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Die Gegenwart · 1868-09-24 · 23 (24.9.1868) · p. Seite 246

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
23 (24.9.1868)
Date
1868-09-24
Page
Seite 246 (sequence 4)
Language
German
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246 greßc und einer mit Gesetzeskraft aus zu rüstnlde allgemein j verbindlichen Norm der jüdischen Gemeindeverhältnisse nicht , bloß in Ungarn, sondern auch vielfach anderswo cntgcgenstehcn. Seit die Scheidewand gefallen, welche die Bekenner des IudcnthumS in staatsbürgerlicher Beziehung von ihren anders glaubenden Mitbürgern trennte, konyte und kann und darf eS für crstcrc keine andere besondere Gcmeindcintcrcffen geben, als solche, welche sich auf Verbreitung der Kcnntniß jüdischer Religion, also der Rcligionsschulc und auf die Form des Ausdruckes des Religionsbekenntnisses, des Kultus beziehen. Damit aber dir Rcligionsschulc und der Kultus cutsprcchcnd den Forderungen und Bedürfnissen einer Ge sammthcit von Individuen oder Familien eingerichtet werden, ist cS vor allem nothwendig, daß diese Individuen oder Familien in Bezug ans die Prinzipien dieser Institutionen mit einander übcrcinstimmen. Wie weit aber gehen hier die Ansichten der Parteien auseinander! Während die Criiicu nur in modernen, den Regeln der SchönheitSlchre und der Kunst entsprechenden Forme» den würdigen Ausdruck der Andacht anerkennen, fühlen sich die Anderen nur dann befriedigt, wenn sic ihre Gefühle und Gedanken an Gott in voller Unmittclbarkcit^mit der ganzen Gewalt leidenschaftlicher Stimmcrhrbung m,d Gestikulation richten können, und . letztere perhorrcszic^enHeldst das moderne Crnot der Cul- | tusfunktionäre und deren Gestalt (hin und wieder sogar nicht mit Unrecht) als C'liukas hagoi.?lber nicht äußere Formen j die minder wesentlich, bilden Diffcrcnzpunkte zwischen den! einzelnen Parteien: die tieferliegenden Unterscheidungen sind , wichtig genug." um in einem früheren als dem jetzigen Jahr- , Hunderte, das nicht mehr an etwa das 16. und 17. zur i Bildung stereotyper Glanbensbe'enntnisst geeignet ist. solche ganz wohl zu svruiuliren. Die Einen nähmlich wollen von; einer speziellen Nationalität der Indenhcit nichts wissen, sie 1 halten sich erst dann für echte und rechte Patrioten, wenn sic gleich der mehr lächerlichen als erst zu betrachtenden Kas- . selcr Versamintnng, jede Erinnerung an Palästina auS ihren | Geboten und Zeremonien, jede Sehnsucht nach endlicher Verherrlichung der Ansgaugsstütte moralischer Eivilisation anS ihnen und der Heranwachsende» Jugend Gemüthcrn vcrdrängen. Wir wollen hier mit diesem nicht etwa polcmisiren, weisen jedoch bei der fast dennnciatorischcn Reklame, welche fic für ihren PatriotisinnS machen, „ans England hin, Mo _ Männer im Pallamcntc sitzen und von ihren Mitbürgern zu heben ElircnsitUüi gewählt werden, obwohl sic kein Pünktchen aus einem Iota im Glaubcsbekenntnissc ihrer , Väter aus loschen lassen, ja dass.lbe als ihr eigenes durch Wallfahrten nach dem heiligen Lande kundgcben, und wo der strcngorthodorc Or. Adler, DIsraeli gewiß ob ihrer lieber"' zcngung von der einstigen Glorisilation Palänina'S nicht für schlechte Patrioten gelten. Aber die jüdischen Ncncrer in j Ungarn feinden sehr häufig, nicht etwa ans politisches Ran- ' cünc das Dcutschthnm an, obwohl ihre eigene Bildung die Frucht deutscher Saat ist. sondern weil sic durch oic deutsche Bildung mit der Gcianinitjndcnhcit Europas und selbst Amerikas zusammcnznhängen besorgen, und sic nicht ungarische Juden, sondern höchstens jüdische Ungarn sein wollen. Anderseits scheuen die ansgellänc» Drthodorc jede Eoneession an die Anioisernng des Zeitgeistes, woi> sie besorgen, die kleinste der Umarmung könne zur unheilbaren Dresche werden. Hierzu tritt noch der leidige äußere Umstand, daß in manchen Gcincindcn bei großer Unwissenheit ein noch größerer religiöser Indissereniisinus herrscht, dennoch aber Vciitf, die in ihrem Privatleben