Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 22 (8.10.1868)
- Date
- 1868-10-08
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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235 immer für einer Körperschaft so wie deren Eigenthümlichkeit am besten in der frei gcwähltm Vertretung zum Au-druck kommt, wir wollen auch nicht annehmen, daß die isr. Gemeinden so wankelmüthig seien, und deren Vorstände sowenig die - Tendenzen ihrer Mandanten berücksichtigend, daß Eonflicte zwischen erstercn und letzteren zu den alltäglichen Erscheinungen gehörten. So viel aber dürfen wir behaupten, daß jede Destillation, jedes Quintcssenzziehen den Gegenstand der Manipulation wesentlich verändert, daß also aus der unmittelbaren Wahl dnrch die Gemeinde der wahre Vertrauensmann der Mehrheit gewisser in den Schnlrath gelangt, als bei der Wahl durch einen noch so intelligenten und uneigennützigen Vorstand. Nicht nur aber wird durch die indirekte Wahl oft genug nicht der rechte und echte Vertrauen«- mann der Gemeindcmajorität in den Bezirksschulrat!) gelangen; sehr oft werden gerade durch diese Mittelbarkeit der Wahl die wichtigsten Interessen der israelitischen Schule und Schuljugend bedeutenden Gefahren und MiSgriffcn auSgcsetzt sein. Wer in den letzten Dezennien die S trömungcn des Gemeindelebens unter den Israeliten genau beobachtet hat, wird mit Freude gestehen und verkünden, daß auf dem Gebiete der Veredlung des Gottesdienstes, der Einrichtung von Humanitätsanstalten im engeren Sinne des Wortes, viel sehr viel geschehen ist, daß rasch ein wohlgeordnetes Gemeindeleben an Stätten emporblüht, wo der Jude kaum erst festen Fuß gefasst hat. Nur auf eine Frage gibt es keine jubelvolle Antwort, nur auf diese eine Frage stottert man Entschuldigungen und schlägt oft den Blick beschämt zu Boden. Diese Frage aber lautet: Wie sieht es mit der israelitischen Schule aus? Wo und wie ist sie eine Pflanzstätte jüdischen Geistes? Wohl findet sich fast in jeder alten wie neu entstandenen Gemeinde eine sogenannte israelitische Schule; gestehen wir es aber nur offen, diese Schulen danken nur sehr selten ihr Entstehen dem Wunsche nach jüd.' Bildung als vielmehr der Nothwendigkeit den jüd. Kindern eine ihrem zukünftigen Berufe entsprechendere allgemeinere Bildung zu verschaffen, als eben die vorhandenen Ortsfchulcn bieten oder bieten können. Und der jüd. Lehrer ist zumeist der Paria der Gemeinde, und wenn er und die Seinen/nicht hungert, hat er dieß gewiß mehr seinem profanen Wissen, wie der Befähigung im Französischen, Buchhaltung u s. w. Unterricht zu ertheilen als seinem noch so tiefen religiösen Wissen oder seinen eifrigen Bestrebungen auf dem Gebiete spezifisch jüd. Doktrin zu verdanken. Und so wie wir bezüglich der Fort' schritte des Kultuswcfcnö daS Verdienst der Anregung zumeist den Gcmeindcvorstündcn vindizicrcn müssen, so mögen dieselben auch den Vorwurf der Verschuldung bezüglich deS vernachlässigten Schulwesens hinnehmen.. Die modernen Einrichtungen des jüd. Kultus und das Bestreben, diesen äußerlich auf die Stufe der Pracht und der künstlerischen Vollendung zu heben, die dem christlichen Kultus eigen ist, sind gar kostspielig, und verlangen von den Contribuentcn Opfer, welche Nichtjuden in den meiste» Fällen sehr perhorrescicrcn würden. Man vergisst eben all zu oft und all zu leicht, daß cs Jahrhunderte gedauert, bevor die christliche Kirche den Schatz classischcr Eompositionen gesammelt, die das Ohr deS Gläubigen wie dessen Gcwüth wohl'hätig ansprechen, man vergisst, daß selten eine christliche Dorfgemeinde an ihren Chormcistcr oder Cantor Ansprüche macht, wie sie nur die reiche Stadt zu machen vermag, man vergisst, daß Steuerträger, deren Zahl nicht nach Tausenden oder doch vielen Hunderten zählt, nicht so große Opfer, ohne Beeinträchtigung anderer Interessen, tragen können. Zudem sind cs meist die Vorstände, wie oft ge nug öffentlich recht herb betont wurde, welche