Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 21 (24.9.1868)
- Date
- 1868-09-24
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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t 223 — Drang nach Höherem, Edleren in uns, der jedes materielle Gelüste da von sich stößt, wo cs sich um die allgemeinen Interessen handelt. Der Rücksichten gibt es leine, von denen wir uns bestimmen lassen, sie mögen welcher Oualität immer sein; wir suhlen kein Bedürfnis uns mit Professoren abzugcbcn, die die edelsten Tugenden der Menschen mit verschlossenem Visir ansehe n und cs dann erst lüften, wenn letztere wie kriechende Würmer sich treten und sich zn Werkzeugen all er Art gebrauchen lassen, wir setzen keine Ehre hierin, wenn Gcldmaladorc oder Adelige, die den Adel als Prädikat, aber nicht im Herzen haben, ihre Gunst uns schenken, wir buhlen nicht um die Freundschaft jener, die für gutes Geld die Seele versorgen und einigen exquisiten Männern schmarotzen, um sic für künftige Zwecke zu benützen; wir gehen den Weg der Wahrheit und des Rechtes; elftere ist der Leitstern, der uns voranleuchtet, letzteres die Richtschnur j in unfern journalistischen Thätigkcit, und in diesem unserem Festhalten an diesen Principicn, ändern wir an unserem Programme Nichts. So ist.unser Verhalten. Me Kommt Saul unter die proseten. i Motto : „Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solche« Handwerk sei.- (Gölhc's Zneigimng.> So oft wir uns Mühe genommen, die Lichtseiten des pragcr israelitischen Gemeindclebens 311 cruircn, um so 311 sagen, die dunklen Flecke, die sich am Horizonte desselben zeigen, abzuschwächcn, haben wir stets bei unserer Ausfahrt aus Entdeckung jener Lichtseiten auf Klippen gestoßen, die unsere gute Absicht in Trümmer schlug und unsere Hoffnungen in eitle Illusion verwandelten. Leider haben wir wieder in einem inlcgrircudcn Bestandtheilc dieser Gemeinde einen Fall zn verzeichnen, der ncucldings mit gesperrter Schrift ein Zeugniß von den dcrouten Zuständen in derselben gibt und beweist, wie sehr oft die Ehrenämter in den Synagogen mißbraucht werden. Zur Begründung der Wahrheit demonstrircn wir ein Drama, das sich in der pragcr Rcusynägogc in den letzten Tagen abgespielt hat und dessen Ausgange von so vielen mit Spannung cntgcgcngcschen wird. Wir rcgistrircn in Kürze, daß, was wir bereits in Rr. 20 dieser BlätteL gebracht haben, am 5. d. M. Herr Dr. Räber Rabbiner und Prediger in genannter Synagoge une Gastprcdigt mit bestem Erfolge gehalten. Ein Gegenstück zu dieser homiletischen Kanzelrede bot ein am 12. d. M. von einem Jünglinge und Schüler ans dem Manuskripte hcrausgclcscnc Barmizwaredc ähnlicher Vortrag, der gelinde gesagt Fiasko in dem Grade gemacht, wie er bei der Routinlosigleit und Anfängcrschast desselben' zu erwarten war, und wenn wir, bei dem wohl einigermaßen ziemlich aufgesetzt gewordenen größeren Pensum unser Unheil dahin erweitern, daß wir sagen der arme Plagegeist halte nicht beim A des Talmudist cn und nicht bei den ersten Lauten des Predigers, geben wir uns keiner Ucbcrtreibung hin. Doch gewohnt, nicht gleich das Beil zu fällen, um einen knabenhaften Jüngling moralisch zu vernichten, wollen wir demselben die Hoffnung nicht rauben, daß er nach mehreren Jahren, sobald er die Rudimente des Diktiks, des Talmuds und der deutschen Stilistik in selbstständiger Weise wird überwunden haben, vielleicht erwarten läßt, in einer kleinen Landgemeinde zu praktizircn und drücken ihm unser Bei-und Mitleid aus, daß er wahrscheinlich sich nicht überschätzend, von Leuten am Güngelbandc geführt wird, die ihn eher dem Abgrunde als dem Glücke cntgegenjagcn. Wie gesagt also, dieser Jüngling, der noch an dem wissenschaftlichen Gurte, der noch in den Windeln der Wissenschaft weich gewickelt ist, der ° noch ein Ehcdarbachur zu sein sich rühmt, muß um Alles in der Welt noch im Ei des Entstehens, eine Kanzel besteigen, ein Prediger sein und dieß Alles, weil cs die Tanten, die Onkel, die Geschwisterkinder De. so haben wollen. Um aber vor Allem den Effekt zu verdünnen, greift man nach einem Ahnen