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Die Gegenwart · 1868-09-24 · 23 (24.9.1868) · p. Seite 245

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
23 (24.9.1868)
Date
1868-09-24
Page
Seite 245 (sequence 3)
Language
German
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245 in Galizien noch unter die Arme zu greifen scheint, will cs schier behagen, die Juden in Ghctti'S als rin Ueberbleib sel mittelalterlicher Zeit aufzubcwahren, sie in die Zwangsjacke alter längst verrosteter und verrotteter Gesetze cinzuzwängen und sic höchstens mit einigen Eonccffioncn zn trösten, um sic so in der ganzen civilisirtcn Welt als Parias verschmachten zn lassen, Ob nun das chrenwerthe Blatt aus dem einen oder dem andern Grunde eine solche Korrespondenz ausgenommen, durch die eine Ration förmlich verdächtigt wird, hätte es doch die Anmaßung und Unverschämtheit „eines großen Thcilcs" der galizischen Inden durch jThatsachen de gründen so en, die dem Eorrcspondcnten das Recht einrännien, crstcren solche Atribute bcizulcgcn. sonderbar müßte cs er scheinen, daß dieser große Thcil die eonfcssior cllc Glcichbe rechtigung gegen die menschliche Vernunft so feiert, daß er unverschämt und anmaßend wird, und die Eonscgucnzcn solcher Natur sind, wie es die „Allgemeine" gerade haben möchte. Wenn nun ttc „Allgemeine so allgemein spricht, daß die Gründe und Begebenheiten, die man vergebens sucht, nicht da sind, so wäre es vor Allem nothwendig gewesen, die An teeedenzen, wenn solche überhaupt vorhanden sind, anznsühren. Bor Allem muß bewiesen werden; wo der Beweis fehlt, da stößt jeder ausgestellte Satz von selbst um und cs heißt dann kurzweg: Ich schreibe so, weil ich es so will. Die galizischen Juden, so erlauben wir uns die „Allgemeine" aufzuklären, besitzen keinen provokatorischen Charakter, am allerwenigsten da, wo sie im Rückblick auf vergangene Zeiten riesig vorwärts geschritten sind. Und angenommen cs finden sich unter ihnen einzelne Elemente, die ohne allen Grund die Harmonie stören, so wird doch die „Allgemeine," wenn sich ihr Gchirnapparat im normalen Zustande befindet, zugcben, daß man einzelner Individuen wegen einen großen Thcil der Inden wie sic sich auSzudrückcn beliebt, eben so wenig verantwortlich machen kann als man einen großen Thcil der galt - zischen christlichen Bevölkerung verantwortlich machen kanri, wenn „Gassenbuben" in Fcnslcrcinschlagen ihr Privatvergnügen finden. Würden dem Blatte, das zu unserem Leidwesen auch in bessere Kreise gelangt, die Schuppen vom Auge fallen, um der Stellung der Juden in Galizien zu ihren christlichen Mitbrüdern ansichtig zu werden, so würde sic nicht von einem Lande, das erst kürzlich mit Hilfe großcrMünncr, die eine —bessere Auffassung von den Inden haben als die ..Allaemeinc" die Gleichberechtigung der Juden bei Wahlen in den Gcmcindcrath ausgesprochen har, Klage gegen die Unverschämtheit und Auma' ßung eines großen Thcilcs der galizischen Inden führen las scn, wo selbst der Bauer schon über, den Eulturznstand einen klareren Begriff haben dürfte, als ein Blatt an dessen libe- , ralen Anschauungen sich vielleicht die Bewohner zwischen der Wcrtach und dem Lech dclcktircn. In Oesterreich dürste die „kokette" wenig Geschäfte in derlei Artikeln machen und sic sei beruhigt, wenn auch ich, kleiner Thcil zu ihren judenfres serischen 'Auslassungen Bravo klatscht, der größere Thcil und zwar der intelligente solche Ecrrcspondcnzcn.dic vielleicht in Augsburg ihre Fabriken haben, verachtet. Solche Blätter aber nach der Fa^on der „Allgemeinen," die im Herzen Deutschlands ihren Sitz haben, wünschen wir, mögen sich nicht als die Träger der Eultur gcrircn, die sic nach Oesterreich hinüberschmuggeln wollen, um so der Welt glauben zu machen, sic seien cs, die den Liberalismus nach Oesterreich ein geschleppt haben. Wenn sie jedoch und namentlich die „Augsburger Allgemeine" glauben, ihre im Innern sitzenden mit telalterlichen Anschauungen mit dem Firniß der Intelligenz zu übcrtünchcn, so geben sie sich einem großen Jrrthumc hin, der bei denen, wo die »„gefälschte Intelligenz Siegerin ist, jene Würdigung erringt, die eher dem Abscheu als der Be wunderung ähnlich