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Die Gegenwart · 1868-09-24 · 21 (24.9.1868) · p. Seite 222

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
21 (24.9.1868)
Date
1868-09-24
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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222 mit Lache idcntificiren, so erlauben wir uns auf die großpolitischen Blätter zu verweisen, in denen die Subjektivität eine conditio sine qua non ist, und wir sind gewiß, daß viele Uebelslände, wenn sic eine Verbesserung erheische», nicht emcndirt werden könnten, wenn nicht die Subjekte scharf gekennzeichnet und die Sprache der Kritik nicht oppositioneller Färbung sein würden. Derartige Eorrectivs, die Mancher in einer Anwandlung von Sinneslosigkeit als. ein Gaudium crNärt, die wir dem geehrten Leser als Pikanteric zu trcdcnzcn suchen, und sie für Krakchlsucht substituirt, werden uns oft eher zum onus, als sic uns ein Vergnügen bereiten. Wenn wir jedoch die Dinge, wie sic sind, wie sic sich mit unserem Gewissen, mit unserer ehrlichen Anschauung nicht vereinbaren, betrachten und bedenken, daß unser Blatt die Interessen einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung unseres Vaterlandes vertritt, daß cs das einzig und allein bestehende jüdische Drgan in demselben ist, welches Nichts seinem wachsamen Auge entgehen lässt, um eben nicht mir den abstrakten, sondern auch de» praktischen Nutzen desselben zur Geltung zu bringen, so finden wir in der Erfüllung unserer Aufgabe die größte Beruhigung und müssen alle gegen uns geschleuderten Anathemata zurückwciscn, gegen die Front zu machen wir jeder Zeit bereit sind. Ans Grund dieser festen Vorsätze ringen uns die von mancher unberusencn Seite gemachten Vorwürfe, die Bestcchlichlcit, erkaufte Parthcilichkcit und wie alle diese Schlag- Wörter heißen mögen, enthalten, mir ein Lächeln ab, und werden uns diese Verläumdmigcn, dem Munde eines verrotteten (Belichters entsprungen, das mit seiner Ehre und Menschenwürde bankerott ist, nicht aus der Fassung bringen, vielmehr uns stählen, auf der einmal vorgczeichnctcn Bahn vorwärts zu schreiten. Wer die Verhältnisse einer großen Gemeindc kennt, wie wir sie kennen, wer mit den engsten Falten derselben wertet, deßhalb znm Bei'ie» gegeben ii'iivbc, »'eil der twinitetische Demot'tenes im Auditorium. de» talmndthoraischen 5l)eatcrrefcrciiten der „Bohemia" bemerkte; sei es wie dem wolle, Herr Direktor Wirsing ivird ihm Dank wisse» und ihm wahrscheinlich demnächst - - für ihn und dessen ihenere Hälfte eine Freikarte schicken. Ja! Rekiame dachte ich mir, »mit »berat! sein und ging so meine Wege weiter bis ick, in die krenzgatse kam und da ein stattliches Gebäude bemerkte, das mit interkonsesiioncllen .(innen der gegenüber emporragenden Mirdte ui verkünden schien, daß alte Religionen friedlich nebe» einander bestehen könne». Dieses stattliche (Gebäude, das ich anfangs für einen Eirtns hielt, um so eher halten konnte, als ich beim Eingänge ans einer improvisirien Tafel las: morgen Börstel- Imig pnrdon! Predigt, flößte mir einen gewissen Respekt ein, mehr Respekt als mir dessen Vorstand einflößt, der durch Spendenerpressnng, durch Atticnromödien x. den Tempel zu einer Börse machte. Das Resultat dieser Komödie ivar, daß über no Männerst ge leer blieben, wo die größte Andacht geherrscht haben soll. Ich fühle, je mehr ich mir das Mnsenm anselte, ein desto größeres littbehagen und toi» lieber meine Augen an dem hoffnungsvollen Grün der Alltagsverhältniffe iveiden. Als ich neulich, aber nicht ans Anenipfehlnng eines Predigers, im Theater war, wohnte ich leider, ich habe mir den Theaterzettel grade dießmal nicht angesehen, der Aufführung einer Art Bluette bei, die stch „Gegenseitig" nennt, und den großen Weift des Verfassers wir tvisien nicht ob an dent Stücke ein oder mehrere partieipjren - verräth und staunte nur Tags daraus, als ich diese mit einem vom Pnbltknin an Mißfatlen grenzendem Stillschweigen ansgenommene Mache in einem einzigen Journale großartig bcurtheilt und den Berfasier gloristcirt fand, während derselbe Berfasier und sein Machwerk in allen ander» Blättern „gerissen" wurde. Wenn ich einmal Theaterdichter werden sollte, so innß vor Allem mein Bater in der Repräsentanz sitzen, ob er das Maul anfmacht oder nicht, das kümntert mich nickt — der Theaterkritiker mtiß Lehrer att einer Talmud - Thoraschule sein, bei