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Die Gegenwart · 1868-09-24 · 21 (24.9.1868) · p. Seite 228

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
21 (24.9.1868)
Date
1868-09-24
Page
Seite 228 (sequence 8)
Language
German
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228 Amerika. In Milwaukee (Wisconsin) leben gegenwärtig 4 bis 500 Juden; sie haben einen prachtvollen Tempel, an welchem ein Prediger und ein Kantor fungiren, dem ein Chor zur Seite steht. Am Neujahrsfeste und Versöhnungstage wird noch in besonderen Lokalitäten gebetet. Auch hier war eine übermäßige Sonnenhitze, das Fahrenheitifche Thermometer stieg auf 105 bis 110 Grade, die Arbeiten auf den öffentlichen Plätzen mufften unterbrochen werden und viele Menschen starben am Sonnenstiche. Jerusalem. Kürzlich kam ein junger Italiener von 22 Jahren, früher Cfficitr im Heere Garibaldi'S hierher, um sich in'S Iudcnthum aufnchmcü zu lassen, indem er angab, daß er von den Wahrheiten der isr. Religion durchdrungen sei. Cr wendete sich an den ehrwürdigen Rabbiner David den Schimon, Rabbiner der arabischen Gemeinde, welcher ihn einer strengen Prüfung unterwarf und ihm harte Beweise seiner Ucberzcugung auflegte. Nachdem der junge Mann auf seinen Entschluß bestand, indem er erklärte, alle Ver pflichtungrn und alle die schweren Bedingungen des Judenthumo zu erfüllen, wurde er in Gegenwart vieler Israeliten beschnitten. Nach der Operation beklagte er sich nicht einen Augenblick über den Schmerz, zeigte vielmehr eine große Freude, fernerhin den Namen Israelit führen zu dürfen. (Univ. Isr.) Peru. Ein für den harmlosen Schlendrian der türkischen StaatSwirthschafl höchst bezeichnender Zwischenfall hat sich vor Kurzcm^im StaatSrath zugetragen. Unter den ncuernauutc» Mitgliedern mi* den Provinzen befand sich ein gewisser Israelit Avram aus Salonichi, welcher schon seit > einigen Jahren in Monastir ansässig war und dort eine ein- | flußreiche Stellung einnahm. Da iu der Türkei noch sehr I wenig Familiennamen gebräuchlich sind, so dienen der Hei- > matSort oder die Provinz zur Bezeichnung der Individuen. So war in diesem Fall das neue Mitglied des StaatSrathS an der Pforte nur als Sclaniklü Avram Cffendi bekannt und dem cnsprcchcnd irrthümlich die Ernennung nach Salonichi tclcgraphirt. Die Behörden von Salonichi, wo die Avrams «gemeiner denn Bombcercn" sind, ohne zu wissen, was der von Stambul gekommene Befehl zu bedeuten habe, und iu der Meinung, daß ein Avram so gut wie der andere! sei, griffen einen unwissenden Juden aus der niedrigsten! Klaffe auf und schickten ihn nach Stambul. Bei seiner An- ■ kunft in Stambul war der arme Jude, welcher bereits un- I tcrwegs schreckliche Träume von Polizcigcfüngnissc gehabt, nicht wenig überrascht, sich plötzlich zum Rang eines StaatSrathcs mil 7000 Piastern Monatsgehalt erhoben zu sehen. Seit Mordcchais Erhebung war ein solches Wunder in Israel nicht geschehen. Obgleich uberzcug^-daß hier cin Irrthum vorlicge, ließ sich jedoch Avram nichts merken und nahm ruhig seinen Sitz im StaatSrath ein. Seine ganze Erscheinung und sein Benehmen erregten hier natürlich Aufsehen und vcranlaßtc:: eine nähere Untersuchung, allein zu spät, da Avram bereits beeidigt und somit offiziell anerkannt war. Milhad Pascha's Verlegenheit >var groß, allein der geistreiche Fuad Pascha sprach: „Allah .sfcritii, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, ernennt alle Beide" — und so wurden zwei Abrahams ernannt. Der ehemalige Blutegel, Korn und Produktenhändler, dessen ganzes Wissen in etwas Hebräisch besteht, ist nun sogar Mitglied der Sektion für den öffentlichen Unterricht geworden. (Punkt-.) Frau Rothschild, die Mutter der berühmten Banguicrs, erreichte ein Alter von '.»r Jahren, ohne daß ihre ' geistigen Fähigkeiten im Geringsten geschwächt waren. Man erzählt, „daß sic eines Tages, als sic krank war, den Arzt j im bittenden Tone ansprach, er möge doch trachten, etwas! für sic zu thuu." — Madame „versetzte der Doktor," was! soll ich denn thun, ich lann S ie ja nicht jünger machen.