Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 24 (22.10.1868)
- Date
- 1868-10-22
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4890378-5433912-5433943--154-4890514- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Resultat ihrer Schöpfung Dank wissen, deren Werke von so monumentaler Große sind, daß sie förmlich im Sande verrinnen. Freilich zeigte jene Partei wohl von dem guten Willen keineswegs ab.r von einem organisatorischen Talente, mit welchem sie eine Repräsentanz ins Leben treten ließ, deren Leistungen deßhalb nicht verzeichnet werden iönnen, weil sie einen viel zu imaginären Charakter haben, und wenn auch nicht gehört nnd gesehen, in einer Weise empfunden werden, die mit dem nervus rerum in unliebsamen Zusammenhänge? steht. Tiefer neue rrpräscntatörische Körper, dessen achtzehnzähnigeS Räderwerk die an das Vorstehcramt inahnenden Traditionen zu zermalmen bestimmt war, sollte voll der Hoff- , nungen aus Riveliirung der Gcmeindcvcrhältnisse zu einem Koloß auwachscn, in welchem einfache Administration, Rati- > onalökonomie, Rrduzirung von Ausgaben, Erleichterung der , Steuerleistung sich vereinigen werden. Doch wie die Ersahf rung lehrt, daß die Praxis stets Stegcrin über die Theorie geblieben, mußte man in jener neuen Schöpfung mit d.er Zeit erfahren, daß sie weit hinter dem alten Schlendrian zurückgeblieben und, fast könnte man sagen, einen neuen geschaffen, der wie ein Karyatidcnhaupt mit struppigem Haare in die Zeit des Fortschrittes hmcinblickt und den Anforderungen der Gegenwart grinzend die Zähne zeigt. Damals hatte man jener einfachen Adminiftratlon Vorwürfe gemacht, die finanzieller Ratur waren, damals wurden dlm Leiter des Amtes, der in geistiger, personeller und einflußreicher Beziehung eine seltene Erscheinung war, Jnvcktivcn cntgegcngcschlcudcrt, die mit einer Art Mißtrauen vclmischt waren, damals hotte man! die ganze Amtsführung eine Zopfwirthschafl genannt, und die— Reaktion hcrbrigcsührt. Ohne daß man das Correktiv gut durchdacht und die Folgen in Vorhinein berechnen konnte, blieb die Zukunft, wie immer, ein Buch mit 7 Siegeln verschlossen. Rach einer Reihe von Zähren, nach einer Kette der verschiedenartigsten Erlebnisse wirst sich uns nun die Frage auf: Ist cS fett dem-Sturze des alten Regimes besser worj den? ist die Gemeinde besser vertreten? ist ihr Ansehen gehoben? sind ihr« Interessen besser gewahrt? Die Beantwortung dieser Fragen wird sich aus dem Folgenden heraus entwickeln. Es liegt uns die Absicht ferne, die Herren der Repräsentanz, die theils durch das Vertrauen der Gemeinde thcils durch Selbstvertrauen gewählt wurden, zu verdächtigen, viel- , mehr wären die uneigennützigsten Bemühungen derselben, unter dcncllsie dienst kostbare Zeit besser verwerthcn könnten, der Impuls die Dankgesühle zu wecken, und Niemand würde, wir sind überzeugt, so rücksichtslos sein, Thaten anzuerkennen, wenn eben Thaten vorhanden wären. Wir wollen die Thatenlvsigke t jener Herren, die es vielleicht ganz gut meinen, damit entschuldigen, daß sie eben die Verhältnisse der Gemeinde zu wenig kennen und 'in ihrer grotesken Gruppirung die nichts als politische Tendenzen verfolgt, die Hauptsache auö dem Auge verlieren; mit Einem Worte, daß die Herren an den grünen Tische „sitzen," mit der Zeit „spielen" und sich - nicht in die Karten blicken Tassen, befürchtend der Zuschauer l verstehe besser das Spiel als der Spieler. Wie gesagt, die; Herren vcrstehcn^nicht die Eomplizirung des Apparates, mit * dem sie die Vechällnisse in der Gemeinde regulircn und zum; Bedauern bilden sie im Kreise der isr. Gcmcindcaiigclegen- ' heilen eine Instanz, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden will. Ilm jedoch nicht, nie es so oft geschah, einer gewissen St cht geziehen zu werden, die man gerne mit Vor- : urtheileu verbindet, lassen wir uns die unerbittliche Logik der 1 THatsachen zu Hilfe kommen, um eben der Objektivität Rechnung tragend, das zu begründen, was etwa von man- ( chcr Seite schief ausgciaßl werden könnte. Bedenkt man daß in jener BorsteheramtSepoche, die : Population in Prag eine im Vergleiche zu der gegcnwürtij gen bedeutend .geringere war, da doch zu jener Zeit die Frei« > zügigkrit und Giweibesruheit nicht stattgefundcn haben, bcdenkt man, daß wie schon oben bemerkt, die Gemeinde durch , die Beschränkung des Domicils auf ein Stadtviertel die ver-! fchiedenen Auslagen, (die Cultusauölagen für sich berechnet) die I sich jährlich wenigstens auf 10,000 fl. beliefen, selbst bestreiten mußte, so finden wir daß bei dem schroffen Gegensätze, der sich in der heutigen Vertretung, die keine pvlitische, sondern eine rein kultuel le ist, kund gibt, das Budget von damals im Verhältnisse zu dem gegenwärtigen ein bedeutend geringeres war. Heute aber, wo dieser Selbstbestreitungsposten (von 10,000 fl.) seit 16 Jahren weggefallcn ist, wo die Ge» meinde eine eigene Anichlußsteuer zahlt, heute wo mit Ausnahme der Thalmud-Thora Schule, nnd des Waisenhauses, die größtcnthetls von Spenden und Dotallonen erhallen werde», die knltuelteu Ausgaben bütten dieselben bleiben können, heute ist die (über 13,<>00 fl. pro 1666 präliminirtc Eultuösteuer *) eine drückende eine förmliche .-I u d e n stc n er geworden. trs. ist konstaurt, dag zur Ereirung einer jüdischen Gemeinde 1. Synagoge. 2. Schächter, 3. rituelles Bad, 4. Spital 5. Friedhof und schließlich unter Umständen ein Rabbiner, die Erfordernisse find. Wir wollen diese Punkte beleuchten, um zu dem Resultate des KostenanswandeS zu ge langem Was vor Allem die Synagoge» in Prag betrifft, so ist cs notorisch, daß sie von den Synagogeniniigtiedern selbst erhalten uud von eigenen Adminislratioucn verwaltet werden, was das rituelle Bad betrifft, so ist dessen Verwahrlosung so wie die geringe Subvention, die der Instandhaltung desselben entspricht, hinreichend belannl, was das Spital betrifft, so erhsilt es ein Fond, was den Friedhof samnit den damit zusammenhängenden Beerdigungskosten anbelangt, so ist es bis zur Evidenz erwiese», daß sie von der Gemeinde, unter der Acgide der Becrdignngsbrnöcrschast vcslritten werden. Rach diesen Prämissen zu schließen, ergibt sich, daß die fünf tsr. Gemcindccrsordernisse wiewohl zum größten Theilr von der Gemeinde bestrilten, inclusive des in erbärmlichster Weise geführten Armcnwesens ein so großes Präliminare im Gefolge haben. Dasselbe betrug pro ,866, wie wir cs schon einmal in diesen Blättern specific,rlcn, für Knabenwaisenhaus, Talmud Thora-Schule **), Armenwesen und StiftungSbeiräge circa 3919 fl. (exclusive der Dotationen nnd Spenden), für Cultusfunktionäre und die beidenReligionslchrer (ander Zostfflädter Schule und den Mittelschule») 4735 fl. („ntee de nen ein Posten von 600 fl. für einen nicht existirende» Oberrabbiner) für Pensionen uud Gnadengaben 514 fl., für Besoldung, Pensionen und Gnadciigchallc des Amtspersonals***) der Kanzlei- und andere Ausgaben 0303 fl. Ei» so eklatantes Verhältniß, daö sich bei einer Verausgabung von nahe an 6000 fl. und bei einem Kostenanswar ic von mehr als 6000 fl. ergibt, den das isr. Ralhhauv verursacht, bahnt den rechten Weg zu dem richtigsten Begriff von der administrativen Verwaltung dcü isr. Gcmcindeverinögens. Um nun diese administrative» Schnitzer zu b schönigen, mußte, um sich einst vor dem Vorwurf einer schlechten Finanzvcrwaltung zn schützen, auf ein eigenthümlichcS Mittel spekulirt werde», das in der Anlage eines VennögenSfondeS (v. 45000 ft.) am probatesten erscheinen mußte; doch wer räumte der Repräsentanz das Recht ein, ans den zusamniengeschwitztcn Stcuergeldcrn eine Sparkassa zu machen für Zwecke, die sie selbst nicht kennt? welches Statut weist einen Paragraph für diese Zusammenklopferei auf? Die Gemeinde wenigstens kennt weder das Recht noch den Paragraph. Kan» man sich kann, die Willkühr erklären, mit der man den Gemcindeinitgliedern, die ohncdieß in Synagoge» und sei es auch m spontaner Beziehung, besteuert, übcrdieß von Wohlthätigkeitsanstalten und Vereinen in Anspruch genomnien sind, deren sich oft das ^Zartgefühl nicht zn erwehren im Stande ist, förmlich den Lebensnerv abzuschneiden sucht, indem man ihnen die EultuSsteuer abzwackt und abzwickt, damit das Kanzleipersonale eine angenehme gut bezahlte Siesta habe und man Remunerationen und Gnadcngabcn in elastischer Weise ausdehnen könne. Ist eS doch eine klägliche Ironie zu nenucn, wenn in gut ausgchciztcn SalonS, nach echt burcaukra- •) Separate Auschluhsleurr 8175 fl. 81 % kr. **) B sser gesaftl: L>hr«lvkr,orgung«a»statl (ftum. d. R'd ) •**) Für dl« tzilhrima der Snflungrn rin separat bezahl,er kramte der h. k. k. Statthalter«,. 24*