte»! Mittlerweile kehrten die Eunuchen in das Serail zurück nnd meldeten ihrem Gebieter die Erfüllung seines Befehls. Die Schmach, die ihm angcthan morden, sollte ganz gesühnt werden, Er befahl seinen Berittenen ihm zu folgen. Er wollte selbst Zeuge sein, wie d»S Haus, i» welchem der Brrrath an seinem Eigenthm» verübt wurde, der Erde gleich gemacht werde, damit jede Spur des BerbrcchenS vertilgt sei. Der Haß eines Despoten kennt keine Grenzen. Der Troß rückte näher, als ihn Zeinab gewahrte, die am Fenster Wackic hielt. Mit dem Schrei: „Der Kalif I" 'kürzte sic zu Boden und stich vor Verzweiflung ihren Kopf an den Estrich. Aziza vernahm das schreckliche Wort. Ihr Herz erstarrte, den matten Körper durch- Nickte der Todcskampf. Arsicl umschlang sic mit seinen Armen und wollte dem Tode seine Beute entreißen, aber waS er in -Händen hielt, war mir mehr die Leiche seiner Geliebten. Ihr letzter verklärter Blick galt ihm, und in dem sanften Lächeln aus dem geisterhaften Antlitz las er wie in Marmor gegraben die Hoffnung auf ein Wicderfiiidcn. — So fand ihn der Kalif, der zornglühend in daS Gemach trat. Arsiel wurde von der Leiche gerissen, man band ihn so wie Beinah und schleppte sie ins Freie. Hier sollten sic Zeugen sein von der Zerstörung ihre- Glückes. Die Diener legten Feuer an daS Ge^ bände, bald züngelten die Flammen auS allen Oeffnungen und ver- *

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