—'—! „Ich verlange ja dieses nicht," antwortete Frau Rothschild, „Ich wünscht nur, daß ^ic mich älter zu machen, trachten sollen.." Kunst und Literatur. — Die Buchhandlung Didier und Eie. in Paris hat soeben die „Religiösen Bettachtungen" von Herrn Levy-Bing, Mitglied des israelitischen EonsistoriumS in Paris, veröffentlicht. Dieses Buch, geschrieben mit einer tiefen Ueberzeugung und einer aufrichtigen Liebe für daS Gute, schöpft auS den Quellen der alten biblischen Traditionen die Grundsätze selbst, auf denen die Religionen-und die Gesellschaften beruhen. Er beleuchtet mit dem Lichte der heiligen Schrift jene dunkeln, erhabenen Fragen über Vorsehung und Freiheit, über die Existenz des Guten und des Bösen, und versucht eS, sie in einem religiösen und zugleich liberalen Sinne zu erörtern. (Un. ISr.) Vom Mchertische Ein offenes Wort über die anonyme Broschüre: ^Mahnruf an die Israeliten Ungarns, über den israel. Landescongreß und dessen geheime Gegner" von M. A. Roth Preis 15 kr. ö. W. *) Selbstverlag des Verfassers. In vorliegender Broschüre spiegelt sich die Indignation des Verfassers ab, über den Inhalt einer anonymen, in jüdischen Lettern erschienenen Broschüre, welche zum Zwecke hat für die Neologic Propaganda zu machen. Der Verfasser, wie wohl nach seinem eigenen Geständnisse ein Neuling auf dem Gebiete der Publicistik, weiß in klarer Darstellung und in einem markigen Stile, die weil auSgcholtcn Hiebe des verkappten Gegners zu pariren. Eine spezielle Mission der ungarischen Judenhcit als Juden kennt ersterer nicht, wol aber eine Mission des ganzen JudcuthumS, die sich um keine politische Ländcrabgränzung kümmert, wobei er die Mission des ungarischen Staates im Allgemeinen, zu dessen ebenbürtigen Gliedern die Juden G. s. d. gehören, betont. Der Verfasser widerlegt die Ansichten des Gegners, geißelt die Neuerung« sucht nach praktischer Richtung hin, und in einer offenen Sprache. Wir glauben damit den Wunsch des Lesers erfüllt zu haben wenn wir eine größere Stelle aus der Broschüre herausheben. Sic lautet: F o r m a l sind wir allerdings nach Eins, real aber i° grundverschieden. Es handelt sich bei uns durchaus nicht um diese oder jene euerer Einrichtungen allein, sondern um das denselben zu Grunde liegende Prinzip und zwar datirt dieser i Kampf nicht von heute oder gestern, sondern schon von län- > ger als einem halben Jahrhundert. In unserer Zeit sucht jede Körperschaft von den großen Rationen angefangen, bis herab zu den Turner-, Schützen und Gesangvereinen ihre Individualität zu wahren, beziehungsweise ihrer historischen Mission gcercu zu bleiben. Ja, unser Jahrhundert greift sogarin manchen Beziehungen über das wünfchcnswerthe Ziel hinaus, wie z. B. bei dem sogenannten „Nationalitätcnschwindcl." Aber selbst dort, wo diese Uebergriffc Vorkommen, sind sic ein untrüglicher Beweis von der Lebenskraft und Fähigkeit jedenfalls aber von dem Sclbstcrhalt n n g s t r i e b e der betreffenden Körperschaften. Allenthalben tritt daS Bestreben der Rationen zu Tage ihre Unabhängigkeit zn wahren; mit Ostenkation werden Nationaltracht und Nationalsiltcn fcstgchaltcn, mit Demonstration wird die Nationalsprachc gesprochen. Israel zwar will in keiner Beziehung eine exzeptionelle Stellung im Staate entnehmen; der ungarische Jude ist in Hinsicht seines Verhältnisses zum Staate so gut Ungar und Patriot wie Einer — aber hin sichtlich der inneren Organisation des Kultus- und Fami licnledenS kann und darf Israel seiner historischen Mission, die wir oben angedrutct, nie und nimnier untreu werden. *) Stur durch den Berfaffer^in KäSmark (Ungar») ju beziehe». Fortsetzung in der Beilage. ilUW m

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