Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1868-10-08 · 22 (8.10.1868) · p. Seite 234

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
22 (8.10.1868)
Date
1868-10-08
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4890378-5433912-5433939--131-4890493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

234 die qI« Namensschwester jener barbarischen Jsabella an dm fürstlichen Traditionen festgehalten und in ihrer fanatischen Bigotterie, die mit dem verderblichen UlttamontaniSmuS allirt war, es noch nicht an der Zeit gehalten hat, der Civilisation die Pforten de« Landezu öffnen und Menschenrechte über Fürstenrechte zu setzen. Nun trauert sie in einem entfernten Winkel eine- Nachbarlande-, in welchem die Kultur jeden Strich de- Landebeleckt und Confeffionen auf dagleiche Niveau gestellt hat, ob der zertrümmerten Krone und denkt ferne -von Madrid darüber nach, wie schnell daS Unglück schreitet. So steht Spanien, in welchem einst die Fackel der Inquisition geleuchtet und Tortur Hilfsmittel der Justiz war, am Anfangspunkte eines neuen Au-gangs und lehrt neuerdings, welches unheilvolle Ende ganze Länder nehmen, in denen das Parität-recht der Zivilisation sich nicht auf alle Religionen erstreckt und in denen die Juden als Culturträger der Völker den Parias gleich verachtet und mit scheelsüchtigen Augen verfolgt werden. Und wahrlich in nicht gar ferne^Zeit liegt ein tragische- Ereigniß, oaS in einem Lande den Boden mit Blut und Thräne» düngte, wo eS den Juden nicht einmal gestattet war, mit der Waffe in der Hand sich einen ehrenvollen Platz im- Lande zu erkämpfen und für ihren Herrn und Gebieter ihr eigenes Blut zu vergießen. Hat auch der Jude seine Fehler, die er selbst nicht wegläugnet, dafür muß er jcvoch gehalten werden, daß er mit sichtlichem Ernste, mit seltener Zähigkeit, mit Besiegung aller Hindernisse Cultnr und mit ihr Bildung, Strebsamkeit und Moral in jede- Land verpflanzt hat, und in jenen Ländern, wo die Regierung da- Panier der vollsten Gleichberechtigung der Konfessionen hoch hält und Juden im vollsten Maaße audem Kelche der Freiheit schlürfen, blühen Künste und Wissenschaft, gedeiht die Industrie und heben sich die Finanzen, während jene Länder, in denen die Juden bisher keinen Einlaß gefunden, faktisch au Geist und Mittel verarmt sind. Spanien, von dem Philipp H. sagte: „Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter" geht alein traurige- Beispiel voran, wie Könige zu Grunde gehen und Länder dem Pauperismus verfallen, wenn schreckliche Barbarei die Geißel schwingt und Intoleranz die Systeme beherrscht. ßcrordcntlicb eifrig ist. so wollen nianche, daß wir schreiben, aber — wir können n i ch t. Daß die israelitische BccrdigungSbrüdcrschaft. eine zweite entrcprise des pompcs fünebres, daß deren Vorstand auf legalem Wege ohne fremden Einfluß gewählt und bemüht ist, Casta- Überschüsse den Gemeindemrtglirdcrn gut zu bringen, daß er bei seinen großen Rcvenucs iiinner darauf geschc», cinen Rabbiner selbst bei Leichenbegängnissen Armer zu bestellen, daß er nie einen Unterschied zwischen „reich" und „arm" gemacht, so wollen manche, daß wir schreiben, aber — ,v i r k ö n n e n n i ch t. D»>ß die Synagogcnpredigcr Meister der Homiletik sind, daß fir ihr Amt gewistenhaft ausfüllen, daß sic jeden Tag beim Morgen- und Abendgottesdieust erscheinen, um so als ein Muster jedem andern freiwillig sich stellenden GottcSdicnstrlkrntcn vorauzugchen, daß sie mit geioiffen Leute» nicht unter einer Decke spielen und sich nicht zu Werkzeuge» aller Art gebrauchen lasten, daß sie in ihren predigten nie einen Unsinn schwatzen. so wollen manche, daß wir schreiben, aber wir können n i ch t. Daß die Vorsteher mancher Chnagogen. darauf sehe», daß wenigstenS eine ordentliche Stiege zum Gotteshaus führe um Unglück — zu verhüten, daß sie nicht mir in Wolle sondern auch iuMizwoth arbeiten, daß sie nicht nntauglichc Prediger protegireii, trotzdem sie Brrpfiichtimgcn gegen ausländische Häuser haben, mit dciicn sic in Geschäftsvrrbindung stehen, daß sie als Vorsteher immer beim Freitag- Abend- und Sabbath-Gottcvdicnstc nicht fehlen, daß sic nicht Stimmen sammeln, uin wieder