dem ich pro forma Latein lernen würde, um einett Vorwand zu haben, ihn für die Sttmdc»mit Einem Wulbeii zu bezahlen. So würde ich thun, dann mag „Gegenseitig". „Verrückt" oder „Plauderstunden" ..Durchgefallen" heißen; ich bin der traut ist und die Kabalen und die mit ihrer scharfen Schneide bis an die letzte Faser des moralischen Jch's der Menschen — der Ehre —reichenden Jntrigucn mancher Kotierte übersieht, wer der feingesponnenen Fäden der Arglist utzd Ränke ansichtig wird, die sic tun die moralische Existenz manches Biedermannes spinnen, wird die Blasphemien solcher Ehrattcntätcr ebenso von sich weisen, wie wir. Es darf sonach nicht wundern, wenn eine Clique ans znsainmcngclaufenen Buben, die nach Prag kommen, um den WohlthätigkeitSsinn der jüdischen Bevölkerung für sich in Anspruch zu nehmen, sich wie die Kletten an derselben hängen, tun erst an deren Brod, dann an deren Ehre zu zehren, wenn diese verkommenen Jungen, unter dent Vorwände sich in Prag geistig auSbilden zu wollen, sich zu einem Pöbelhaufen zusammenrotten, und als gedungene Ehrcnhenker den einen, moralisch vernichten, um den andern zu einer Stelle zu'verhelfen, je nachdem der Exccß sich ihnen lohnt; wer diese Jammergestalten beobachtet, die wie Vamphrc an deit Leib der gr oßstädtischcn Juden saugen und einige auserkorene Protcktionsspcnder umflattern,- die sie dann gut ansgcrnpft als ein Aas behandeln, um cs mit Hyänenwnth zu verzehren, der wird deren ^cistuttgSfähigkeiten begreifen, die diese Sansculotten zu einem hoffnungsvollen Proletariat machen und wird zur Besinitung kommen, welche Horde die Prager -Judengemcinde für ihre Cultusstenern an ihrem Bus en nährt und zu welchem Ziele Talmudthoraschnlen nach der pragcr modernsten Facon fuhren. Wir sind uns unserer nnpartheiischnt Anschauung bewußt, die sich durch die Anschwärzung gemeiner Seelen nicht verdrängen läßt und kennen diesen Ercaturcn, die in erbärmlichster Weise ihr moralisches Dasein fristen, mit der Erklärung cntgegentrctcn, daß wir uns nie und nimmermehr für Geld eine andere Ueberzcngung aufdrängen oder durch schöne Worte uns bestechen lassen; denn wir fühlen den öffentliclien Meinung gegenüber des Erfolges gewiß. Hätte Frau i Verstng.Hanptntann bei einem Talinnd-Thoralehrer Unterricht genoin- > men, so hätte ste sich nicht so leicht der Gefahr ausgesetzt, daß ihrer Künstlerschaft nahe getreten werde tind sie hätte sich die Druckerschwärze erspart, die an einem atheistischen Lehrer verschwendet wurde. So hätte die von dem Talntudrefereitteit betitelte gnädige Frau verfahren sollen und ich bin fest überzeugt, es würde ihr Recht widerfahren sein. Ick) meines Erachtens höre noch immer lieber die Frau Hatiptniann, als ich den Seligmann lese; denn wenn ich mich nur an jenes Gedicht erinnere, wo „danken" von „denken" herkommt, so bin ich über manchen Mritifer schobt im Klaren. Wenn ich der Berfasier der ersten deutschen Schicksalstragödie gewesen wäre, ich hätte sie gewiß genannt : „Talmud und Referent" oder „der Schlemihl." Die Lustspiele sind heute an der Tagesordnnng und so wie die Tbeaterhabitnes der jetzigen Periode „die schöne Helena," „die Weiber von Georgien," „der Blaubart" interesiirt, so sehe ich jetzt sehr oft ans der Weltbühne das Stück im religiöse» Genre „Hinüber, herüber" abspielen. Immerhin habe ich vor einem Referenten mehr Achtung als vor einem Zeitnngsnotitzler, der das letzte Rad am Wagen oder wie man sagt, der Kehrbesen der Redaktion ist, der ans der Gasse die Renigkeiten zn'animensegt, um sie ins Bureau zu tragen. Als mir j ingitens das vrager „Abendblatt" zu Gesichte kam und die g Rotip sich mir unter a.idern Rotitzen nnterlief, betiierfte ich zu meinem Erstaunen, daß sich der Rotitzler erlanbte, die Inden „halssiärl'i'g" zu nennen und den Rosch'.iaschanah mit dem Theater im ..(»sammenhange zu bringen. Ich entschuldige zwar den armen jüdischen Reporter, der es besier verstand, mir meine Hosen zu nähen, damit, daß er an Flickzeug stets gewohnt tvar, doch wünsche ich ihm, er möge noch bei Zeiten zu seinem früher» Handwerke znrückkehren und sich um die HalSstärrigkeit der Juden nicht kümmern. Hiemit wäre ich versöhnt tmd wünsche, zunt Schlüße, daß am bevorstehenden Ioinkipur, jene meiner Glaubensgenosien keine gastrischeit Ezercitien machen, während ich tnich dttrch andächtiges Beten und Fasten kaffele.

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