sieht. Erwägt das tolerante Blatt nicht, was es mit solchem Geflunker bezweckt, das nicht einmal den modernen Janhagel aus der Positur bringt, gelangt es nicht zur Einsicht, daß es seine Spalten mit dem Schmutze jenes Gelichters besudelt, das sich Verfolgung, Scheelsucht 4. Neid aus da- Panier setzt? Die AugSburgerin tröste sich,! wenn sic solche Eorrcspondenzen säet, wird sic keine Ehre; ernten, und sic wird, wenn sic fortfährt. das Handwerk, mo ' ralische Steinwürfe in die getrübten Scheiben der vhncdieß aufgeregten Gcmüthcr m schleudern, zu ^betreiben, sic sich nicht jene Ackttung erwerben wird, die mau heutzutage bcan sprnchl. Eines zum Schlüße muß uns wundern, daß ein hier existircndcs Journal, das sonst nicht genug stilistische Ausgeburten findet, wenn cs sich um die Schein-Angriffe handelt, die in unschädlichen Anffelegenheiten von Einzelnen nur ans. Unbesonnenheit provoeirt werden, kein einzige- Wort findet, wenn von Ausland her in viclvn breiteten Journalen Schimpi. Spvlt.nnd Vcrläumduug. die glücklicher Weise bei dem gesunden Sinne der österreichische» Bevölkerung feinen Boden finden, über die Juden sich ergießen. Rach Opportunität darf der Jude nicht Jude sein, und so er ans der ei neu Leite, je nach Bedürfnis; das Prädikat Jude ausbcutct. wo der politische Zweck seine Mittel heiligt, so muß er cs auch ans der andern Seite sein, auch wenn er sich die Augen zuhält und den Mund öffnet, um zu sagen : jetzt bin ich kein Jude, ich bi» Journalist. Wer dann die Waage so hält, daß die Zunge sich nicht herüber und hinüber neigt, der füllt seine Stelle als Jude erst recht aus. ' Ein CommnmqnL des ungarischen Kultus- Ministeriums. Das ungarische Polksblatt enthält in seinem nichtamtlichem Thcilc folgendes Eommnnigne: „Das königl. ung. Ministerium für Kultus und Uiu tcrrichl^hat in Erfahrung gebracht, daß nntcr den israelitischen Staatsbürgern mehrere der irrigen Ansicht sind, als ob auf dem israelitischen Vandcseongrcsse auch über die Religionsangrlcgenheitcn Bcrathnngcn gepflogen werden sollten. Zur Behebung aller in dieser Richtung anstauclienden Zweifel wird hicmit neuerdings belannt gemacht, daß alle dogmati scheu und rituellen Fragen leinen (Gegenstand der Bcräthungcn auf dem .israelitischen Vandescvngreße bilden werden, und diese Frage daher vollstäiidig außerhalb des Kreises der Vcrhandlrmgen bleiben müssen." _Verstehen wir dieses Eonimnnigue recht, und wir glau ben cs rcch^JU versuchen, so"NMsseu wir bedauern, daß die Männer, denen cs um ein Znstandetommrn des ungarisch israelitischen Vandeseongreßes zn lhnn ist, in arger Selbst täuschung befangen sind und andere in diese Täuschung will kührlich oder nnwillkührlich mit hiiwin ziehen. Der Zweck dieses Kongresses soll und kann doch lein anderer sein, als in das vielfach verwor'enc Wesen der israelitischen Kultus- Gemeinden Ungarns Ordnung, und zwar gesetzliche, d. h. durch Gesetze geregelte Ordnung zu bringen. Wird dies; aber auch möglich seiir, ohne daß die eine oder die andere Partei, vielleicht aber auch alle Parteien, von der starrorthodoxen bis zur rutionalistisch vorgeschrittensten eine Vergewaltigung erfahren, eine Vergewaltigung, die mit dem auch in 'Ungarn geltenden Prinzipe der Gewissens und Rckigionsfreiheit im grellsten Widerspruche steht? Man will nun das Palliativ mittel der Vertuschung anwcnden, und darum jene Mitthci lung, daß über dogmatische und rituelle Gegenstände auf dem Landcseongreßc nicht dürfe verhandelt werden, daß man also keinen Streit um Prinzipien, sondern nur um die ei gcntlichc Organisation der Gemeinde und ihrer Institute, also nur um die Organisation der Eonscqucnz der Prinzipien! dulden werde. Es scheint das ein Vorgang ähnlich jenem * des Bauunternehmers, welcher aus Mangel an Materiale und geschickten Arbeitern für die (Grundlegung, seinen Hausbau beim ersten Stockwerke beginnen will. Wir aber wollen uns nicht scheuen der Frage gerade ins Antlitz zu schauen, und so viel unsere Kenntnis der ungarisch israelitischen Ver hältnisse wie der jüdischen Verhältnisse im allgemeinen es gestattet, die Schwierigkeiten darstellcn, die dem Landescon- 23*

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