gewählt zu werden, auch wenn die Gemeinde sie nicht haben will, so wollen manche, daß wir schreiben, aber — wir können nicht. ' Daß daisraelitische Knqbenwaisenhans ein Mustcrinstitut ist, iß. daß darin vor Allem der Erziehung Rechnung getragen wird, so wollen manche, daß wir schreiben,aber — wir können nicht. Eine kleine Abänderung. Mehr als irgend anderswo sind in der Politik, der inneren wie der äußeren, optische Täuschungen möglich, und man hält oft Dinge für groß, erhaben oder ungeheuer, auf welche man füglich daalte Sprüchwort von den Gebirgen und der Maus anwenden könnte, während man Dinge oder Angelegenheiten oder auch Details von Angelegenheiten gering ächtet, welche den Keim großer Entwicklungen oder Verwicklungen in sich bergen. Schuld an solchen MiSgriffen einer oft sehr gereisten und vielfach bewährten Intelligenz trägt öfter als ein schwacher Blick des Beschauenden der Standpunkt, von welchem die Ausschau stattfindet; ist es doch gewiß nicht alles ein-, ob diese aus der Vogelperspektive, aus unmittelbarer Nähe, mit gefärbter oder ungefärbter Brille oder gar mittels Luppe oder Mikroskop geschieht. WaunS zu dieser Bemerkung veranlasst, ist folgender Passus im Berichte über eine Sitzung deh. böhm. Landtags, in welcher über die Schulgesetzvorlagc verhandelt wurde. Da heißt eS: „§. 20. von den Städten, welche einen besonderen Schulbezirk bilden, wird mit einer kleinen, von vr. TedeSco beantragten Abänderung angenommen, wonach die israelitische KultnSgcmcinde durch cinen von ihrer Vertretung gewählten Abgeordneten im Bezirksschulrathc zu vertreten sei. Die Vorlage spricht voiz einem durch dir Gemeinde selbst gewählten Abgeordneten!" Eine kleine Abänderung! Es ist leider und bleibt noch lange wahr, daß selbst die weisesten, von den besten Absichten beseelten Nichtjuden von den jüdischen Verhältnissen nur all zu wenig kennen; die scheinbar kleine, von H. vr. TedeSco beantragte Abänderung hätte sonst der Versammlung des h. Landtages als eine solche erscheinen müssen, die einen fruchtbaren Keim des Unheils und de- Zerwürfnisses für die isracl. Gemeinden in ihrem Schoße trügt. Wir wollen keineswegs hier als Pessimisten erscheinen und annehmen, daß die Vorstände der Kultuögemeindcn nicht die wirklichen Träger der Gesinnung ihrer Mandanten seietc, wir wollen vielmehr glauben, daß die wahre Gesinnung was Daß manche israelitische Lehrinstitntc den größten deutschen Vildungsanstaltcn an die Seite gestellt werden können, daß ihnen jeder Humbug und Schwindel ferne liegen, so wollen manche, daß wir schreiben, aber w i r k ö n nen n i ch t. Daß Profestor X, lir. A. große Männer, eine wahre Zierde des Iudenthums sind, zu dcstcn Ehre sie nur arbeiten, daß sie gar keinen El)rgciz besitzen, von Intrigucn und Kabalen nicht den leisesten Begriff haben, keine EhrcnstcUcn anstrebcn, weder auf eine Bezirksschulrath. noch eine Seminardircktorstcllc spekuliren, daß sic" überhaupt bescheiden sind und nicht gerne Rcclame in jüdischen Zeitschriften für sich machen lasten, so wollen manche, daß ivir schreiben, aber w i r k ö n n e n n i ch t. Daß wir auf unsere jüdischen Landtagsabgcordnetcn stolz sein sollen, die am heiligen Zomkipur aus dem Fü n s ki r ch c»platze sich kasteien, daß wir sic anstaunen sollen, daß einst einer von den Juden gewählter, die FindclhauSfrage berührte, ein Anderer den Antrag auf Errichtung einer Universität - in Leitincritz stellte, so wollen manche, daß wir schreiben, aber - iv i r k ö n nen »ich t. Daß jene Israeliten, die jetzt am Sonntage offen ihre Geschäfte betreiben können, aus Dankbarkeit dem Gesetze, aus reiner Gottcsvcrehrung am Sabbath ihre Geschäftölokalc schließen, so wotlen manche, daß wir schreiben, aber — w i r k ö n n e n n i ch t. Daß jeder einzelne in der Gemeinde ein Wohlthäter, ein Matador in der Wiffenschaft, eine Koryphäe in der Kunst, ein Engel in der Unschuld ist. so wollen manche, daß wir schreiben, aber — wir k ö n n e n n t ch t, Laßt nur gut sein, wenn wir den Redakteur der „Gegenwart" gut bezahlen, schreibt er das, was wir wollen, so wogen manche, daß wir thun, aber — wir können nicht. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.