den jüd. Lehrer zu ewigem Wanderleben zwingen, indem sic mit allen Mitteln die Provisorien oder den privaten Charakter der Schule erhalten, und daS geringfügigste Dcfinitivum scheuend den Lehrer zur ewigen Abhängigkeit verdammen, zum unsteten Flüchtlinge machen, als wäre das jüdische Wissen ihm als Kainszeichen ausgeprägt für daS ungeheuere Verschulden an die Unverwüstbarkeit de« Dranges nach religiöser Erkenntniß geglaubt zu haben. Der Gemeindevorstand aber glaubt genug zu thun und hält e« meist für einen Ehrenpunkt, bezüglich de« öffentlichen Gottesdienstes das Vortrefflichste wenn auch Kostspieligste zu leisten, und eS wäre demnach zumeist sehr gut und sehr ersprießlich wenn diesem Vorstände jemand gegenüber trete, der energisch an die heilige Schuld mahnte, die man an die religiöse Erziehung der Jugend abzutragen hat, jemand, der energisch an die Gesammtgcmeinde appellierte, wenn über dem Prunke des öffentlichen Kultus bei der Jugend das Verständniß für die Elemente dieses Kultus verloren geht. Wir glauben, daß diese wenigen Andeutungen genügen, um die Ersprießlichkeit einer unmittelbaren Wahl darzuthnn; wir wollen daher nur noch das erwähnen, daß die Wahl in de» Schnlrath für 6 Jahre gelten soll, in vielen Gemeinden aber der Vorstand für eine viel kürzere Zeit gewühlt wird. Lall nun das von Vorstände gewählte Mitglied des Schulrathes gehalten sein, bei einer Neuwahl des Vorstandes auch sein Mandat für erlöschen anzusehen, und so einen neuen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden im Schulrathe statuieren? Oder soll sein Mandat auch dann noch Geltung haben, wenn etwa gerade wegen Schulangelegenhcitc» sein Mandant, der Vorstand, das Vertranen der Gemeinde verloren hat und nicht wieder gewählt wird? Oder im Falle eine Streitfrage zwischen dem Schulrathe und dem Gcmeindevorstande stattfindet, kann der Mandatar seinen Mandanten als Opponent rechtlich entgegen treten? Ist es aber andererseits recht, wenn er im Schulrathe nicht seine eigene Ucbcrzeugnng, sondern die seines Mandanten, des Gcmeindcvorstandcs vertritt? Wir bedauern sehr, daß Herr I)r. Tcdcsco aus lauter Collegialität gegen die Körperschaft, welcher er präsidiert, solche und viele andere Unzukömmlichkeiten nicht erwogen hat, oder ist H. Dr. Tcdeseo von den glänzenden Erfolge» der pragcr KultuSgemcinderepräsentaiiz aus dem Gebiete der jüd. Schule und Lehre so begeistert, daß er nur von einer solchen oder ähnlichen Körperschaft Heil für das jüd. Schulwesen erwartet, während cs längst ausgemachte Sache ist, daß Gemeindevorstände, gleichviel ob jüdische oder nichtjüdische keinesfalls durchgehen« Förderer und Gönner der Schule und des Lehrstandcs sind? Das verhätliiisr -er pofltiocit Religion zur Philosophie nach SchleicrmachcrS und -erbat« Prinzipien, im Gegensätze zu den absolut rationalistlschcn Systemen. Eine philosophische Unterslichnng von Vr. Albert Naber. Rabbiner und Prediger. (Fortsetzung.) Die ganze ncnerc Philosophie hatte die ratio ßubernativa mit unbedingter Alleinherrschaft zu ihrem Principe er» Hobe» und b c in Glauben jede Berechtigung abgcsprochen. Schleicrmachcr vindicirt diesem seine wissenschaftliche Anerkennung dadurch, daß er dessen Inhalt anü den Tiefen des G c m ü t h e s u n d Gefühles cmporgnillen lässt, und diese als Faktoren des menschlichen Erkennens philosophisch gewürdigt wissen will. Er sucht zunächst die Aufgabe der Phi losophic zu definircn, verwirft aber ganz entschieden die bisherigen Begriffsbestimmungen als „Wiffenschaftslehre." Denn wenn irgend rin Denken auch ein Wissen werden soll, so gehört nach Schleicrmacher dazu, daß es von allen denkenden auf dieselbe Weise gedacht werde, und daß das Gedachte einem Sein entspreche. Da nur solches Denken rin Wissen ist, wie fern es objektive Giltigkeit hat, wie fern Jeder den Andern nöthigen kann, über dfnsrlben Gegenstand so wie er und nicht ander« zu denken, und da die bisherigen Philosophische» 22, b