der sich in dem großen Rap0port vorführt. Wiewohl unzählige Beispiele lehren, daß große Männer einen erbärmlichen Rachwuchs aufzuweisen hatten, die als eine MiSgebnrt der Moral und als ein Ausbund der menschlichen Gesellschaft ihren Ahnen nur Schqndc machten, bezwecken wir keineswegs diese Bei spiele hier anzuwcnden, und wollen daraus nur die Lehre folgern, daß Ahnen auf die Beschaffung einer Existenz keinen Einfluß üben dürfen und nur „selbst ist der Mann" die Thorc zn einer solchen öffnet. Nomina sunt otliosa und man tarnt auf den Stammbaum wenig Gewicht legen, da oft der Stamm kräftig, vielversprechend, die Zweige hinge gen morsch und nichtsvcrhcißcnd sein können. So steht es mit dem Empfehlungsbriefe, der aus dem Grabe eines großeu Mannes hervorgcholt werden soll, um mit den, äußern Firniß ein noch nicht ausgesprochenes Talent, einen jagend lichcn Liebhaber, der mit der Kanzel kokcttirt, zu ttbcrtünchen. um einen ShlokiSmus zu schaffen, der da lauten soll . Weil der Großvater ein großer Gelehrter war; ergo muß der arme nervenschwache Entcl um allen Preis in der Well auch ein Gelehrter sein. Doch müssen wir gestehen, wenn uns die guten Tanie» und die Spiclgenossen des kanzelbcslisscncn Jünglings einerseits Mitleid erwecken, so obliegen nnS doch anderseits die Interessen einer heiligen Stätte mehr, in der jene Stelle von der ans das Wort Gottes verkündet werde, mit einem würdigeti Fachurannc und wahren Gottesgelehr len ansgcfüllt werden soll, nicht aber mit einem Jünglinge, in dem man sich noch einen t^ijinnaftaftcn vorznstcUcn glaubt. Allein cko gustibus non cst disputandum und wollen die Tanten und Onkel ynd jene ans Datikbarkeit, daß der zarte Enkel ihre Knäblein und Mägdlein gewissenhaft' unterrichtet hat, durchaus, daß der hoffnungsvolle Reffe predigen muß, so mögen sie Alles in drr Welt thnn, nur nicht einer Synagoge in der altchrwürdigcn Gemeinde Prag einen noch nicht für die Kanzel, reifen Dillctanten aufbürdcn; das hieße sich lächerlich machen und den Heimgegangenen gro ßcn Gelehrte» Rapoport blamircn, da dieser gewiß nie erlaubt Hütte, einen jungen Menschen, dem cs noch an Kraft zu sprechen gebricht und'der bisher nur bewiesen hat, daß er eine Rede aus bem vorliegenden Manuskripte herauslesen kann, die Kanzel zu besteigen. Da cs jedoch den gutmüthigcn Tanten, den talmudischcn Schulkindern darum zn thnn ist, den noch nicht kanzclrcisen Kandidaten auf tlnkostcn mehrerer lOOSynagogenmitgl., durchznbringcn und dieselben, uni die Zudringlichkeit lohnender zu machen, unter Anerbieten eine Zcitlang umsonst zn langweilen, wird der junge Mann malträtirt und der Vorstand der Rcusyiragoge intcrpellirt, crstercr müsse an den heiligen Tagen Iloscldiasehana und Jom Kipur predigen, weil cs die Tanten so haben wollen und Tanten haben oft großen Einfluß. Zur Erreichung dieser Interpellation, zur Erringung eines homiletischen Lorbeers für seinen Lehrer führt die männliche und weibliche Anhängerschaft des zarten Jünglings, dessen Frömmigkeit noch nicht erprobt ist, eine Armee, bestehend aus einem reiche» Kaute, aus Frömmlern, die dem Vorstände fern stehen lindRabbinatsjünglcch ins Feld um dem hochgelehrten Rabbiner Raber ein Schnip chcn zu spielen und die Gemeinde zu Tode zu langweilen.. Doch der Kauz, die Frömmler und die Rabbinatsjüng lech denken und die wackcrn Sana,zogen Geintindcinilgliederlenken; der homiletische Anfänger darf nicht predige» und-eine Majorität der Gcmcmdemilgliedcr verlangt vom Vorstände, daß Herr Or. Raber ail voegeananlen Tagen das Wort Gottes verkünden soll, was der Vorstand in Anbetracht der gerechten Anforderung in einer Sitzung znm Beschlüsse erhob. Dr. Raber predigte mit einem succcs d'estiine und kam nicht aus dem Eontcrt trotzdem ein abgerissener Thcil seiner Opposition die sich in einem Regoeiantcn und Fotografen verkörperte, ihn durch auffälliges Lachen*» konfus zn * Sollte» sich diese zur Demonstratio» aestempklten Bübereien nochmalwiederholen, so werden wir keinen Anstand nehmen, die Wanten drr Ruhestörer zu veröffentlichen, die sich dann di« Folgen werden