entschiedene Gegner des Alten sind, eS int Geincindclcbcn mit aller Gewalt aufrecht erhalten, weil sie dadurch der lästigen Knltnsstcucr entgehen, die in Form der sogenannten Gabella (Steuer von Koscher- Fleischt die Reichen schont und die minder Bermöglichett , mehr als gebührlich belastet. i Es bleibt nun ein Rathscl, wie ein LandeScongrcß eS! anstelle» soll, eine allgemein giltige KultuSgrmeinde - 5?rdi nuug zu schaffen, ohne dem Gewissen durch LingräMNg in | Schablonen Gewalt anzuthun. Selbst dann wenn der Grundsatz zur Geltung käme, jede israelitische Kultusgemeinde habe autonom nach dem Wunsche der Majorität ihren Mitgliedern ihre KultuSangclegenhciten zu ordnen und ihren Ritus zu bestimmen, und cs müssen alle Gemeindeglicder unweigerlich zu den Erfordernissen beitragen, selbst jene, die sich durch den eingeführten Kultus in ihrem Gewissen nicht befriedigt fühlen und durch den Mangel reicherer Mittel verhindert sind, das ihnen Entsprechendere sich zu verschaffen, so wäre dies eine unverantwortliche Tirannei, da eine Majorisierung in Gcwiffcnssacheii-nie nnv nirgends gebilligt werden kann. Ja sogar dann wenn die freigcwählten Vertreter der jetzt bestehenden Knltusgemcinden in Ungarn sich für ein solches System aussprcchcn würden, dürfte eine liberal sein wollende Regierung dicß nicht gestatten, da sic sonst etwa in Arad oder sonstwo die altgläubige, in Preßburg oder ttjhelh und so weiter die Ncuercr-Minoritüt ihren Gegnern mit gebundenen Händen überantworten und das Schisma, dessen Ausbruch bis jetzt sorgfältig vermieden wurde, quasi sanktionieren würde. Hier wie immer bewährt sich die Erfahrung, daß die Juden berufen sind, ans dem Wege der Eivilisation und der Freiheit Wegweiser und Gradcmesser aller anderer zu sein, daß die volle Freiheit des Glaubensbekenntnisses und seiner Manifestation, des Kultus, von jedem staatlichem Zwange, von jeder Bevormundung als der ausschließlich moralischen und polizeilichen Rücksichten dem Gedeihen der Religiosität am ersprießlichsten sei. Wo der Druck des ZusammcnzwängcnS nicht der Gegendruck des AnSeinanderstrebenS herausfordcrt, da entsteht schließlich wenn auch allmälig nach Abschlcifung bei schärfsten Widersprüche die Einigung, wie wir dies am Beispiele der amerikanischen Juden sehen, wo ohne äußeren Zwang aus reiner Shmpatic die vielen jüdischen Religionsvereinc sich zur Rehabilitierung der längst ausgegebenen Srbb.rthf.'ier geeinigt haben. Man blieb auch in Ungarn mit jeder Legislation der jüdischen KultuSangelegenheiten fern; und die widerstrebenden Elemente w.rdcn gewiß sich um so rascher und friedlicher einigen zur allgemeinen Znfriedcnhelt, zum allgemeinen Gedeihen. ■ l Das verhijltniß der positiven Religion zur Philosophie nach Schleiermachcrs und Lreröats Prinzipien, im Gegensätze zu den absolut - rationalistischen Systemen. Eine philosophische Untersuchung von Dr. Albert Naber, Rabbiner und Prediger. (Fortsetzung.) Das Gefühl ist nach Schleicrinachcr „bic Identität des Denkens und WollenS, oder das unmittelbare Selbstbewusst - scin, verschieden von dein rcslektirtcn Selbstbewusstsein, welches die Identität des Subjekts nur in der Differenz der Momente crkcn t. In dein Gcsühle haben wir Achnlichkeit mit dem tranSccndeutalcn Grunde, durch die Verknüpfung der relativen Gegensätze und diese Erweckung des unmittelbaren Selbstbewusstseins durch das TranSccndcntalc durch Gott, ist eben das Gefühl der schlechtsinnigcn Abhängigkeit von ihm. Dieses religiöse Gefühl kann demnach niemals durch das Dcükcn uub Wollen, mithin die Religion niemals durch die Philosophie ersetzt werden. Die Philosophie könne demnach daS Absolute durch Logik und Dialektik nicht erfassen, weil eö ein unvollzichbarer Gedanke, das religiöse Gefühl hingegen ergreife das Absolute ans positiven Wege durch daS Gefühl der Abhängigkeit. Durch diese Bestiminun g deS Verhältnisses zwischen Philosophie und Religion, Dta-

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